Meine Zeit war gekommen! -- -- --

Mein Sinn ist dunkel, dunkelgolden ist mein Sinn, es kreist etwas in meinem

Hirn. Ich habe ein lautes Herz in der Brust.

Ich gehe umher, berühre die Schränke, Tische, als ob sie von Fleisch wären,

ich gehe umher und spreche mit mir selbst. Ich ziehe die Vorhänge des

Zimmers zu, so daß es ganz golden um mich wird. In einem goldenen Zimmer

sitze ich und lächle vor mich hin. Ich nehme den Stock und wandere. Mit

großen Schritten, in weiten Kreisen muß ich gehen. Mein Schritt hallt durch

schlafende Dörfer, die Hunde kläffen, ich wandere, in weiten Kreisen muß

ich wandern. Ich lächle. Die Sterne lächeln. --

Ich ließ anspannen und fuhr nach Graf Flüggens Schloß.

Ich hatte mich sorgfältig rasiert und eine weiße Binde umgebunden. Ingeborg

war nicht zu sehen.

Graf Flüggen erschöpfte sich in Liebenswürdigkeiten. Er war ein gebückter

Greis mit langem Barte, wie ein Zwerg kam er mir vor. Ich zog das Gespräch

in die Länge, erzählte von fernen Ländern und ihrer Sonne, Ingeborg war

nicht zu sehen.

Wagen liefen durch den Abend, vorüber an meinem Hause. Ich sah nicht wer

darinnen saß. Über Rote Buche stiegen bunte Leuchtkugeln in die dunkele

Nacht. Ein Fest! dachte ich. Mitten in der Nacht rollten die Wagen wieder

die Bergstraße herauf. Ingeborg saß im vordersten Wagen, ich erkannte sie

an ihrem Hute, ich erkannte sie an dem Wirbeln meines Herzens.

Harry Usedom ging zweimal im Laufe einer Woche an Edelhof vorüber, er ging

schnell den Berg hinauf, langsam und schwebend den Berg hinunter. Es gingen

Dinge vor sich.

Wie ein Knabe durch ein Astloch in eine Schaubude späht, so spähte ich in

diese Dinge. Sie huschten und zuckten an meinen Augen vorüber.

Ein leises trauriges Lied klang eines Abends durch meine Seele.

Mich fröstelte . . . . .

Eines Abends, als der Wald rot leuchtete in der untergehenden Sonne,

begegnete ich Ingeborg und Harry Usedom droben auf der Höhe. Sie kamen des

Weges daher, trugen große Sträuße von Maiglöckchen in der Hand und lachten.

Ich sah es, ich hörte es. Lächelnd kamen sie beide heran, in Ingeborgs

Augen schimmerte nicht die leiseste Erinnerung an jenen Abend.

Harry Usedoms Augen strahlten. Nie hatte ich solche Augen gesehen, sie

hingen wie Lampen in seinem Gesichte und sein Gesicht, das immer weiß und

krankhaft erschien, war von einer feinen Röte des Glückes überzogen.

»Die Herren kennen sich? Natürlich -- -- natürlich --« sagte Ingeborg und

lächelte. Dann sprach sie mit Pazzo, und ich wechselte einige Worte mit

Harry Usedom. Ob es ihm auf Rote Buche gefalle. Sehr schöne Wälder, nicht

wahr? Prachtvolle Wälder! Und den See habe er auch noch!

Es gefalle ihm sehr gut auf Rote Buche! Seine Augen strahlten, sie waren

wie dunkle Höhlen voller Geschmeide. Ich mußte immerfort diese strahlenden

Augen ansehen.

Er schreibe gegenwärtig eine Oper. Die Konzertreisen wolle er aufgeben.

Harry Usedoms Lippen waren breit, in den Mundwinkeln gekräuselt. Sie

erinnerten an Orangenschnitten. Sie waren rot.

Die Herren zogen den Hut, Ingeborg nickte und verneigte sich leicht, wir

trennten uns.

Ich bog in den nächsten Seitenweg ein und zündete mir die Pfeife an. Viele

Dinge wirbelten im Rauch der Pfeife vor meinen Augen herum.

Pazzo sah mich an. Er kannte mich genau, und als ich ihn ansprach, sprang

er an mir empor, um mich zu liebkosen. Ich streichelte ihm den Rücken mit

sanfter Hand -- immer auf und ab.

Einige Tage darauf. Ich ging mit Ingeborg oben auf der Höhe, am Waldesrande

entlang. Die Sonne stand schräg und schon etwas rot über dem Walde und warf

einen schattigen, dunkelen Spitzenkragen über den Hügel. Auf diesem

Spitzenkragen schritten wir dahin, hoch über dem Tale und seinen kleinen

Dörfern und blitzenden Bächen. Sonnenflecken zuckten über Ingeborgs Kleid

und Gesicht, wir sprachen nichts. Pazzo schritt neben uns her, er tauchte

mit Behagen die schlanken Füße in das hohe, saftige Gras.

Ingeborgs Gesicht erschien grün im Widerschein des Grases und des Waldes,

zuweilen kam die Sonne, dann glühte es für einen Augenblick.

Ingeborgs Stirn war voller Gedanken.

Wir kamen an eine Bank und Ingeborg sagte: »Wollen wir uns ein wenig

niederlassen?« Sie blickte mich kurz an, während sie die Frage stellte. Ich

war ihr dankbar für den Blick und für die nichtssagenden Worte. Sie fühlte

es, denn sie blickte mich nochmals an und prüfte meine Mienen. Ich merkte

es sehr gut. Ich stellte das Gewehr an einen Baum, Pazzo bewachte es.

Hinter der Bank sang ein Vogel. Ich lauschte, was für ein Vogel war es

doch? Es war ein Vogel, den ich noch nicht gehört hatte. Vielleicht hatte

er sich verflogen.

Es hatte sich manches geändert, das sah ich wohl ein. Ich saß neben

Ingeborg und mein Herz klopfte. Ingeborg saß mit gleichgültigem,

verschlossenem Gesicht da, das Kinn in die Hand gestützt und interessierte

sich für die jungen Heupferdchen, die im Grase herumschnellten.

Eine feine Falte zog zwischen Ingeborgs Brauen, ich wagte es nicht, zu

sprechen. Wenn sie bei schlechter Laune war, weshalb ging sie dann nicht?

Sie saß so nahe, daß ich meine Hand nicht neben mich legen konnte, ohne sie

zu berühren, und plötzlich stieg mir das Blut in den Kopf, so nahe saß sie.

Ich fühlte ihre Wärme.

Ich saß still, ich regte mich nicht, ich dachte an die feine Falte zwischen

Ingeborgs Brauen. Sie konnte über mich befehlen, ja, das konnte sie. Ein

Wink und ich verschwand, und ich trat ihr nie wieder unter die Augen. Ich

verließ die Gegend, wenn sie es verlangte, meine Gegenwart sollte ihr nicht

die Laune verderben.

Schön lag das Tal zu unsern Füßen, und bis auf die kleine Falte Ingeborgs

wäre alles herrlich gewesen. Ein Bauer mähte mit einer blitzenden Sense

tief unten, er war nicht größer als eine Ameise. Über dem Tale flimmerte es

in einer grünen Wiese wie von einem Edelsteine, aber es war nur ein Stück

Glas, eine zerbrochene Flasche, die dort blitzte. Drüben lagen zerstreute

Häuschen, still, sie schienen unbewohnt zu sein.

Da tauchte plötzlich aus dem nahen Kornfelde ein Spaten auf, dann ein Hut,

ein Kopf, der Kopf hüpfte auf und ab und verschwand wieder im Korn und auch

der Spaten tauchte unter.

Dieser hüpfende Kopf scheuchte mich aus meiner Versunkenheit auf. Ein

wahnsinnig kühner Gedanke schoß durch meinen Kopf. Wie, wenn ich einfach

meinen Arm um Ingeborg legte und sagte: Nun --? Es ist schön hier neben

Ihnen zu sitzen und das Tal zu betrachten. Stundenlang könnte ich hier

neben Ihnen sitzen, wenn Sie auch nichts sprechen.

Ich bewegte die Lippen, feuchtete sie an, dann sagte ich: »Es ist schön

hier zu sitzen und das Tal zu betrachten.«

Ingeborg nickte. »Ja,« sagte sie.

Im Tal ging der Mann mit dem Spaten, klein, blau. Mein Herz krampfte sich

zusammen. Die Glasscherbe drüben im Felde hörte auf zu blitzen, die

Schatten stiegen. Ich heftete die Augen auf die Häuschen uns gegenüber. Sie

waren bewohnt, vorhin war eine Tür offen gestanden, jetzt hatte man sie

geschlossen. Aus dem Walde, der den Hügel oberhalb der Häuschen bedeckte,

kam etwas hervorgekrochen. Es sah aus wie ein Kärrchen, das von weißen

Mäusen gezogen wurde. Etwas Weißes ging nebenher, etwas Weißes lag auf dem

Kärrchen. Er war ein Müller, der Säcke auf einem Karren fuhr, den zwei

Schimmel zogen. Die Beine der Schimmel verschwanden im Getreide. Das

Kärrchen fuhr bis zu den kleinen Bauernhäuschen. Dort machte es Halt, und

einige Leute kamen aus den Türen. Eine Magd schlug auf die Säcke und Mehl

stieb heraus, ein rundes Wölkchen, als habe sie geschossen.

Das alles sah ich ganz genau, während sich mein Herz zusammenzog.

Ingeborg bewegte einen Fuß, ich erschrak. Sie bewegte wieder einen Fuß, ich

erschrak. Ja, nun stand sie auf. Wir gingen. Im Walde war es dunkeler

geworden, immer dämmeriger wurde es. Der Himmel leuchtete rot wie Wein

durch die düsteren Wipfel. Lang war unser Weg, wir sprachen nichts.

Ein Vogel zwitscherte. Ich lächelte. Ingeborg sah mich an.

»Ich muß an einen Traum denken, Fräulein Giselher,« sagte ich. Ich sprach

sehr schnell, ich wußte, daß ich nun sprechen konnte und die Freude

durchrann mich. Ich fuhr fort. »Ich muß an einen Traum denken. Ich denke

oft, was es doch für eine sonderbare Sache mit der Seele des Menschen ist.

Heute denke ich nicht daran zu stehlen, aber morgen habe ich den Wunsch es

zu tun und übermorgen tue ich es. Aber vor drei Tagen, da dachte ich noch

nicht daran. Nun sitze ich im Gefängnis und denke über mich nach. Plötzlich

fällt mir ein, daß ich schon zuweilen vom Stehlen geträumt habe. Ja, was

sage ich da. Es paßt nicht hierher, ich wollte es auch nicht sagen, ich

wollte sagen, unsere Seele hat ihre besonderen Wünsche, aber wir kennen sie

nicht. Was wollte ich sagen? Ich wollte Ihnen von einem Traume erzählen,

den ich hatte. Ich träume die sonderbarsten Dinge der Welt zusammen. Nun

hören Sie, vor einigen Wochen träumte ich von einer Stimme. Welch eine

Stimme war es doch! Berückend schön war sie. Ich liege im Bette und träume,

daß ich im Bette liege und eine Stimme spricht zu mir. Sie sollen hören,

wie sonderbar wir uns unterhielten, diese Stimme und ich. Diese Stimme

sagte, daß sie nur mich wolle und keineswegs den Leuchter aus Bernstein und

die Schuhe aus Perlmutter. Nein, nein, nur dich, sagte sie. Und ich lag und

lächelte und verlor fast die Besinnung, so herrlich und berückend klang die

Stimme. Dann sagte sie, daß wir eine Hütte am Strande haben würden, eine

kleine Hütte. Du bist ja ein Fischer, sagte sie. Ein Feuer wird auf unserm

Herde brennen und du wirst mir die Schuhe mit Fischschuppen bekleben. --

Darauf antwortete ich ihr: ja! Ich werde am blauen Grunde des Meeres

herumwandern und nach schönen Dingen für dich suchen. Vielleicht finde ich

auch ein hübsches Messerchen für dich, sagte ich.«

Ich lächelte und fuhr ebenso hastig fort: »Die Stimme sagte darauf, ich

solle mich vor den Sägefischen in acht nehmen, da drunten im Meere. --

Haha! -- Ich aber fuhr fort: einmal wird auch eine Kiste an den Strand

geworfen und wenn wir sie aufbrechen, so fallen lauter alte Kronen heraus,

goldene Reifen mit grünen und roten Steinen, Zepter und Spangen. Auch ein

Haarpfeil ist für dich dabei. Darauf jubelte die Stimme und begann zu

singen: ich erwachte und im Garten sang eine Nachtigall.«

Ich blickte auf Ingeborg und wartete darauf, daß sie etwas sagte. Aber

Ingeborg bewegte keine Miene, schmal, gleichsam erfroren sah ihr Gesicht

aus. Sie schüttelte den Kopf.

»Es sang eben ein Vogel im Walde, da mußte ich an die Stimme und den Traum

denken,« sagte ich.

»Ja, aber -- ich verstehe den Zusammenhang nicht,« entgegnete Ingeborg.

Die Falte zwischen ihren Brauen war tiefer geworden.

Zusammenhang? War kein Zusammenhang da?

»Ich mußte doch mein Lächeln begründen, Sie blickten mich an, dann glaubte

ich Ihnen sagen zu müssen, weshalb ich lächelte. Es war vielleicht

ungeschickt von mir.« -- --

Wir kamen an Graf Flüggens Schloß. Die Pfeiler des Gitters trugen Löwen aus

Stein, die zwei Wappen vorhielten. Mit Moos bedeckt waren die Löwen, als

habe man Kübel von Schlamm über sie gestülpt.

Ingeborg bot mir die Hand. Ich blickte sie an. Sie verstand meinen Blick

recht gut. Sie senkte die Augen, dann sagte sie: »Ich habe Harry Usedom

mein Wort gegeben.«

Ich verneigte mich. Ich verneigte mich tief, mein Unglück drückte mich

nieder. Ich war voller Demut.

»Ich wünsche Ihnen Glück!« sagte ich mit ruhiger, tiefer Stimme und nahm

den Hut ab.

Ich ging . . . . .

Ich ging hinein in den Wald, stolperte hin und her, wußte nicht, ob ich

nach rechts gehen sollte oder nach links. Es war auch einerlei.

Ich lachte leicht auf, wie einer der friert. Hahaha, lachte ich, hahaha!

Aber gleichzeitig hatte ich den Drang in mir, mich auf den Boden zu werfen

und liegen zu bleiben.

Dann besann ich mich auf den Weg und steuerte meinem Hause zu.

Es war spät, die Sterne tauchten am Himmel auf.

Etwas Weißes saß auf der Treppe meines Hauses. Es war Ingeborg.

Sie erhob sich und eilte auf mich zu.

»Nein! Nein!« rief sie.

Sie kam zu mir her, faßte leicht meinen Arm und blickte mir von unten

herauf in die Augen. Wie war der Blick? Voller Suchen, voller Staunen,

voller Glanz. Sie lächelte und schmiegte sich an mich.

Ich legte meinen Arm um sie und küßte sie auf den Mund.

8

Wie oft küßte ich Ingeborg? Ich habe es nicht gezählt. Auch Ingeborg hat es

nicht gezählt.

»Siehst du nun?« sagte ich und küßte sie.

Sie lächelte verzückt und bot mir den Mund und die Stirne zum Kusse. »Du

sagtest, du könntest nicht mehr lieben!«

»Ja, siehst du nun?« sagte ich und küßte sie.

Ach, nach Hause, nach Hause, nein, nein. Jetzt nach Hause? Nein, nein! Wer

denkt auch daran? Du? Nein, nein, keiner denkt daran.

Wie war dieser Abend? Er war wie der Wind, der über Blumen gegangen ist. Er

war wie der Traum von zwei Vöglein, die in einer Rosenhecke schlummern.

Gott sandte uns ein Lächeln und Grüße, viele Grüße.

Die Sterne kamen herauf, haha! Blau und voll geheimnisvoller Liebe war der

Himmel. Wir saßen unter einem blühenden Apfelbaum, er schäumte von Blüten.

Die weißen Blüten und der blaue Nachthimmel, es war Tausendundeinenacht, es

war Himmel.

Ich sah Ingeborg an und sagte: »Schön, schön, schön bist du! Du verschenkst

Himmel!«

Und ich schüttelte den Apfelbaum, da fielen die Blüten über Ingeborgs

schönen Scheitel.

Ingeborg sagte: »Nein, du bist schön! Du weißt es nicht. Du bist so schön,

als wärst du kein Mensch! Deine Augen sind so warm und rein, du hast

Kinderaugen, weißt du es?«

Nein. Mein Herz pochte.

»Ich glaube, du könntest sterben unter Mörderhänden und deine Augen würden

sich nicht verändern. Solche Augen hat Jesus Christus gehabt, ich weiß es!«

Mein Herz pochte.

In meinem Kopfe sprühte es. Ich hatte einen weißen Stern in meinem Kopfe.

»Höre, süße Ingeborg,« sagte ich, »was denkst du! Eben fällt mir eine

Legende ein. Gerade in diesem Momente. Es ist die Legende von der Mutter

Gottes und dem erfrorenen Weinstock.

Du mußt sie hören, denn sie paßt so gut. Denke dir, alle Weinstöcke treiben

und grünen, nur einer nicht. Er ist erfroren. In einer Nacht packte ihn der

Frost. Ich erzähle schlecht, ach, entschuldige.

Ja. Aber da kam die Mutter Gottes des Weges daher, und nun höre: wie an den

Fenstern hundert Augen erscheinen, zieht die Königin vorüber, so schlugen

plötzlich Blüten aus allen Reben, und wie Kinder die Ärmchen ausstrecken,

kommt die Mutter gegangen, so streckten sich überall Ranken und Blätter

nach der Mutter Gottes aus. Verstehst du?«

»Schön! -- Wo hast du sie gehört, die Legende?«

»Gehört? Nein, sagte ich nicht, daß sie mir eben einfiel, diese Legende, in

diesem Augenblick?« -- --

Es ist spät. Gute Nacht, gute Nacht, gute Nacht! Hat jemand eine Ahnung,

wie leise man gute Nacht sagen kann? Immer leiser und leiser und doch hört

man es noch. Und wie man es sagen kann? daß es soviel bedeutet! -- -- --

»Gute Nacht, du mein Himmelreich!« -- -- -- --

Ich war allein. Plötzlich stand Pazzo vor mir und blickte mich an. Niemand

hatte ihn mehr gesehen. Ich ging nach Hause, durch den stillen weiten Wald

ging ich nach Hause. Mitten im weiten feierlichen Walde begegnete mir Gott.

Bist du es, Axel? sprach Gott zu mir.

Ich kniete nieder. Ja.

Gott hauchte mir seinen Atem ins Gesicht.

Ich ging. Auf einer Lichtung begegnete mir der Frühling. Nackt und keck. Er

kicherte. Verstehst du mich? sagte er. Er hatte hellgrüne Augen. Ja, sagte

ich und lächelte, zuerst den kleinen Apfelbaum an der Parkmauer, dann

Liselotte -- -- --

Ich habe meine Dinge vor mit dir! sagte der Frühling und kitzelte mich

unter dem Kinn, daß ich lachen mußte.

Ich ging hin und her im stillen weiten Walde.

Jemand begegnete mir.

Bist du es wieder?

Ja, ich gehe rings im Kreise, sprach er.

Ich kniete nieder. Er berührte meine Lider mit dem Finger, da sah ich meine

frohen Tage vor mir liegen. Meine Augen wurden feucht.

* * * * *

Ich bin glücklich, kann es ruhig sagen. Ich liege im Grase vor meinem

Hause, es duftet, ich rieche Harz und Waldmeister. Die Maikäfer segeln über

den Himmel, sie schwirren über meinem Kopfe. Die ganze Nacht hindurch liege

ich da und sehe mir die Sterne an. Wenn ein Stern blinzelt, so muß ich

ebenfalls blinzeln, silberne dünne Finger fahren nach meinen Augen. Wenn

ein Stern zittert, so spüre ich das leise Zittern in der Mitte meines

Herzens.

Ich sehe in die Sterne und mein Herz klopft. Es durchrieselt mich, die

Sterne liebkosen mich.

Ich höre den Frieden da droben. Er lispelt.

9

Der Tag graut. Nebel ziehen. Ein Mann sitzt auf der Höhe. An seiner

Lodenjoppe hängen feine Tauperlen, er hat den Hut aus der heißen Stirne

gerückt. Der Nebel zieht in Schnüren an ihm vorüber.

Es blitzt in der Nebelwolke, blitzende Schwerter fahren hin und her. Der

Nebel zerreißt, Tannenwipfel tauchen empor, sie glühen rot. Durch einen Riß

blickt ein Streifen blauen Himmels, ein Eck fahlgrüner Wiese, kleine

Bauernhäuser mit blinzelnden Fenstern. Langsam weicht der Nebel zurück in

die Wälder, die letzten Fetzen schlüpfen ins Geäst der Buchen.

Der Mann blickt über das Tal. Es ist wie eine große Muschel, in der alle

Farben zusammenfließen. Eine Reihe von Schnittern schwingt tief unten in

gleichmäßigem Takte die Sense. Die Fenster der Bauernhäuser sehen mit

leuchtendem Staunen in die aufsteigende Sonne. Der Wald trieft und atmet

tief auf in der Wonne des Erwachens. Es klingelt im Walde von hellen

Vögelstimmen.

Des Mannes Augen sind geblendet vom Lichte. Die Sonne ist noch nicht rund,

da kommt ein Mädchen aus dem Walde. Sie ist naß vom Tau wie Blumen und

Gräser. Sie läuft, daß die Röcke fliegen.

»Ich wollte auf dich warten!« ruft sie, daß es klingt, »ich wollte zuerst

da sein!«

Sie lacht, sie weint, sie stürzt sich an des Mannes Brust.

Des Mannes Hände zittern.

Die Sonne geht auf und scheucht die Nebel in die Wälder, wir gehen durch

den Wald, die Sonne sinkt hinter goldenen Höhen, wir gehen zusammen, wir

zwei. Wir blicken in die Höhe, die Wipfel der Buchen sind durchsichtig,

hellgrün wie Wasser, wir gehen wie in einem hellgrünen Meere, dessen Grund

die Sonne erleuchtet.

»Es ist Mittag,« sagen wir.

Tag um Tag. Mein Herz klopft.

Wir treffen uns auf der Bank auf der Höhe. Ingeborg erzählt mir, wie sie

zur Bank eilt.

Ja, zuerst geht sie schnell, sehr schnell, dann läuft sie und zuletzt

fliegt sie durch Dick und Dünn und es geht immer noch zu langsam.

Ich lächle.

»Ich habe die ganze Nacht gesessen und an dich gedacht!« sage ich.

Ingeborg nimmt das Kettchen mit dem goldenen Medaillon vom Halse und drückt

es mir in die Hand.

Hastig, als könne es jemand sehen.

»Nimm,« sagt sie, »nimm! Ich habe nichts, das mir mehr wert wäre.«

»Erlaube, daß ich die Spitze deines Schuhes küsse!« sage ich.

Ingeborg kommt am Abend in den Birkenhain vor ihrem Hause, sie trägt ein

kleines Heft in der Hand.

»Nimm,« sagt sie, »nimm! Es ist ein Schulheft, ein kleines Heft, vielleicht

macht es dir Freude?«

Ich muß mich abwenden. Ich danke Ingeborg im tiefsten Herzen. Ich nehme den

Hut ab und gehe neben ihr her.

»Warum trägst du den Hut in der Hand?« fragt Ingeborg.

»Es ist schwül im Walde,« erwidere ich.

Ingeborg zieht eine Photographie aus der Tasche. Sie lacht.

Da steht er, die Geige in der Hand und sieht uns an mit seinen großen

Frauenaugen.

Ingeborg lacht. »Er ist dumm und hochmütig,« sagt sie und zerreißt das Bild

kreuz und quer.

Die Stücke wirft sie ins Gebüsch.

Ich lache. »Ja, er ist dumm und hochmütig,« sage ich.

»Ich möchte dir alles schenken, was ich habe!« sagt Ingeborg.

Ich weiß nicht, was ich darauf erwidern soll.

Ich drücke ihr die Hand.

»O!« sagt sie und schließt halb die Augen. »Ich träume.«

* * * * *

Meine Augen sahen in die schöne Welt und ich hatte das tiefe Gefühl, daß

ich zu ihr gehörte und mich nicht zu schämen brauchte.

Mein Herz war schwer und reich und es füllte mir die Brust mit süßer Bürde.

Dankbarkeit und Staunen und Liebe war mein Herz in dieser Zeit.

Ich sah Ingeborgs schwebende Gestalt neben mir hergehen und staunte und war

dankbar, jenem Geiste dankbar, der sie mir schickte in diesem Frühling, ihr

dankbar, daß ich neben ihr einhergehen durfte. Ich wünschte mir nichts

anderes, als neben ihr einhergehen zu dürfen. Das war Glück!

Ich konnte einschlafen, während ich neben Ingeborg einherging, die

Besinnung verlieren, ich hatte keinen Gedanken mehr im Kopfe, keine

Klarheit. Klarheit? Ach -- hahaha -- -- nein, ich war betäubt, kein

Gedanke, keine Klarheit.

Ingeborg fühlte meinen Blick, sie kam heran, gab mir die beiden Hände und

blickte mir in die Augen und lächelte. So standen wir lange, Gott weiß wie

lange, wir wußten ja nichts mehr.

Ich kannte ihre Augen ganz genau. Oft dachte ich, immer dachte ich an ihre

Augen. Sie sind wie Türkise, glänzende Türkise, aber was will das sagen? Es

ist ein eigentümlicher, suchender, strahlender Blick in ihnen, etwas

Blitzendes, ich besinne mich, in meinem Kopfe ist es wie ein

Wetterleuchten. Ich habe den Ausdruck ihrer Augen vergessen. Ich sehe sie

wieder an, diese Augen ja, es ist etwas Blinkendes, Schimmerndes in ihren

Augen, niemand kann es im Gedächtnis behalten. Ihr Gesicht ist schmal,

spitzig dem Kinn zu, es lugt aus den goldenen Quasten hervor, die über die

Wangen herabhängen und nahezu die Brust berühren, wenn sie den Kopf senkt.

Ihre Wangen sind schmal und leicht gerötet, sie bekommen Grübchen, sobald

sie lächelt.

Ein verzücktes Lächeln hat sie und alles lächelt an ihr, sobald sie

lächelt, nimmermehr kann ich dies Lächeln vergessen, es umschwebt mich Tag

und Nacht. Ich kenne es gut, aber jeden Tag erscheint es mir neu. Jeden Tag

entdecke ich es, dieses Lächeln, und es rinnt durch mein Blut, daß es

heiter und fröhlich wird.

Heute denke ich, ein goldener Ton ist über ihr Gesicht gebreitet wie über

die Bildnisse alter Meister. Und morgen denke ich: ja, etwas von dem Golde

reifer Ähren ist über ihr Gesicht gestreut. Und übermorgen denke ich, daß

sie die Farben der Wiesen und Felder im Gesicht hat, das Gold der Ähren,

das Blau der Vergißmeinnichte, das Rot der Erdbeeren. Ingeborg, Ingeborg

. . . .

In dieser Zeit schrieb ich einen Brief an meinen Freund, den Dichter Karl

Bluthaupt. Ich bin glücklich, schrieb ich, komme sofort! Ich bin sehr

glücklich, große Dinge geschehen, ich wohne auf der Sonne, in einem Garten

auf der Sonne, in der Nachbarschaft der schönsten Engel, ich bin glücklich,

komme sofort.

Noch viel mehr schrieb ich. Nun, Freund Bluthaupt war ein Dichter, der wird

wohl verstehen, wenn er liest: ich bin glücklich, ich bin sehr glücklich.

Ein Meer von Glück ist über mich gestürzt, ich bin glücklich . . . .

Zwei Stunden hatte ich zu gehen, um diese Botschaft meines Glückes zur Post

zu bringen. Ich ging in der Nacht, lachte und schwang den Brief hin und

her.

Ich bin glücklich, wohne auf der Sonne, in einem Garten auf der Sonne. Ein

Bach von Glück bewässert diesen Garten, die Blumen lachen. Näheres mündlich

-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

* * * * *

Wir gingen durch den Wald, einen hohen Tannenwald. Pazzo spitzte die Ohren

und blieb stehen.

Er schlug an.

»Ruhe, Pazzo,« rief ich.

Pazzo gehorchte, schlich zu mir heran und blickte ins Dickicht.

»Es ist jemand im Walde,« sagte ich. »Es ist ein Mensch im Dickicht, kein

Tier, ich kenne Pazzo.«

Ingeborg sah mich an und erblaßte. Wir gingen weiter.

»Laß uns ins Freie gehen,« sagte Ingeborg. Sie zitterte.

Vielleicht sei es Usedom gewesen?

Sie legte die Hand auf meinen Arm und sah mich prüfend an.

»Was denkst du?«

Ich lächelte. »Schön bist du, Ingeborg! das dachte ich. Gütig bist du,

Ingeborg!«

»Laß es dir erzählen, Axel. Höre mir zu. Er schleicht herum, ich weiß es.

Seit ich ihn kenne, schleicht er mir nach. Schon als Knabe war er so. Er

ist so aufdringlich und so hochmütig. Ich fürchtete mich früher vor ihm,

besonders vor seinen Händen fürchtete ich mich. Ich habe nichts mit ihm

gehabt, ich haßte ihn. Ja, es ist wahr, zuweilen liebte ich ihn auch.

Damals war ich ein dummes Mädchen, ich war stolz auf ihn. Er bekam immerzu

Blumen von den Frauen geschickt, er warf sie weg. Er hatte eine Busennadel

von einer Königin, er schenkte sie einem Bauernknaben. Ich will mir auch

nichts von einer Königin schenken lassen, sagte er. Das gefiel mir, ich war

ja so töricht damals. Ich hatte es gerne, wenn er vor mir stand, dann sahen

seine Augen aus wie die eines Hundes. Es ist alles Verstellung, er ist so

hochmütig und dumm. Immer spricht er von sich, von seinen Konzerten und daß

die Leute an den Bahnhöfen stünden, um ihn zu erwarten. Er weinte immer vor

mir. Ich weine vor dir, sagte er, tausend und abertausend Frauen gäben ihr

Leben für mich und du blickst mich nicht an.« -- --

Einige Tage darauf gingen wir wieder durch den Wald, und wieder schlug

Pazzo an. Es war in einem Walde hoher dicker Buchen. Pazzo bellte und

sprang in den Wald hinein. Harry Usedom kam hinter einer Buche vor.

»Rufen Sie Ihren Hund zurück!« rief er und zog die Hände an sich.

Er stand am Wege und sah Ingeborg an.

Sein Gesicht war fahl, grau, tiefe Ringe zogen um seine Augen, die matt

glänzten.

Sein schmales Gesicht sah aus wie das einer Frau, die dem Tode nahe ist.

Seine Lippen zuckten, er hatte die Linke auf das Herz gelegt, und die

Finger begannen nervös zu trommeln.

»Ich suchte Sie seit vielen Tagen zu sprechen,« sagte er, »ich wollte Ihnen

nur dies sagen: Sie haben ein kurzes Gedächtnis, Fräulein Ingeborg!«

Er griff an den Hut, wandte sich um und ging mit schnellen Schritten in den

Wald hinein.

»Komm,« sagte ich zu Ingeborg, indem ich meine Hand sachte auf ihre

Schulter legte.

Ingeborg war bleich, sie sprach lange nichts. Dann sagte sie:

»Ich liebe ihn doch.«

Ein Stich fuhr mir ins Herz, ich nahm sachte die Hand von ihrer Schulter.

»Nein, nein! Laß doch deine Hand da. Ich liebe ihn noch ein wenig, er tut

mir leid, aber ich liebe dich ja tausendmal mehr, tausendmal mehr. Küsse

mich Axel, sei gut!«

»Ich liebe dich,« sagte ich und küßte sie. O, o, nun sei alles gut.

»Ich erschrak, Axel. Nun sollst du alles hören. Ich habe ihm mein Wort

gegeben -- es war einige Tage nachdem ich dir auf der Höhe gesagt hatte,

daß ich dich liebte. Er kam zu mir in den Garten. Man sieht Sie ja jetzt so

selten, sagte er. Ich gehe viel spazieren. Ja, fuhr er fort, die Krone

eines Fürsten ist mehr wert, als der Ruhm eines Geigers. So dumm und plump

war es. Aber ich war in diesen Tagen unglücklich und hilflos, deshalb

zürnte ich ihm nicht. Ich lachte. Was sagen Sie da! rief ich und lachte.

Ach, Usedom, wie töricht können Sie doch zuweilen sein. An diesem Abend gab

ich mein Wort, aus Trotz geschah es. Er legte seine Hand auf meine

Schulter, und ich dachte an dich. Das sollte er sehen, dachte ich, das

sollte er nur sehen! Ich ging mit Usedom im Walde herum, nur um dir zu

begegnen und dich zu verletzen. Du wirst das nicht verstehen, nein, du

nicht. Ich war unglücklich und gedemütigt, ich war verwirrt im Kopfe. O,

wie gerne wäre ich damals mit dir gegangen, gleich zu dir hingegangen, und

ich sah dich kaum an und sprach mit Pazzo -- -- --«

Wir sitzen in der Sonne auf einer Wiese. Ingeborg singt leise und bindet

einen Strauß aus Feldblumen. Ich liege im Grase und lausche und sehe zu,

wie Ingeborg den Strauß bindet. Nie in meinem Leben hörte ich solch eine

Stimme, nie in meinem Leben habe ich so etwas Schönes gesehen wie Ingeborg.

Ihre Wimpern sind golden und lang. Es ist, als ob sie eine kleine Sonne

unter den Lidern habe, die hervorstrahle. Ihre Brauen sind golden,

regelmäßig und hochgeschwungen, goldene Bogen, man sieht jedes einzelne

Härchen. Wie mit einem Pinsel scheinen sie gezeichnet und eines Japaners

Hand schien den Pinsel geführt zu haben. Ihre Stirne ist hoch und rein und

dahinter stecken all die vielen Gedanken, die sie selbst noch nicht kennt.

Ingeborg dreht den Strauß hin und her und drückt ihn mit mütterlicher Liebe

gegen die Brust. Es singt ein Vogel im nahen Walde, Ingeborg hält inne und

lauscht.

Sie fühlt meinen Blick, hebt die Lider und lächelt mir zu. Sie beschäftigt

sich wieder mit ihrem Strauße, vergißt mich ganz, macht ein rundes

Kindermäulchen und lächelt die Blumen an und singt leise.

Sie ist fertig. »Ist er schön?« fragt sie.

»Ja!«

»Nun, so nimm ihn! Aber hüte ihn gut.«

Ingeborg ist die Mutter der Blumen und Vögel und sie streichelt die Bäume.

Sie kennt alle Kräuter, die Namen aller Vögel, aller Büsche. Sie blickt in

die Wipfel der Bäume, als sehe sie Gesichter, und ich habe sie dabei

ertappt, daß sie mit Blumen plauderte wie mit Kindern.

Ingeborg ist im Walde geboren.

Ich sehe sie heute, ich sehe sie morgen, jeden Tag sehe ich sie. Jeden Tag

glaube ich sie zum erstenmal zu sehen. Und mein Herz bebt nicht minder,

kommt sie daher, als am ersten Morgen.

In dieser Zeit lag ich oft lange über Mitternacht vor meinem Hause im

Grase. Silbern schimmerte das Tal und die Wölkchen am Himmel. Dunkele Vögel

strichen lautlos über den Wald, Leuchtkäferchen segelten vorüber, zuweilen

setzten sie sich in meine Nähe und ich ließ sie nicht aus den Augen. So

klein wie sie waren, so stumm und prächtig. Sie liebten sich und sie waren

so glücklich wie ich großer Käfer. Ich sah ihnen nach, bis sie in der

Dunkelheit der Gebüsche verschwanden. Viele Käferchen, Nachtfalter und

Motten mit silberigen Flügeln waren unterwegs.

Ich lag und dachte an Ingeborg, dachte an mich und mein unfaßbares Glück.

Der Friede des schimmernden Tales zog in mein Herz.

Es war ein solch tiefer Friede, wie ich ihn nie gekannt hatte. Mein Herz

strömte über. Und ich stand auf und erhob die Hand und segnete die Welt.

Ich dachte: Frieden in alle Menschenherzen, süßen Frieden. Glückliche

Stunden allem was da lebt, dem ärmsten Manne im fernsten Lande, dem

kleinsten Wurm in der dunkelsten Erde. Feuer dem Frierenden, Brot dem

Hungernden, einen sanften Tod dem Mörder, gute Fahrt dem Seemanne auf dem

Meere!

Ich lag bis spät nach Mitternacht im Grase und ich hatte das Gefühl

dahinzuschweben.

Friedlich schwebt die Erde ihre Bahn, dachte ich. Und ich öffnete die

Lippen und flüsterte: »Friedlich schwebt die Erde ihre Bahn.« --

In dieser Zeit, ja, was war doch alles in dieser Zeit!

Ich legte mich schlafen und zählte die Minuten, bis ich sie wiedersehen

sollte. Ich ging noch einmal durch den roten Tag und sammelte. Ich fühlte

den Druck ihrer Lippen auf meinem Munde, meine Hände behielten den Druck

ihrer Hände in der Erinnerung. Die Wärme ihres Atems war in meinem

Gedächtnis, die Weichheit ihrer Haare, der Glanz ihrer Augen, das Lächeln

ihrer Wangen.

Dann schlief ich ein und im Traume begegnete mir Ingeborg wieder. Von

Stunde zu Stunde erwachte ich, ich blickte in die Sterne empor, sie

funkelten, sie leuchteten, sie flackerten, sie erblaßten -- endlich!

Und Ingeborg sprach: »Am Tage gehe ich umher, als ob ich träumte. In der

Nacht gehe ich im Traume umher, als ob ich wachte.« Ingeborg sprach: »Alle

Dinge sehe ich in hohem Glanze. Nie war der Himmel blauer, nie war der Wald

grüner. Ich sehe alle Dinge wie mit Regenbogenrändern. O, Axel, dir danke

ich alles!«

Ingeborg, Ingeborg, du Liebling Gottes, du Schmuck der Welt!

Die Tage zogen vorüber, wie Rosenblätter einen Bach hinabtreiben, so still,

so schön und kaum gesehen, so waren diese Tage.

Das Tal schaukelte wie eine goldene Wiege, der Wald rauschte wie eine

Orgel, die Vögel sangen als hätten sie diamantene Schnäbel.

Und Ingeborg jubelte: »Immer blauer wird der Himmel, immer süßer wird dein

Mund!«

10

»Ich liebe dich.« Wie schön ist es, das sagen zu können, wie schön ist es,

das zu hören --

Es ist ein kleines, kleines Wort, aber jeder muß es einmal sagen und jeder

hört es einmal. Wenn eines Menschen Herz aufspringt im Frühling, so muß er

es sagen. Er kann ein Tyrann sein mit blutschwarzen Gedanken, er kann ein

Forscher sein, der immer über seinen Büchern sitzt, es kommt seine Stunde.

Er vergißt alles, sein Sinn wird dunkel, und sein Mund spricht das kleine,

kleine Wort. Schöne, ewige Gedanken kann einer im Kopfe haben, er kann ein

großer Mann sein, an den viele denken tagaus, tagein, es kommt seine Stunde

und er findet nichts als dies kleine, kleine Wort.

Es ist alt und tief, birgt des Menschen ganzes blutrotes Herz, all sein

Glück, all seinen Jammer, bei Tag und bei Nacht wurde es gesprochen,

geflüstert und geknirscht wurde es, wird gesprochen werden immerfort,

immerfort, solange die Lerche im Äther trillert. -- -- --

Sei gegrüßt, Ingeborg! Ich liebe dich, kannst es glauben.

Ich gehe hin und her, sehe viel in den Himmel empor, sehe viel ins Weite.

Lächle. Stehe vor einem Stein am Wege und lächle. Ich bin nie müde. Nein,

es gibt nun keine Müdigkeit mehr. Ich schlage die Augen auf und es ist hell

und weit in meiner Seele.

Immerzu habe ich Gedanken im Kopfe, herrliche Gedanken, reich ist mein

Gemüt, reich und heiß. Wie ein Dichter fühle ich mich, durch dessen Herz

große Werke brausen.

Über die Parkmauer spritzen hohe Wogen von Blüten, weiße, rote und violette

und zitronengelbe, in meinem Garten stehen viele Blumen, wie wehende

Feuerchen sehen sie aus, brennende Lunten, Sonnenflocken, wie rote Münder,

wie Augen, ja, auch wie Augen sehen sie aus. Der Frühling hat seine Feuer

in den Bergen angezündet und sie brennen Tag um Tag. Er wirft Herzen von

Menschen, Rehen und Vögeln, Wünsche von Blumen, Schmetterlingen und Bäumen

in seine Feuer, daß sie brennen.

Der Hirsch schreit im Walde.

Ich gehe durch die brennenden Feuer des Frühlings und lächle.

Zuweilen habe ich wunderliche Gedanken! Eine rote schaumige Abendwolke

steht über den Bergen, wie ein leuchtendes Schneegebirge. Möchte ich nicht

auf der Spitze dieser Wolke stehen und den Hut schwingen? Ich sehe mir den

Mond an und es geht mir durch den Sinn, daß ich auf dem Rande des Mondes

stehen möchte und die Erde grüßen.

Herrliche Tage und Nächte. Das Herz hüpft mir in der Brust, ich lache vor

mich hin.

Niemand weiß es, nein, keine Seele ahnt es, deshalb lächle ich auch vor

mich hin.

Ich sitze in meinem Zimmer, es wird Abend. Wollte doch die Nacht schneller

kommen! Könnte ich doch eine dunkle Decke über die Erde breiten. Es ist

soviele Ungeduld in mir, niemand weiß ja, worauf ich warte.

Schweigen ringsum, die Nacht kommt.

Ich zünde eine Kerze an und setze mich vor die Flamme. Ich höre mein Herz

pochen. Ich warte.

Es schreitet wohl irgendwo ferne im dunkeln Wald? Es eilt --?

Ich warte. Ich habe Geduld, Geliebte, übereile dich nicht . . .

Da flüstert es, etwas Helles tritt in den Rahmen der Türe.

Ingeborg!

Ich gehe hin, gleite in die Knie, auch sie kniet nieder und wir küssen uns,

beide kniend. Wir schmiegen Wange an Wange, pressen Brust an Brust.

»Nimm Platz!« sage ich leise.

»Ja!« antwortet Ingeborg ebenso leise. Mich trifft ihr leuchtender Blick.

Ich lege meinen Arm um sie. »Du bist bei mir, es ist tief in der Nacht. Ich

danke dir, Ingeborg.«

»Wir sind ganz allein.«

»Ja!«

»Niemand weiß, daß wir beisammen sind.«

»Niemand!«

»Ingeborg, ich liebe dich sehr, du weißt es.«

»Ja, ja!«

Ingeborg nickt, sie zieht meine Hand an die Brust.

»Ich habe nur dieses Kleid an,« flüstert sie und lächelt mir zu.

»Du bist gut, Ingeborg!«

Wir lächeln. Unsere Augen sind ohne Lider, die Wimpern zucken nicht mehr.

Ich stehe auf und blase die Kerze aus.

Nun ist es ganz dunkel. Die dunkelblaue Nacht blickt herein. Ein Stern

wandert vorbei, leuchtet uns bis auf den Grund unserer Augen.

Ingeborgs Zähne schimmern, ihre Haare sprühen golden auf.

Die Wohlgerüche des Waldes und des Feldes hauchen durch das Fenster und

sinken über uns. Aus dem Garten duftet ein Mandelbaum. Feine Geräusche

erwachen, bald nah, bald fern. Bald im Wipfel der Kastanie am Fenster, bald

in den Ställen, ein Klirren, ein Schlürfen, die Nacht klingt leise. Die

Ruhe horcht. Alle kleinen Geräusche halten an sich, keines will den Anfang

machen, die Ruhe zu stören.

Unsere Stimmen sinken zu einem Lispeln herab, nicht lauter als das Rieseln

eines Brunnens.

»Meine Wangen sind heiß!« sagt Ingeborg. Sie ist stolz darauf.

»Ja,« erwidere ich, »deine Wangen sind heiß, Liebste.«

»Darf ich über deine Brüste streichen?«

»Sie gehören dir!«

»Es ist süß, über deine Brüste zu streichen.«

»Es ist süß, wenn du es tust.«

Wir schwatzen lange Zeit. Die kleinen Geräusche erwachen. Wir rühren uns

nicht. Unsere Herzen pochen dumpf.

»Wie schön!« flüstert Ingeborg. »Noch nie war es so schön und so traut!«

Traut! sagt sie. Das ist ein wunderschönes Wort.

Ein bleierner Ton fällt in der Ferne. Die Uhr im Dorfe drunten schlägt. Es

ist so still im Tale, daß man die Uhr weit hinein in die Wälder hört.

Ingeborg zuckt zusammen.

»Wir haben Zeit,« flüstere ich.

Ingeborg nickt.

Eine Geschichte erwacht in meinem Kopfe, als ich sage: wir haben Zeit.

»Wir haben Zeit -- wir haben Zeit. Höre, süße Ingeborg, ich denke an zwei

junge Menschen, die auf dem Meere segeln. Es ist die Tochter eines Fürsten

und ein junger Goldschmied. Er hat der Tochter des Fürsten ein Geschmeide

überbracht, da sahen sie einander. Höre, sie liebten sich und entflohen

über das Meer.

Unser Schiff ist wie eine Wiege, die zwei Kindlein schaukelt, flüstert die

Geliebte. Der Gespiele erwidert:

Das Meer ist unser Brautbett, der Himmel der Dom mit abertausend Kerzen,

die zu unserer Hochzeit angezündet wurden.

Ja, sagt die Tochter des Fürsten und schmiegt sich an den Geliebten, Gott

trägt uns auf seiner Hand über das Meer!

Höre, süße Ingeborg. Der Steuermann kommt und spricht:

Herrin, ich finde kein Ziel. Wir müßten längst am Ziele sein, viele Wochen

sind wir unterwegs.

Hahaha -- wir haben Zeit!

Der Steuermann kommt und spricht:

Herrin, ich finde kein Ziel. Meine Haare sind schneeweiß. Dreißig Jahre

segeln wir. --

Hahaha -- wir haben Zeit!

Ingeborg · 第 6 / 57 题