Ich erinnere mich so deutlich an die Nächte dieses Frühlings. Sie waren so
wunderbar still, so still, daß man auf die Stille horchen mußte. Sie waren
schwarz wie Samt mit vielen, vielen Sternen. Ich lag häufig vor meinem
Hause im Grase und sah in die Sterne empor. Ein herber Duft fiel aus den
Kastanien. Sie standen in Blüte, wie große Christbäume sahen sie aus und
ihre Kerzen erschienen wiederum wie Christbäumchen, ganz aus Licht. Ich
roch Wiesensalbei und Waldmeister.
Da lag ich, auf dem Rücken, und sah in den Himmel hinein. Das Hirn Gottes
mit seinen Gedanken? Sah ich in Gottes Hirn hinein und sah seine Gedanken
brennen? Die Sterne blickten mich an und es rieselte durch meinen Leib.
Soll ich in die Knie sinken? dachte ich. Und ich wünschte ein Pfeil zu
sein, hineingeschossen zu werden in den Himmel, und eine Sekunde da droben
stille zu stehen und mich zu drehen und umzublicken, bevor ich wieder zur
Erde fiel. Und ich sah solange in die Sterne hinein, bis sie auf mich
heruntertropften, und ich zusammenschrak. Ein Hirn voller Sterne trug ich
ins Haus und dann träumte ich, daß ich im Grase läge und in die Sterne
blickte.
Ich war reich und glücklich.
Meine wunschlosen Tage waren dies.
Die Abendgesellschaft bei Graf Flüggen fand an einem Sonntage statt. Am
Nachmittage jenes Sonntags fuhr Ingeborg im offenen Jagdwagen am Schlosse
vorüber. Sie kutschierte selbst, knallte mit der Peitsche und nickte zu mir
herauf.
Es war ganz eigentümlich. Ich träumte zuerst von ihr. Da stand ich im Hofe,
in Hemdärmeln und schraubte an einem Pfluge, an dem einige Schrauben locker
geworden waren. Der Hof lag zwischen dem Schlosse und den
Wirtschaftsgebäuden und hatte ein breites Tor zur Bergstraße. Es war
Sonntag, alles ruhig und leer. Die Sonne schien, so daß die Pflugschar
gleißte und mir zuweilen in die Augen schnitt.
Pazzo lag in der Sonne, die Füße steif von sich gestreckt, weiß und blau
sah er aus, er warf einen hellblauen schmalen Schatten, der jedes
abstehende Härchen wiedergab. Er blinzelte und schien zu lächeln, weil ich
mich ungeschickt anstellte. Und wenn ich ihn anblickte, so schlug er mit
dem Schwanz auf den Boden, als wolle er sich für dieses Lächeln
entschuldigen und mich milde stimmen.
Unvermittelt mußte ich an Ingeborg denken. Gewiß, dachte ich, hat sie dies
vom Weißbrot und dem Karpfenteich irgendwo gelesen. Oder wenigstens schon
oft gesagt und nicht erst in jenem Augenblicke erfunden. Nein, sicher hat
sie es gelesen. Kam es mir nicht gleich bekannt vor? Ich werde sie fragen.
Haha, werde ich zu ihr sagen, Fräulein Giselher, diese Geschichte vom
Weißbrot und dem Karpfenteich habe ich nun in einem Buche entdeckt. Was
sagen Sie dazu?
Gewiß wird sie dann nicht leugnen.
Ich werde ihr sagen, daß ich mich freuen würde, sie öfters zu sehen. Ich
habe vier junge Füchse, kleine drollige Spitzbuben -- die Knechte nahmen
einen Bau aus -- kommen Sie und schauen Sie sich diese Füchse an, Fräulein
Giselher.
Der Schweiß rann mir über das Gesicht und tropfte auf meine Hand, die schon
schmutzig und fettig geworden war. Das Gewinde der Schraube schien
verdorben zu sein.
Alles Ernstes, ich würde ein langes Gespräch mit ihr führen!
Fräulein Giselher, so würde ich beginnen, ich habe lange Jahre auf Sie
gewartet, ohne es zu wissen.
Hahaha!
Weshalb sie nun lache? -- Ohne es selbst zu wissen auf Sie gewartet.
Sehnsucht und Träume viele Jahre. Ich strecke meine Arme des Nachts zum
Fenster hinaus, um einen Nacken zu umschlingen -- niemand ist da. Es pocht
an meine Türe. Herein! rufe ich und erschrecke, denn endlich kommt sie.
Aber niemand ist da. Nun aber -- --
Hahaha!
Ja, das sind lauter Lügen, gewiß Fräulein Giselher. Ich liebe es zu lügen
und ich habe ein großes Geschick dazu. Die Kinder und ich, was lügen wir
doch zusammen! Aber eines sage ich Ihnen -- Sie kennen mich nicht, meine
Freundin. Nein. Ich rauche meine Pfeife und lächle vor mich hin, niemand
weiß, was ich denke. Niemand weiß, was ich zuweilen denke, wenn der Wald
wehklagt. Wäre es nicht möglich, daß ich ein Herz hätte? Ich sehe die Leute
an und denke: sie kennen dich nicht und das stimmt mich heiter.
Da hob Pazzo den Kopf und zuckte mit den Ohren.
Ein Wagen rasselte die Straße herauf und flog am offenen Tor vorüber.
Ingeborg kutschierte. Niemand saß sonst im Wagen, den zwei glänzende Füchse
zogen.
Ich grüßte, und Ingeborg neigte den Kopf, kühl und zurückhaltend, als kenne
sie mich gar nicht.
Mußte ich aber auch gerade in Hemdärmeln im Hofe stehen. In Hemdärmeln,
hohen Stiefeln, und dazu hatte ich schmutzige aufgequollene Hände.
Ich hatte kein Glück . . .
Da empfand ich, daß ich träumte, und ich erwachte! Es knatterte in der
Ferne. Es klang, als würden Nüsse aus einem Sack auf die Erde geschüttet
und zerschlagen.
Ich lag in meinem Zimmer. Was träumte ich doch! dachte ich.
Das Knattern aber verstärkte sich, und nun hörte ich, daß ein Wagen die
Straße herauf kam. Die Pferde mußten scharf in den Boden einschlagen, da
die Straße steil anstieg.
Ingeborg flog in einem Jagdwagen heran. Hinter ihr saß steif, die Arme
verschränkt, ein Lakai.
Ingeborg hielt die Zügel und knallte mit der Peitsche.
Sie blickte an den Fenstern entlang und lächelte, als sie mich gewahrte.
Die Peitsche knallte, so daß es klang wie feine Schüsse.
Ich verneigte mich und lächelte. Ich dachte an den sonderbaren Traum.
Aber am Abend blieb ich zu Hause. Ich hatte keine Lust, unter Menschen zu
gehen. Dieser Abend war ein einziger, schöner Traum und ich schlief erst
ein, als die Hähne krähten. Ich dachte an Liselotte.
* * * * *
Rothaarige Liselotte, geborene Weikersbach, was ist mit uns beiden? Wir
sehen uns an, lächeln, haben verborgene dunkle Sünde in den Augen. Was wird
wohl dein Ehegemahl sagen?
Ich ging hinunter in die Dorfkirche von Hohenficht und besah mir Liselottes
Epitaphium. Ich las die wenigen Daten, las den Namen, Liselotte, geborene
Weikersbach, und ward traurig und dunkel in der Seele.
Liselotte, dich würde ich lieben, wenn du lebtest! Ja, das weiß ich!
Wunderbare Abenteuer habe ich mit Liselotte erlebt.
Sie gäben ein dickes Buch, wollte ich sie aufschreiben. Ein Buch, über das
man viel lachen müßte. Alle meine Abenteuer mit Liselotte sind heiterer
Natur. -- Habe ich giftige Beeren gegessen?
5
An einem regnerischen Nachmittage im Mai saß Liselotte in meinem Zimmer,
als ich nach Hause kam. Ich war mit Pazzo im Walde gewesen.
Es war nicht Liselotte, es war Ingeborg, Ingeborg Giselher, die schöne
Tochter des Holzfällers drinnen im schwarzen Hochwalde. Aber es war
dämmerig in meinem Zimmer und auf den ersten Blick glaubte ich Liselotte,
die Rothaarige, vor mir zu sehen. Und dann als ich längst wußte, daß es
Ingeborg Giselher war, die Goldblonde, nahm mein Besuch immer wieder
Liselottes Bild an, und alles schwankte vor meinen Augen.
Liselotte kam, um mit mir zu sprechen. Ja, nun saß sie da, wir kannten uns
aus den Träumen, wir wußten viel von einander, wir zwei.
Es war Ingeborg, natürlich, sie hatten gar keine Ähnlichkeit, Liselotte und
die Tochter des Holzfällers, und doch war es schwer für mich, Liselotte
nicht zu sehen in Ingeborg, Liselotte nicht zu hören aus Ingeborgs Stimme.
Die süße Luft des Frühlings hatte mir den Sinn betäubt. Den ganzen Tag über
hatte ich an Liselotte gedacht und mir zu erklären versucht, wie es kam,
daß ich sie lieben mußte, obschon sie doch längst tot war. Ich war die
Nacht vorher vor ihrem Bilde gesessen, bis mir die Augen zufielen.
Ingeborg kam, um mit mir zu sprechen. Sie schlug eine unangenehme Taste an.
Gewiß, es war nicht angenehm, diese Dinge zu hören.
Zuerst sagte sie etwas von einer Jagd, und daß sie Grüße bringe, recht
herzliche Grüße von Graf Flüggen.
»Sie müssen entschuldigen, daß ich Sie in diesen hohen Stiefeln und der
alten Joppe begrüße, Fräulein Giselher,« sagte ich, »ich komme von der
Jagd.«
Bitte, bitte!
»Ich bringe recht herzliche Grüße von Papa. Er wollte Sie gerne einmal
wieder bei sich sehen! Er wird Sie zur nächsten Jagd einladen.«
Dank und Gegengrüße.
Wir sahen uns an, und ich ging ans Fenster, um mich mit den Vorhängen zu
beschäftigen. Ingeborg war geschmückt wie eine Prinzessin, sie sah aus wie
eine Erscheinung aus den Bildern Botticellis.
Sie trug einen weißen breitrandigen Strohhut und ihre sorgfältig gelockten
Haare hingen wie goldene Quasten über die Wangen herab.
Sie sah sich in meinem Zimmer um, das so groß war wie ein Saal, voll von
Schränkchen, Vasen, Büchern. Es war etwas in Unordnung.
»Sie wohnen wie ein Dichter!« sagte sie lächelnd.
»Ich bin noch bei keinem Dichter gewesen, aber ich glaube, so wohnen sie,
die Dichter.«
Ich hörte ihr zu. Liselotte? dachte ich. Liselottes Bild an der Wand begann
zu lächeln.
Wer diese Frau an der Wand dort sei?
»Liselotte, eine geborene Weikersbach,« antwortete ich und mußte lächeln.
»Eine schöne und lebenslustige Dame, nicht?«
Ja.
Dann blickte mich Ingeborg an und sagte: »Ich habe Ihnen noch andere Grüße
zu bringen. Von Claire Davison. Sie ist gestorben, das wissen Sie?«
»Gewiß«, sagte ich. »Von Claire Davison?« Ich war sehr überrascht.
»Sie ist sehr unglücklich gewesen. Wissen Sie, wie sie gestorben ist,
Claire?«
Ingeborg sah mich an. Aber ich hatte mir nichts vorzuwerfen, ich konnte
ganz ruhig bleiben.
»Sie hat mir sehr leid getan«, sagte ich. »Ich habe alles gehört, es ist
traurig. Sie war so schön und stolz.«
»Das war sie, ja.«
Sie habe ihr einige Wochen vor ihrem Tode geschrieben, daß sie mich grüßen
solle, träfe sie mich irgendwo einmal. Vor einem Jahre etwa war das. Vor
zwei Jahren sei Claire bei Graf Flüggen zu Besuch gewesen, drei Monate, sie
seien einigemal hier vorbeigefahren. Ob ich sie nicht gesehen hätte?
»Nein.« Ich sagte die Wahrheit. »Ich danke Ihnen für die Grüße, Fräulein
Giselher.«
Damit war das unangenehme Gespräch beendet. Wir plauderten noch einiges.
Vielleicht habe sie gehört, ob der Geiger Harry Usedom nun Rote Buche
gekauft habe oder nicht?
Doch, Herr Usedom habe Rote Buche gekauft.
»Der alte Herr Usedom, wo lebt er gegenwärtig?«
Gegenwärtig lebe er auf Rote Buche bei seinem Sohne.
Es wurde dunkel. Ingeborg erhob sich. Ich erbot mich, sie ein Stückchen zu
begleiten, da es dunkel und stürmisch sei.
Bis zur Höhe nähme sie die Begleitung mit Freuden an, aber nur bis zur
Höhe.
Ich verstand, weshalb ich nur bis zur Höhe mitgehen sollte.
Ein hastiger feuchter Wind blies aus dem Tale herauf und die Wälder
schüttelten sich. Zwischen den Bäumen war es dunkel und der Wald roch nach
Regen und Nacht. Wir sahen nahezu den Weg nicht. Pazzos weißes Fell
leuchtete, er schien abenteuerlich hohe Sprünge zu machen und jeden
Augenblick seine Gestalt zu verändern.
Ingeborg hielt mit beiden Händen den Hut, und der Wind wehte ihr den Saum
des Kleides um die Füße, so daß sie kaum vorwärts kam.
»Haha,« lachte sie. »Welch ein Wind!« Eine richtige Unterhaltung war nicht
möglich und unsere Worte flogen vereinzelt und zerfetzt hin und her.
»Harry Usedom ist ein ganz außerordentlicher Geiger!« schrie ich in den
Wind hinein.
»Gewiß ist er das,« schrie Ingeborg zur Antwort.
»Er ist ein schöner Mensch!«
»Ja.«
Der Wind hielt inne, es wurde auffallend warm. Wir atmeten auf.
»Wissen Sie, daß jene Liselotte, deren Bild Sie in meinem Zimmer sahen, im
Schlosse umgeht? Man sagt es. Nachdem sie gestorben war, hat sie jede Nacht
ihren Gemahl besucht. Er wurde immer bleicher und bleicher, war guter Dinge
allezeit und starb acht Wochen nach Liselottes Tod.« Erzählte ich. Das sei
sehr merkwürdig, sagte Ingeborg und blickte mich an und lächelte
unmerklich. Sie lächelte genau wie Liselotte im Traume mich anlächelte, und
ein leises Grauen rieselte über meinen Rücken.
»Sagen Sie,« begann sie, »man hat mir viele Dinge von Ihnen erzählt. Ist es
wahr, daß Sie buchstäblich das Geld auf die Straße warfen? Sie öffneten das
Fenster des Hotels und warfen das Geld auf die Straße.«
»Ja, es war ein kleiner Scherz, es war auch nicht viel eigentlich.«
Ingeborg lächelte und schüttelte den Kopf.
Ich lachte, weil ich an die Balgerei vor meinem Fenster dachte und an meine
lustigen Streiche.
Der Wind setzte wieder ein und trieb uns den Berg hinauf, über die Höhe
fiel blasser Lichtschein. Der Mond kam herauf, in Wolken eingehüllt, wie
ein blindes Auge sah er aus. Alle Dinge warfen plötzlich blasse und
wässerige Schatten, die Bäume, wir beide, Pazzo. Ingeborgs Lockenbüschel
flatterten und ihre Kleider.
»Das ist die Höhe«, sagte Ingeborg. Wir blieben stehen. Pazzo wartete
abseits und begriff die Störung nicht. Sein Schatten sah aus wie die
Silhouette eines hochbeinigen Fabelwesens.
Ich nahm den Hut ab.
»Ich danke Ihnen!« sagte Ingeborg. Ein eigentümliches demütiges Lächeln
schimmerte in ihren Augen.
»Dank für den Besuch,« sagte ich, den Hut in der Hand haltend, »vielleicht
führt Sie der Weg wieder einmal an meinem Hause vorüber, Fräulein
Giselher?«
Ingeborg lachte.
»Ja, es kann sein, daß ich wieder einmal vorbeikomme«, rief sie und blickte
in den Mond, der hinter glänzenden Wolken zog. Bläuliches Licht huschte
über ihr Gesicht, ihre Zähne und ihre Augen glänzten wie Email.
Ingeborg blickte in den Mond, dann wandte sie mir den Blick zu und sie
sagte unvermutet: »Abscheulich müssen Sie gegen Claire gewesen sein, Fürst!
Ja, abscheulich!« Sie sprach sehr schnell. Sie schüttelte den Kopf und fuhr
leise fort:
»Ich begreife Sie gar nicht! Nein! Ich bringe Ihnen Grüße von ihr, von
Claire, wir sprechen von ihrem Tode, und Sie verändern keine Miene und
sagen, daß Claire Ihnen sehr leid getan habe. Was ist das? Sehr leid hat
sie Ihnen getan! Und Sie haben sie doch ermordet, ja, das haben Sie getan.«
Sie sah mir dicht in die Augen, aber ihr Blick war schüchtern und demütig.
Ihre Haare wehten.
»Wissen Sie, was mir Claire alles von Ihnen erzählt hat? Nein, sie hat
nicht oft von Ihnen gesprochen, das ist wahr. Sie sagte, Sie seien edel und
gütig. Sie sagte, sie hätte nicht mehr als hundert Worte mit Ihnen
gewechselt. Sie haben es wohl gewußt, Sie haben alles gewußt, aber Sie
waren doch abscheulich! Was hätte Claire für ein Wort von Ihnen gegeben?
Wir fuhren zweimal an Ihrem Hause vorüber, Claire wurde so weiß wie Kreide.
Nein, ich weiß nicht, was zwischen Claire und Ihnen war, aber Sie waren
nicht edel gegen sie. Sie hätten bei Papa einen Besuch machen können, um
Claire eine Freude zu bereiten, -- nichts taten Sie, gar nichts!«
Ich sah sie an und konnte nichts erwidern. Ich dachte an diese sonderbaren
Menschen, an alles dachte ich und an nichts.
Ingeborgs Antlitz war bleich, ihre Augen füllten sich mit dem Lichte des
Mondes und wurden bleich. Auch ihre Stimme klang bleich.
»Fürst,« flüsterte sie, »wer sind Sie doch? Sie wissen nicht wer Sie sind,
nein.« Sie hielt inne. Sie lächelte und schüttelte ganz unmerklich den
Kopf. »Nein, Sie wissen nicht, wer Sie sind!« wiederholte sie noch leiser.
Dann lachte sie, ganz kurz. Sie sah mich mit schwärmerischen Augen an und
sagte:
»Ich liebe Sie nicht, nein, aber ich muß immerfort an Sie denken. Weshalb
kamen Sie am Sonntag nicht? Ich schrieb noch eine Zeile unter die
Einladung, ich dachte, Sie müßten nun kommen. Aber dann bekam ich Angst und
ich fuhr auf Umwegen an Edelhof vorüber. Aber doch kamen Sie nicht. Ich
habe gewartet und gewartet, ich saß auf der Treppe und der Wind blies. Herr
Usedom war da, auch Harry Usedom, alle waren sie da. Ich sprach kein Wort.
Was werden sie sich von mir denken? Das ist mir ganz gleichgültig. Harry
Usedom sagte zu mir: Was haben Sie doch? Nichts, sagte ich. Ich sagte es
sehr unhöflich. Ich wartete auf Sie, auf Sie ganz allein! Es ist mir
gleichgiltig, daß ich unhöflich gegen Harry Usedom war -- -- haha -- --
alles hat sich vor meinen Augen gedreht, dann lief ich bis zur Höhe, bis
hieher und wartete. Sie kamen aber nicht!«
Ich wollte sprechen, aber Ingeborg ließ es nicht zu.
»Es hilft nichts, daß ich immer singe«, fuhr sie fort, und das
eigentümliche demütige Lächeln auf ihrem Antlitze irrte hin und her. »Es
hilft nichts mehr. Den ganzen Winter über habe ich an etwas gedacht und
wußte nicht woran. Aber als es Frühling wurde, da fiel es mir ein. Ich bin
zu Ihnen gegangen, was hat es mich gekostet? Das mit Claire ist ja gar
nicht wahr, ach, es ist ja gar nicht wahr! Sie hat mir keine Grüße
aufgetragen. Ich habe eine schwere Schuld auf mich geladen. Du könntest ihm
Grüße bringen, schrieb Claire, aber dann sofort, ich dachte nur so, es war
Scherz. Bringe ihm keine Grüße, nein, nein. Claire wollte es nicht, sie
schrieb ausdrücklich, daß sie es nicht wollte, ich sage es Ihnen ganz der
Wahrheit gemäß, aber ich habe es doch getan. Ich mußte doch einen Vorwand
haben.«
Ich wollte sie unterbrechen.
»Nein, nein,« sagte sie, »Sie haben mich freundlich empfangen. Sie taten
nicht erstaunt. Sie lächelten auch nicht. Sie sagten, daß ich entschuldigen
solle -- ja wegen der alten Joppe und der Stiefel -- das war so gütig von
Ihnen! Sie sind gütig, ich weiß es, auch Claire sagte es, selbst sie. Ihre
zwei Schlösser und sechs Dörfer haben Sie weggegeben für Almosen -- ich
weiß alles von Ihnen.«
Ich lächelte. »Ich habe gespielt,« sagte ich.
»Hahaha,« lachte Ingeborg, »jajaja -- --« sie sah mich an, lachte, dann
senkte sie den Kopf.
»Fürst, Fürst,« flüsterte sie und schwieg. Ihre Haare wehten. Was sollte
ich tun? Ich fand kein Wort, das gepaßt hätte. Ich hätte ihr ja gerne ein
sanftes Wort gesagt, aber es fiel mir nichts ein.
Was wollte sie doch von mir? Zuerst machte sie mir Vorwürfe wegen Claire
und dann . . .
Plötzlich stieg ein Lächeln in mein Gesicht. All das kam mir lächerlich
vor. Diese Worte, diese vielen wirren Worte.
»Ich bin dieser Worte nicht würdig,« sagte ich. »Ich lächle. Ja, sogar
eitel machen mich diese Worte.«
Ingeborg zuckte zusammen und blickte mich erschrocken an. Ihre Lippen
lächelten verzerrt und sie sagte ganz tonlos: »Man hat mir viel von Ihnen
erzählt, Fürst, dann dachte ich -- ich habe dann oft an Sie gedacht. Ich
würde Sie um etwas Liebe bitten, wenn es Wert hätte, selbst das würde ich
tun. Ich habe keinen Stolz vor Ihnen. Aber ich glaube, Sie haben kein
Herz.«
Ich erwiderte: »Ich lebe für mich, ich bin müde, ich kann Ihnen nicht sagen
wie es kam.«
Das bleiche Mädchengesicht nickte traurig.
»Sie können also nicht mehr lieben?« sagte sie.
Wie lächerlich klang das.
»Nein,« entgegnete ich, »ich weiß nicht wie es kommt.«
Ingeborg wandte sich ab und ging mit zögernden Schritten davon. Alles
flatterte an ihr.
»Fräulein Giselher,« sagte ich, »ich wollte Sie mit keinem Worte verletzen.
Ich gab mir Mühe aufrichtig zu sein. Ich habe mich gefreut, daß Sie heute
zu mir kamen.«
Ingeborg ging. Ihre weiße Gestalt glitt still in die Dämmerung hinein, sie
wurde düster, grau, dann sah ich sie nicht mehr.
Ich rief dem Hunde und stieg die Straße hinab.
6
Ich stieg den Berg hinab. Sobald der Wind aussetzte, steckte ich meine
Pfeife in Brand. Ich schüttelte den Kopf und lachte. Gott verzeihe mir, daß
ich lachte, aber das Erlebnis da droben auf der Höhe stimmte mich heiter.
Wie das Lächeln auf ihrem Antlitze hin und her irrte, wie ihre Worte
flackerten! Und das alles meinetwegen, war es möglich? Freude und Stolz
schwellten mir die Brust.
Ich stieg den Berg hinab und watete in den Wind hinein. Pazzo zerschnitt
den Wind mit seiner spitzigen Brust. Über den schwarzen Himmel zogen Herden
von Lämmerwölkchen, die sich alle zum Monde begaben, Licht zu trinken. Sie
schimmerten vergnügt, sie schienen sich zu tummeln und aneinander zu
reiben. Der Wald wogte. Der Wind suchte sich seine Bäume aus und schüttelte
sie, daß sie mit den Spitzen den Boden berührten.
Die Funken stoben aus meiner Pfeife, und jedesmal schien es mir, als sähe
ich mein fröhliches Gesicht.
Ingeborgs Worte, diese hastigen wirren Worte, zogen hin und her in meinem
Kopfe. Sie stand vor mir, ihre Haare wehten, ihr Gesicht war bleich und
voller Demut. Schön, rührend sah sie aus, und wie ihre Augen strahlten! Bei
Gott, ich sah jetzt noch ihren Schein!
Ich schüttelte den Kopf. So sonderbar ist der Mensch, daß er sich vor einem
Fremden zu Boden wirft und sich demütigt, wenn seine Zeit gekommen ist.
Ich dachte an das junge Mädchen und seine weichen zitternden Worte und war
ergriffen. Es war der Frühling, ja, sie konnte nichts dagegen machen.
Nun war es Gottes Wille, daß sie sich an mich wendete, der gerade seine
wunschlosen Tage hatte, der müde war, zu müde für die Liebe, die ihren
ganzen Mann erfordert, viel zu müde.
Es hat Zeiten gegeben, da der Blick eines Dienstmädchens wie Feuer in
meinen Adern lief, und ich lange Nächte an diesen armseligen heißen Blick
denken mußte -- nun aber waren die wunschlosen Tage des träumenden Blutes
gekommen.
Ich blieb stehen, blickte in die ziehenden Wölkchen empor, und Mitleid für
die gedemütigte Seele erfaßte mich.
Ich wollte ihr nacheilen und mit ihr sprechen. Dank, Dank, wollte ich
sagen. Ich kann Sie nicht lieben, Fräulein Ingeborg, ich habe meine
wunschlosen Tage, aber Dank für Ihre Liebe. Wenn Sie wollen, kommen Sie zu
mir, Tage und Nächte will ich mit Ihnen plaudern, ich will Ihr Freund sein,
ich schäme mich ja, ich bin arm in diesen Tagen, egoistisch, weil ich
glücklich mit mir allein bin.
Aber ich eilte ihr nicht nach. Ich ging weiter.
Ich dachte: vielleicht bin ich nur so reich und glücklich, weil sie mich
liebt? Sie beschenkt mich mit ihren Gedanken, ihrer Liebe, aus der Ferne,
ich werde heiter und froh, und sie wird arm und unglücklich. Sie wirft sich
auf den Boden und weint, und im gleichen Momente durchzuckt mich die
Freude, eine unerklärliche tiefe Freude, und ich atme tief und lächle.
Niemand kann es sagen.
Ich ging immer weiter und weiter die dunkle Waldgasse hinab und bei jedem
Schritte dachte ich, daß ich umkehren sollte, um mit ihr zu sprechen.
Nun wanderte sie durch den sausenden Wald, langsam, beschämt und dachte an
den Mann mit dem müden Herzen. Der Wind blies und sie hustete. Dann kam sie
nach Hause, sie legte das Kleid ab, das schöne helle Frühlingsgewand und
warf es unter das Bett. Sie wollte es nicht mehr sehen. Im Spiegel haftete
noch ihr Bild von heute Mittag. Ich werde ihm gefallen? lächelte der Mund.
Und die Augen sagten: Ja, ja, wirst ihm gefallen . . . . . . . . Sie
drückte die Lider zu . . . . . . . .
Immer weiter stieg ich die Bergstraße hinab und wollte doch eigentlich
umkehren. Die wunderlichen Worte klangen durch meinen Kopf.
Ja, ich mußte umkehren und ihr sagen, daß sie doch Geduld haben sollte mit
mir, Geduld! Sie sei schön, ja herrlich sei sie, ergreifend sei sie.
Ich ging und ging. Mein Sinn verdunkelte sich.
Da sprang mein Herz auf.
Wie eine Knospe sprang es auf, ich spürte es. Es durchzuckte mich, es war
wie ein Schrei der Freude in meinem Blute.
Ich kehrte um und stieg den Berg hinauf, zuerst zögernd, dann mit schnellen
Schritten. Der Wind trieb mich, es war ein gewaltiges Brausen im Walde, das
mich bis in die tiefste Seele erschütterte.
Ich ging und ging. Ich holte Ingeborg nicht mehr ein. Ich ging durch den
schwarzen Wald, immer zu. Plötzlich lag ein Schloß mit vielen erleuchteten
Fenstern im Walde.
Es erschien mir wie eine Festung, ich blieb stehen.
7
Wollte ich in das Schloß mit den vielen erleuchteten Fenstern hineingehen
und durch den Diener sagen lassen: es steht einer im Korridore, einer, den
Hut in der Hand?
Es war gegen Morgen, der Tag blaute. Ich blickte aus meinem Fenster, das
auf den Park hinausging, und lauschte auf den Gesang eines Vogels. Er sang
in der weiten Stille des Morgens, da alles schlief.
Die ganze Nacht hindurch sang er, bis die Sonne aufging, der Frühling ließ
ihn nicht zur Ruhe kommen. Oft hatte ich mich schon an seinem Gesange
gelabt, aber heute verstand ich den kleinen Vogel und mein Herz bebte. Ich
wußte wohl was das bedeutete. Nur die Unglücklichen und die Glücklichen
zittern beim Gesang eines Vogels. Mein Herz zuckte bei jedem Tone, und wenn
er leise zwitscherte, daß man ihn kaum noch hörte, so erschrak ich, ich
öffnete die Lippen und mein Atem stockte.
Meine Zeit war gekommen!
Ich preßte die Hände vors Gesicht und lächelte und drückte einen Kuß in
meine Hände.