Adieu, Fürst!
Adieu, Fräulein Giselher!
Im Walde rief ein Kuckuck. Ich ging meines Weges und lächelte in mich
hinein. Der Laubgang war zwei Wegstunden von Ingeborgs Behausung entfernt,
ich aber konnte ihn in zehn Minuten erreichen. --
Ich ging hin und her. Es war ein schöner Morgen. Tief drinnen im Walde
wurde Pazzo unruhig und blickte ins Dickicht. Ich sah einen Mann durch das
Dickicht eilen, der den Hut in der Hand hielt. Er trat auf den Weg heraus,
schwang den Hut und tat, als ginge er spazieren. Es war ein schlanker,
junger Mann mit samtschwarzen Haaren und einem bleichen Gesichte. Von
weitem schon fielen mir seine Hände auf. Sie waren lang, bläulichweiß und
feingegliedert. Es waren grausame Hände, die eine große Macht in sich
trugen. An diesen Händen erkannte ich den jungen Mann. Es war Harry Usedom,
der Geiger. Ich hatte ihn gute sechs Jahre nicht mehr gesehen, damals war
er fast noch ein Knabe und ganz aus Samt, Samt sein Anzug, seine Haare,
seine Augen und sein Gesicht. Auch sein Spiel war Samt, violetter
seidenweicher Samt war sein Spiel, mit einem Orchideengeruch.
Ich verstand, natürlich. Jetzt begriff ich alles.
»Harry Usedom?« sagte ich. Er hatte wohl an mir vorübergehen wollen, denn
er heftete die Blicke zu Boden. Er wußte nicht, daß ich ihm eine große
Freude machen wollte. Er wandte mir seine großen Augen zu, die wie Veilchen
aussahen, und lächelte müde. Er hatte einen großen Mund, Ekel und Sünden.
Aber er war schön. Wie eine bleiche Frau sah Harry Usedom aus mit schmalem,
schlankem Kopfe.
Wir begrüßten uns und sprachen dies und jenes.
»Viele Grüße an Ihren Vater,« sagte ich, »ist er noch leidend?«
»Ja.«
Harry Usedom hatte nicht Lust viel zu sprechen.
Ich lächelte, es sei mir eine Freude, ihn getroffen zu haben. Oft vergingen
Tage und ich träfe keinen Menschen im Walde, heute habe ich schon zwei
getroffen, ihn und vor kurzer Zeit eine junge Dame im Buchengang. Nun also,
auf Wiedersehen!
Harry Usedom verbeugte sich und errötete. Er ging, ich stellte mich hinter
einen Baum und blickte ihm nach. Er hielt den Kopf gesenkt, schwang den
Hut, wie vorhin, und gab sich den Anschein, als setze er in aller Ruhe
seine Promenade fort. Aber ich bemerkte wohl, daß er übernatürlich große
Schritte machte.
Ich lachte.
Ich, Axel, der Patron der Liebenden! Einen Heiligenschein um den Kopf,
Liebestränke in der Flasche!
Ich wünschte den beiden Glück.
Es ist Frühling und Gott will, daß sich die roten Münder finden!
4
Man soll die Tage, die ohne Wunsch sind, die wunschlosen Tage soll man
preisen und besingen. Sie sind wie ein stiller, stillschaffender Sommer im
Herzen, überwuchern alles, lassen Rosenhecken auf Gräbern wachsen, sie sind
stille Fruchtbarkeit und machen reich, und der Reiche ist gerecht. Darum
soll man die wunschlosen Tage loben!
Man soll die Tage der heißen lodernden Wünsche loben, auch sie! Sie sind
wie Sensenhiebe in schläfriges Unkraut, sie tragen den Samen glänzender
fremder Blüten ins Herz, die Blut anstatt Honig haben und nach Mord und
Vernichtung duften, sie sind wie ein schwarzes Wetter im schwülen Sommer,
das Blitze sät und morsche Bäume fortlacht. Sie machen demütig und stolz,
auch sie soll man loben.
Man soll das Leben in jeder Form loben, den Mord und die Liebe, heilig sind
Mord und Liebe.
Meine wunschlosen Tage waren gekommen. Sie zogen still vorüber wie Leute,
die aus der Kirche kommen. Mit einem warmen, weichen Herzen ging ich einher
und oft habe ich in mich hineingekichert, wenn ich allein war im Walde.
Vor einigen Jahren war ich draußen in der weiten Welt. Ich tanzte. Über
Menschen und heilige Bücher bin ich hinweggetanzt, gewiß habe ich manches
Unheil angerichtet, hier und da habe ich auch einer armen Seele eine kleine
Freude bereitet.
Nun lebte ich allein für mich, ich brauchte niemand, ich war mir allein
genug.
Ich hatte nie Langeweile, nein, niemals.
Tag und Nacht flogen vorbei, und von vielen wußte ich nicht, wie sie
vergingen.
Es gab keine Uhren in meinem Hause, in meiner Tasche. Es gab ohnedies genug
Uhren, die Sonne, das Laub der Bäume, der Brunnen im Parke. Er rauschte am
Tag anders als in der Nacht, um Mitternacht anders als gegen Morgen. Auch
der Geruch des Waldes war eine Uhr. Auch die kleinen, kleinsten Geräusche,
deren Ursache man nicht kennt, sie hatten ihre bestimmten Stunden.
Übergenug Uhren gab es ohnehin.
Ich denke daran, wie diese Tage vergingen, da mein Herz ohne Wünsche war.
Ich pfiff Pazzo, und wir streunten im Walde umher. Zuweilen zog ich die
hohen Stiefel an und ging mit dem Gesinde auf die Felder. Ich schaufelte
und harkte. Hinter dem Pfluge ging ich einher, scherzte und schnupfte und
trank aus irdenen Krügen. Ich ging in die Bibliothek, zog ein Buch heraus
und las. Ich fand einen berückenden Gedanken, erschrak über seine
Schönheit, seine Tiefe, stellte ihn mir vor, verfolgte ihn. Eine Krone
diesem Mann! dachte ich, eine Krone und ein Kaiserreich. Es hat Köpfe in
der Welt gegeben . . .
Ich setzte mich ans Klavier und schlug eine Taste an und ließ den Ton durch
mein Blut rieseln. Lange Stunden konnte ich damit verbringen. Dieser Flügel
war ein allwissendes, allempfindendes Wesen. Des Menschen wildes, zuckendes
Herz war darin verborgen, sein süßes Weinen und sein irrsinniges Lachen.
Ich lauschte. Was ist das? dachte ich und erschrak. Und ich wagte es nicht,
den folgenden Akkord anzuschlagen, ich wagte es nicht. Ich hatte soviel
Schmerz in einem Auge gesehen und konnte dieses Auge nicht mehr vergessen.
Es wurde dunkel, die Welt verlor die Farben, und in meinem Kopfe erwachten
sie. Korallenwälder und ein Meer aus Regenbogen, Wände von Katzenaugen und
eine silberne Unendlichkeit. Kreisende Kometen an meinen Augendeckeln.
Haha!
Ich konnte mir die Welt nach Gutdünken und Belieben zeichnen und malen.
Kohlschwarze Flüsse, rote Himmel, grüne Menschen, wie ich wollte. Das
Unmögliche konnte ich vollbringen. Es ist schwer, den Teufel auf eine
Nadelspitze zu setzen, aber ich konnte es, und ich konnte mich ergötzen an
seinem jämmerlichen Gesichte, ich konnte Jehovah vorüberwandeln lassen, die
Sonne am Siegelring, ich konnte alles was ich wollte. So herrlich waren die
Visionen hinter den geschlossenen Augenlidern, daß ich mir zuweilen
wünschte, blind zu sein. Blind, so unsinnig der Gedanke ist.
Zum Beispiel, ja, gut, ich schließe die Augen und warte. Ich sehe eine
bronzegrüne Luft. Etwas Weißes erscheint. Es ist der Leib eines Weibes,
eines schlanken Mädchens. Das Mädchen richtet seine sanften, warmen Blicke
auf mich, still und steif steht es, die Hände leicht gegen die Brüste
gedrückt. Ich lasse sie nicht aus den Augen und warte. Da beginnen die
Brüste zu blühen, ihre Knospen springen auf und durchsichtige Blumenkelche
wachsen heraus. Die Finger des Weibes blühen und kleine weiße Blüten liegen
wie Milchtropfen auf ihnen. Feine Korallenästchen sind die Adern der Hände
und Arme. Die Lippen des Weibes blühen purpurrot, die Haare verwandeln sich
in goldene Blütengehänge und fallen über Schultern und Leib. Eine
kristallhelle blaue Tulpe wächst aus der Stirne, aus den Knien wächst eine
kristallhelle blaue Tulpe. Das Weib bewegt die Lippen und öffnet sie und
flüstert, ein winziger Schmetterling schwebt aus dem Munde, wieder einer,
ein Schwarm in allen Farben, und sie umgaukeln das blühende Weib gleich
fliegenden Blüten. Das Weib schließt die Lider, da erscheinen in
diamantener Schrift rätselhafte Zeichen auf den Lidern, das Weib öffnet die
Augen und die Augen sind strahlend weiß wie Lichter. Nun fangen auch die
Wimpern zu blühen an . . . . .
Manche Nacht habe ich mit solchen Träumen verbracht. Sollte ich Langeweile
haben? Nein, meine Tage vergingen. --
Ich bekam eine Einladung zu einer Abendgesellschaft von Graf Flüggen
zugeschickt.
Papa erwartet Sie bestimmt, stand darunter geschrieben.
Soll er warten. Ich habe keine Zeit.
Harry Usedom ging an meinem Hause vorüber, in einen phantastischen Mantel
eingehüllt, es regnete. Er hatte es sehr eilig. Ich saß am Klavier und sah
ihn die Straße heraufkommen. Ich hielt inne im Spiel. Denn gewiß horchte er
mit seinen feinen Ohren, er wollte mein Herz belauschen. Ein wunderlicher
Gedanke war dies, aber er zwang mich innezuhalten.