Dieser Frühling war schöner als jeder andere, den ich erlebte. Er hatte
eine eigentümliche Luft, sie zitterte nicht, sie regte sich nicht, sie lag
wie ein einziger, großer Tautropfen auf dem Tale, klar und durchsichtig war
sie. Sie besaß auch einen eigentümlichen Geschmack, ich verspürte ihn, so
oft ich sie einatmete. Noch schmeckte sie nach Eis und schon schmeckte sie
nach Honig.
Ich hatte keine Muße an das Mädchen zu denken, das eines Morgens
angestiegen kam, als ich auf der Treppe saß und mich sonnte. Nein. Mein
Herz war erfüllt von den kleinen Wundern um mich her. Ich ging herum und
besah mir meine Herrlichkeiten. Ich sah dem Frühling in die schimmernden
Augen.
Im Februar hatte ich schon nach den Spionen des Frühlings gefahndet. Ich
schälte Ästchen ab, nein, es war noch nichts. Am vierzehnten Februar wälzte
ich einen Stein vom Platze, und siehe da, ein kleiner schwarzer Käfer war
darunter und bleiche Keime. Daß es der vierzehnte Februar war, weiß ich,
weil ich an diesem Tage einen Brief von Freund Bluthaupt, dem Dichter,
erhielt.
Dann kam der Südwind, mitten in der Nacht, und ich erwachte augenblicklich
und lachte laut heraus vor Vergnügen. Das war ein Hallo im Walde, die Bäume
schüttelten den Schlaf von sich und taten laut. Seitdem war ich auf dem
Posten. Der Frühling kam aus der feuchten Erde, aus der Luft, er kam von
überall her. Ich stand und lauschte: es rieselte und gluckste überall. Es
war wie ein verstecktes Lachen unter dem faulenden Laube, man wußte, daß da
drunten Dinge vor sich gingen. Es roch so wunderbar nach Erde und Wurzeln.
Das Wasser der Bäche veränderte seinen Geschmack. Und -- ah! -- es schoben
sich grüne Spitzen durch die Laubdecke. Was für ein Grün war es doch! Ich
hatte ja ganz vergessen, daß es dieses Grün gab. Feuchtigkeit schlug aus
den Buchenstämmen, überall regte es sich, eine stille Ergriffenheit lag auf
allen Dingen. Ich entdeckte die erste Anemone. Siehst du, Pazzo? sagte ich
zu meinem Hunde, und Pazzo betrachtete aufmerksam die Blume und seine Augen
glänzten.
Dann ging es im Sturmschritt vorwärts, der Frühling fackelte nicht lange.
Es grünte, es knospete. Allerlei billiges, wildes Kraut wuchs zuerst, dann
kletterte das Grün in die Höhe, in die Sträucher und schließlich bis in die
obersten Ästchen der Buchen. Die Knospen der Kastanien tropften, Züge
schneller Vögel glitten hoch am Himmel über das Tal, ein Fink zog ein im
Buchenwalde, und eines Tages schaukelte ein weißer Schmetterling über die
Wiese! Hoho! rief ich und lachte.
Nun war der Frühling da. Ich hatte gesehen, wie er einzog, und doch schien
es mir jeden Morgen, wenn ich aus dem Fenster blickte und all das, all das
sah, als sei er über Nacht gekommen.
Ich schüttelte den Kopf, ich konnte es nicht fassen.
Die Erde erfaßte ein Rausch, ein Taumel, sie lachte.
Eines Tages nun, da blühten die Apfelbäume an der Bergstraße . . . Sie
marschierten die Straße hinab und ich begriff nicht, warum sie nicht auch
noch sangen und sich schwenkten wie Fahnen.
Das schönste, was ich besaß, das war ein kleiner blühender Apfelbaum. Der
stand an der Parkmauer, und ich verliebte mich jedes Frühjahr in ihn. Als
ich ihn zum ersten Mal ansah, zog es leicht an meinem Herzen und mein Atem
setzte eine Weile aus. Er war schön und klein, lieblich, wie eine
geschmückte kleine Prinzessin sah er aus, weiß in weiß, eine kleine
schlanke Prinzessin, auf die alle Augen gerichtet sind und die nicht weiß,
wie schön sie ist, und daß alle Leute nichts tun als an sie denken Tag und
Nacht.
Ich war glücklich und blickte in mein Herz. Da war nichts als Freude und
Verwunderung.
Häufig setzte ich mich ins Gras und besah mir eine Stelle, nicht größer als
die Hand. Das schwebte! Das war so kunstvoll und mannigfaltig. Ich sah mir
diese handgroße Stelle an und schüttelte den Kopf, und ich begriff nichts,
und eine eigentümliche Rührung zog durch meinen ganzen Körper, von den
Zehen bis zum Kopfe. Großer Gott, wie hast du das ersinnen können? -- Und
Gott lächelte aus dem kleinsten Halme.
Es war alles so wunderbar, und ich lauschte auf meine Atemzüge. So
wunderbar waren meine Atemzüge. Ich lebte. So wunderbar war dies. Ich ging
in den Wald und sang, um nicht weinen zu müssen.
Das war der Frühling.
Zuweilen kam der Frühling auch des Nachts zu mir, in meine Träume, und ich
lachte viel im Traume. Verliebte und kuriose Abenteuer erlebte ich da. Das
war der Frühling, natürlich. Sicherlich war der Frühling auch schuld daran,
daß ich mich in die rothaarige Liselotte, eine geborene Weikersbach,
verliebte. Sie war längst tot, sie lag drunten in der Dorfkirche, aber ihr
Bild hing in meinem Zimmer. Sie blickte mir nach, wohin ich auch ging. Sie
lächelte. Sie hatte viele Sommersprossen und eine bläulichweiße Haut. Im
Traume küßte ich sie oft. Komme, Axel, rief sie, er ist in die Stadt
gefahren, um einen Schmuck für mich zu kaufen. Am Morgen darauf lächelte
sie.
Der Frühling hatte mir sein süßes Gift in die Adern eingespritzt, das war
es.
Oft stand ich lange Zeit am Waldesrande und blickte auf das Haus und
dachte: Kommt Liselotte heraus im Reifrock und ihr Gemahl mit Perücke und
Schnallenschuhen? Und ich wartete, obschon ich wußte, daß Liselotte und ihr
Gemahl längst tot waren. Auch das kam wohl vom Frühling, daß ich wartete
auf das Unmögliche.
Die Luft war es, die alles zum Märchen werden ließ! Mir kam es vor als
blickte ich in ein wunderliches Bilderbuch mit sonderbaren Figuren, und
unter einer stünde: das ist Axel. -- -- -- -- -- -- -- -- --
In einer Nacht erwachte ich mit dem Gefühle des Glückes: Eine Stimme sang
im Walde.
Ich richtete mich auf und lauschte. Es war ganz schwarz um mich, Sternchen
flimmerten in der Dunkelheit.
Es sang. Die Stimme schwebte in der Nacht.
Wachte ich? Träumte ich?
Die Stimme entfernte sich und schwieg plötzlich.
Es war eine Stunde nach Mitternacht, das Sternbild des Orion sank in den
Wald.
Ich setzte mich im Hemde auf das Fenstergesims.
Mitternachtsluft.
3
Einige Tage darauf traf ich Ingeborg wieder. Ich ging mit Pazzo durch den
Wald. Es war in einem Laubgange, der sich schnurgerade durch den Buchenwald
zog.
Sie kam langsam des Weges daher, sie schlenkerte die Arme und blickte nach
rechts und links in den Wald hinein, als suche sie etwas. Wie neulich war
sie ohne Hut und durchnäßt vom Tau. Sie trug etwas wie ein Kränzchen in der
Hand. Sie sang halblaut, und erst als wir uns ganz nahe waren, schwieg sie
still.
Sie sah schön aus, wie sie durch den Laubgang wandelte. Der Laubgang war
mit grünem Lichte angefüllt und so kühl und feierlich wie nur die
Klostergänge sind, durch deren Bogenfenster die Morgensonne flutet. In all
dem grünen Lichte, in der Feierlichkeit wandelte sie, fast durchscheinend,
gewebt aus Weiß, Weiß, etwas Gold und Rot.
»Guten Morgen!« rief sie und ihre Augen strahlten.
Ich gab ihr die Hand. Ihre Hand war eisigkalt und ganz blau gefroren. Es
war kühl. Auch ihr Gesicht war blau gefroren, schmal, und ihre Nase
erschien spitzig und klein. Ein feiner Riß lief über ihre Wange.
»Heute ist es frisch, Fürst!« sagte sie und schüttelte sich. »Ich bin seit
fünf Uhr unterwegs. Man muß jetzt zeitig aufstehen, der Tag ist noch so
kurz.«
Ich fragte sie, ob sie wohl den ganzen Tag spazieren ginge und sänge?
»Ja!« erwiderte sie und lächelte und blickte mir in die Augen.
Dieses Lächeln verwirrte mich. Gewiß lächelte sie über mein grünes Hütchen,
die hohen Stiefel, oder über meinen gestutzten Schnurrbart.
Man sah ihre oberen Zähne, wenn sie lächelte. Sie standen etwas vor.
Wohin sie gehe?
Sie beschrieb einen weiten Bogen mit der Hand und zuckte die Achseln.
»Ich weiß es nicht. Zuerst gehe ich da hinunter!« Sie deutete in die
Richtung, aus der ich gekommen war. Pazzo drehte den Kopf und blickte dem
Finger nach.
Dort sei ein kleiner Bach, sie wolle sich umsehen, was er treibe.
Ich lächelte. Es freue mich, daß sie die Wälder von Edelhof liebe, sagte
ich. Darauf achtete sie nicht. Sie blickte zu Boden und sah Pazzo
aufmerksam an. Sie war um einen Kopf kleiner als ich, ich sah ihren schönen
Scheitel. Schnurgerade war er. Mein Blick fiel auf ein goldenes Medaillon,
das sie um den nackten Hals trug.
Sie schüttelte den Kopf.
»Wie klug Ihr Hund blickt, Fürst!« sagte sie voller Verwunderung. »Er hat
Augen wie ein Mensch.«
Pazzos Augen glänzten wie nasse Kastanien, er ließ die Zunge aus dem Maule
hängen und atmete aufgeregt.
»Er ist schön. Wie heißt er?«
»Pazzo.«
Pazzo sprang steif auf die Beine und blickte von einem zum andern.
Ingeborg kauerte sich nieder und sagte: »Nun komm mal, schöner Pazzo!« Und
sie legte Pazzo das Kränzchen aus Anemonen um den Hals, das sie in der Hand
trug. Pazzo kläffte vor Vergnügen und sprang hoch in die Luft.
Ingeborg lachte, sie stand auf. Sie blickte mich an.
»Wird er zur Jagd verwendet?« fragte sie plötzlich voller Hast.
Er sei ein Jagdhund.
»O! -- Ja, er hat Zähne spitz wie Dornen. Ich hasse Jagdhunde und Jäger!«
sagte sie und sie wurde ganz rot im Gesicht.
»Adieu, Fürst!« sagte sie kurz.
»Adieu, Fräulein Giselher.«
Aber Ingeborg ging nicht sogleich, sie wandte sich zurück.
»Sie sagten vorhin, es freue Sie, daß ich die Wälder von Edelhof liebe.
Weshalb sagten Sie dies?«
Ich lächelte, zog die kurze Pfeife aus der Tasche und steckte sie in Brand.
Ich blinzelte durch den Rauch, wartete noch ein Weilchen, dann antwortete
ich:
»So? Habe ich das gesagt? Nun das war albern, Sie haben recht. Jeder
Gutsbesitzer hätte so etwas sagen können, der sich auf seine Wälder etwas
einbildet.«