Konsum und Interaktion

Ob wir es wollen oder nicht, die Wirtschaft wird durch Konsum

angetrieben. Das soll nicht gleich heißen, daß wir einen

Feedback-Kreislauf begünstigen sollen, der letztendlich die

Stabilität des Systems, dem wir angehören, unterminieren würde. Wenn

aber Konsum die Hauptantriebskraft bliebe, würden wir uns irgendwann

alle zu Tode vergnügen. Die Lösung für unser Problem ist aber nicht

in politischen oder pädagogischen Moralpredigten zu suchen.

Schuldzuweisungen an Konsum, Wohlstandserwartungen oder

Freizeitverhalten lösen keine Bildungsprobleme. Unsere Erziehung muß

den Konsumfaktor berücksichtigen und gleichzeitig den gesunden

Menschenverstand fördern. Ein gewisses Qualitätsbewußtsein können

wir schon dadurch anerziehen, daß wir kooperative Erziehungsprojekte

fördern, die nicht nur die Produktion von Dingen, sondern auch die

eigene Weiterentwicklung in den Mittelpunkt stellen. Den

Generationen, deren Fenster zur Wirklichkeit die Fernsehschirme

geworden sind, kann nicht zur Last gelegt werden, daß ihr Interesse

am Lesen nachgelassen hat oder daß ihnen die Wirklichkeit als eine

inszenierte Show erscheint, die durch halbminütige Werbespots

unterbrochen wird. Die jungen Leute von heute verfügen über andere

Fähigkeiten; statt sie auszuschalten, muß unser Bildungssystem ihnen

dafür die angemessenen Entfaltungsmöglichkeiten bieten. Das

Fernsehen ist eine Tatsache in unserem Leben geworden, wir müssen sie

nutzen; allerdings werden sich die Entwicklungen, die das Verhältnis

zwischen den Zuschauern und den Sendern von Botschaften verändern,

auch auf die Wirklichkeit des Fernsehens auswirken.

Kognitive und motorische Merkmale von Fernsehzuschauern unterscheiden

sich von denen, die sich unter der Schiftkultur herausgebildet haben.

Und das digitale Fernsehen wird diese Merkmale noch weiter verändern.

Bücher zur Geschichte oder über andere Länder werden eine marginale

Rolle in unserer Lebenspraxis behalten, aber die Fähigkeit, Bilder zu

lesen und zu verstehen, Veränderungen zu erkennen und zu bewirken,

Bilder zu veröffentlichen und wiederzuverwenden oder sie zu ergänzen,

überhaupt die Fähigkeit, eigene Bilder herzustellen, ist für unsere

Leistungsfähigkeit von entscheidender Bedeutung. Wenn es nicht

gelingt, den Schüler zu fesseln und zu engagieren, werden alle

Bildungsbemühungen nichtig sein. Es ist schwer zu begreifen, daß es

keine absoluten Werte gibt; aber wenn nicht alle Generationen zu

dieser Einsicht gelangen, werden sich die Generationskonflikte

verschärfen. Dagegen ist das Fernsehen gewiß kein Allheilmittel;

aber es kann eine breite Grundlage für ein gegenseitiges Verständnis

dafür schaffen, wie wir uns den immer bedrohlicheren

Herausforderungen stellen können. Natürlich ist von einem Fernsehen

die Rede, das den in der Industriegesellschaft erworbenen Status

eines Massenkommunikationsmittels abgelegt und sich zu einem

Instrument persönlicher Interaktion weiterentwickelt hat.

Ein Verständnis für Unterschiede zu entwickeln, kann nicht nur die

Aufgabe der Erziehung sein oder auf den Fernsehkonsum beschränkt

bleiben. Dieses Problem gehört zu den wichtigen Aufgaben unseres

politischen Lebens. Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich, und

alle bekommen die gleichen Chancen, sich ihren Möglichkeiten

entsprechend zu entwickeln; deshalb muß eine Gesellschaft jeglichen

Anspruch auf Homogenität und Uniformität zurückstellen und alles dazu

tun, die Bedeutung der Unterschiede zwischen ihren unterschiedlichen

Mitgliedern herauszustellen. Die Erwartungen, die mit dieser Art von

Erziehung einhergehen, richten sich auf Persönlichkeitsentfaltung und

Erfüllung in den gewählten Tätigkeitsbereichen als Wissenschaftler,

Tänzer, Denker, Facharbeiter, Bauer, Sportler usw. Mit anderen

Worten: das Ziel ist nicht primär ein gutbezahlter Job, sondern eine

befriedigende Arbeit. Die Mittel und Wege dazu wird uns weder der

Staat noch irgendeine Behörde weisen. Wir selbst müssen sie

entdecken, erproben und verbessern, und zwar immer im Wissen darum,

daß wir an die Stelle einer starren Institution einen nach vorn

offenen Prozeß setzen, aus dem heraus wir uns als gebildete und

ausgebildete Persönlichkeiten entwickeln.

Läuft Erziehung in Zukunft auf eine allgemeine Handelsschule hinaus?

Für die, die wollen, schon. Anderen stehen andere Möglichkeiten

offen, solange wir Erziehung als ein offenes Unterfangen begreifen,

das sich auf die Bildungsbedürfnisse einrichtet, die sich im Verlauf

eines langen, lernwilligen Lebens ergeben. Die Ausbildung von

interaktiven Kompetenzen, in Visualisierungstechnologien, im Umgang

mit Internet und Datenbänken, die Sensibilisierung der Sinne als

Denk- und Erfahrungsorgane--sie alle erfordern einen Lernkontext, den

keine Schule und keine Universität der Welt bieten kann. Wenn aber

alle bisherigen Bildungsressourcen gemeinsam zur Einrichtung der oben

skizzierten interaktiven Lernzentren beitragen würden, dann hätten

wir es nicht mehr mit einem maroden und finanziell bankrotten

Unternehmen zu tun, sondern Wege in eine erfolgreiche Zukunft

gefunden.

Die Menschen werden heute älter, die Altersstruktur der Gesellschaft

verändert sich, daraus ergibt sich ein weiterer Bildungsbedarf. Zu

den am stärksten anwachsenden Benutzergruppen im Internet gehört die

Gruppe der älteren Menschen, die nicht nur sehr motiviert sind,

sondern erstaunliche Fähigkeiten aufweisen, von denen die

Gesellschaft noch besser profitieren könnte.

Der Zugang zum verfügbaren Wissen über interaktive Projekte im

aufgezeigten organisatorischen Rahmen ist weder trivial noch billig.

Die vernetzte Welt, alle neuen Kommunikationsmittel und auch das

keineswegs mehr utopische digitale Fernsehen sind schon heute vielen

und vielerorts zugänglich. Denjenigen, die bislang keinen Zugang zu

dieser Technologie gefunden haben, könnte er leicht dadurch

ermöglicht werden, daß die hohen Ausgaben für die derzeitige

Bildungsbürokratie umverteilt werden. Statt weiterhin in Gebäude,

Verwaltungsapparate, Normen und Regulierungen zu investieren, statt

verfallende Schulgebäude wiederaufzubauen und all die Lehrer

wiederzuverwerten, die mangels richtiger pädagogischer

Herausforderungen geistig längst verödet sind, sollten wir ein neues,

ein globales Bildungssystem entwerfen. Dieses würde sich nicht nur

für ein Land, nicht nur für wenige reiche Länder, sondern kraft

seiner allgemeinen Verfügbarkeit für die ganze Welt segensreich

auswirken. Die in unabhängigen Modulen erstellten Lehrinhalte würden

sich aus authentischer Arbeit, aus wirklichen Problemstellungen der

Lebenspraxis ergeben, nicht aus von Lehrern erdachten und in

Lehrbüchern festgeschriebenen Schulübungen.

Effizienz in der Lebenspraxis ist der einzige Erfolgsmaßstab.

Zensuren werden insofern irrelevant, als sich praktische Tätigkeit,

in der sich die Selbstkonstituierung von Individuen vollzieht, nicht

durch Multiple-choice-Verfahren überprüfen läßt. Hier ist der Mensch

in seiner Gesamtheit angesprochen, dieses Lernen führt zu

persönlicher Reifung und erhöhtem sozialen Bewußtsein.

Jenseits der Schriftkultur — Band 5 · 第 53 / 61 题