Ein Weckruf

Unser Modell vertraut bei den Schülern auf Reife und Erfahrung und

bei den Erziehern auf die Fähigkeit, ein Unterrichtsklima zu schaffen,

in dem sich Selbstverantwortung und Selbstdisziplin entfalten können.

Es muß sich den bislang ungeklärten Fragen danach stellen, wann und

mit welchen Mitteln die Ausbildung beginnt, welche Rolle die Familie

darin spielt--sofern die Familie überhaupt noch ein nennenswerter

Erziehungsfaktor bleibt--, wie man Vielfalt und Multiplizität

integrieren kann. Öffentlichen Bekundungen nach verfolgen Erziehung

und Ausbildung einen Hauptzweck: die nachwachsenden Generationen mit

den Fähigkeiten auszustatten, die sie in die Lage versetzen, in der

Zukunft zum nationalen Wohl beizutragen. Wenn das so ist, dann

sollte die Tatsache, daß unsere wirtschaftliche Lebensfähigkeit von

einer globalen Wirtschaft abhängt, die sich nicht mehr durch Landes-

und Staatsgrenzen definieren oder lenken läßt, und daß Wettbewerb

sich auf dem übernationalen Markt abspielt, nicht unberücksichtigt

bleiben.

Insgesamt gerät, ein wenig wohl auch in unserem Modell, die

Entfaltung des Individuums durch die Entwicklung seiner geistigen und

seelischen Fähigkeiten in Vergessenheit oder wird dem Einschärfen von

Fakten und Fertigkeiten untergeordnet. Ästhetische Sensibilität,

subtilere geistige Interessen, auch der Erfahrungsreichtum der

Gefühlswelt, bleiben sich selbst genügende persönliche Interessen.

Die Menschen sehen sich einer Arbeitswelt ausgesetzt, die mit der von

Pädagogen, Wirtschaftsvertretern und Politikern antizipierten

Berufswelt wenig zu tun hat und immer fragmentarischer und

vermittelter wird. Letztendlich wird fast jede Arbeit zu einem "Job"

statt zu einem Beruf. Ärzte, Professoren, Geschäftsleute, Schreiner

und Fast-food-Verkäufer üben Tätigkeiten aus, die zumindest teilweise

automatisiert werden könnten. Damit verliert die Arbeit ihre

wichtigste Motivationsgrundlage--die Entfaltung individueller Anlagen

zu einer persönlichen Identität. Innere Motivation wird durch äußere

Begründungen--die Erhaltung der kommerziellen Demokratie--ersetzt,

was schließlich zu abnehmendem Interesse an der Arbeit, geringerem

Engagement und weniger Kreativität führt. Eine berufsbezogene

Ausbildung verspricht Wohlstand, nicht Selbsterfüllung. Der Verfall

der Familie und ein neues Sexual- und Fortpflanzungsverhalten deuten

darauf hin, daß eine stärkere Einbindung der Familie in die

Bildungsverantwortung, so begrüßenswert sie wäre, wohl eher die

Ausnahme bleiben wird. Es wäre also geraten, daß wir uns auf die

Veränderungen einstellen und Alternativen entwickeln, statt darauf zu

hoffen, daß durch ein Wunder oder die göttliche Intervention des

Dollars oder einer anderen starken Währung die Familie wieder zu dem

wird, was sie nach den Idealen der Schriftkultur hätte werden sollen.

Zahlreiche Pädagogen haben Theorien zur Erziehungs- und

Bildungsreform entwickelt. Sie ignorieren nicht etwa die neuen

pragmatischen Erfordernisse, sie werden ihrer überhaupt nicht gewahr.

Ihre Empfehlungen laufen daher mehr oder weniger auf dasselbe hinaus:

immer das Gleiche und davon noch mehr.

Der allgegenwärtige Fernsehapparat ist das typischste Merkmal unserer

Zeit. Er hat längst die Rolle übernommen, die das Buch einmal

innehatte. Dennoch ist das Fernsehen ein passives Medium; sein

Informationsgehalt ist trotz der gegebenen Möglichkeiten gering. Das

digitale Fernsehen mit der Einbeziehung des Computers wird hier

entscheidende Veränderungen mit sich bringen; es ist ein aktives

Medium und fördert Interaktivität. Bildungszentren werden diese

Möglichkeiten aktivieren und mit seiner Hilfe interaktive

Bildungsprozesse zwischen Individuen mit unterschiedlichstem

Bildungshintergrund ermöglichen. Vor allem dieses Medium wird uns

den Umgang mit unterschiedlichen Sichtweisen und Perspektiven lehren

und neue Erfahrungs- und Wissenshorizonte erschließen. Sie werden

weniger auf Informationsvermittlung konzentriert sein als auf das

Verständnis von Veränderungen und den Prozessen, die sie herbeiführen.

In diesem Zusammenhang hat auch die ästhetische Erfahrung einen Platz,

nicht als Kunstgeschichte, sondern als ästhetische Erwägung und

Tätigkeit, die neben den wissenschaftlichen Kenntnissen zur

Optimierung der menschlichen Praxis beiträgt. Wenn sich zukünftige

Lerngruppen dynamisch zusammensetzen, werden sie nach Alter, Herkunft

und Vorbildung heterogen sein. Angesiedelt im öffentlichen Bereich

vernetzter Ressourcen findet jeder den Zugang zu Lerngebieten seiner

Wahl, Feedback ist jederzeit gewährleistet und insgesamt ein Klima

kreativen Wettbewerbs geschaffen. Hieraus ergeben sich dann nicht

nur wissenschaftliche und technologische Leistungen, sondern

besonders auch die Relevanz ästhetischer Dimensionen.

Das schriftkulturell fixierte pädagogische Establishment wird unsere

Überlegungen vermutlich als Wolkenkuckucksheim, bestenfalls als

futuristisch abtun. Man wird unter Verweis auf die drängenden

Probleme Sofortlösungen fordern, keine Zukunftsmodelle, die auf

Selbstorganisation und Finanzierung durch die Wirtschaft setzen.

Zukunftsmodelle besitzen weniger Überzeugungskraft als Pläne für die

Reformierung einer Bildungspraxis, die auf eine lange Tradition und

auf Leistungen in der Vergangenheit verweisen kann. Und die

Öffentlichkeit wird trotz aller Kritik am gegenwärtigen

Bildungssystem einige Zweifel äußern: Wie sinnvoll und seriös ist es,

angesichts von Metalldetektoren in den Schulen, die die Schüler nach

Waffen absuchen, eine neue Bildungstheorie zu entwerfen, die auf neue

Lernhaltungen abzielt? Wie überzeugend sind Forderungen nach neuen

Lernerfahrungen mit hohen ästhetischen Ansprüchen, wo doch gerade die

Mittelmäßigkeit für die prekäre Lage an unseren Schulen kennzeichnend

ist? Aber: Sollen wir Motivation und Eigenmotivation in einer

Schulwirklichkeit, in der immer mehr Teenager schwanger zur Schule

kommen oder ihre Kinder in den Unterricht mitbringen, unterbezahlten

Lehrern oder Visionären überantworten? Wasser in der Wüste zu

verkaufen, ist nicht so einfach, wie es vielleicht klingt.

Warum sollen wir uns nicht ausmalen, daß Lernmittel an die

Computerterminals des Kennedy Space Center oder an die Supercomputer

des European Center for Research of the Future angeschlossen werden?

Wir können uns durchaus vorstellen, daß wir mit digitalem Fernsehen

das uns Unbekannte erforschen oder eine Online-Ausbildung einrichten;

denn wir leben in einer Welt, in der zur Steigerung unser aller

Leistungen der Zugriff auf Ressourcen, die bislang wenigen

vorbehalten waren, immer selbstverständlicher wird. Dafür müssen wir

aber unsere hergebrachten Vorstellungen von einer homogenen,

allgemein verbindlichen Ausbildung, die alle Individuen in dieselben

Ausbildungsmuster zwängt, ob sie wollen und können oder nicht,

aufgeben. Auch die besten Vorsätze, die soziale und ethnische

Rücksichten nehmen und humanistische Ideale verfolgen, helfen nicht

weiter. Überall auf der Welt hat die Pro-Kopf-Rate der privaten und

öffentlichen Bildungsausgaben die Inflationsrate überschritten;

dennoch widmen die Schüler ihre Zeit immer weniger der Schule und den

schulischen Aufgaben. Das gilt für die USA ebenso wie für andere

Länder mit hohen Zulassungsvoraussetzungen, also etwa Frankreich,

Deutschland oder Japan.

Wir können also unser Bildungssystem nicht ohne Blick auf die

allgemeinen gesellschaftlichen Veränderungen reformieren. Es ist

nicht von den anderen gesellschaftlichen Systemen losgelöst. Schüler,

Lehrer, Eltern, politische Institutionen, wirtschaftliche Realitäten,

ethnische und kulturelle Voraussetzungen und die Verhaltensmuster in

unserer kommerziellen Demokratie binden es in den allgemeinen

pragmatischen Kontext ein. Und da herrschen provinzielle Denkweisen

vor: Bürokratische Verordnungen von unübertroffener Dummheit

unterbinden jegliche Veränderung, die Millionen von zukünftigen

Schülern bessere Ausbildungschancen geben könnte. Was sich als

Kultivierung von Geist und Seele verstanden wissen will, ist die

Hochglanzpolitur eines Ladenfensters, hinter dem nur noch Ladenhüter

verstauben. Welcher Sinn liegt darin, Millionen von Schülern täglich

in Schulen zu schicken, deren Kosten wir nicht mehr tragen können,

und sie Leistungstests zu unterziehen, deren Maßstäbe wir ständig

senken müssen?

Jenseits der Schriftkultur — Band 5 · 第 52 / 61 题