Wir haben es immer wieder zu hören bekommen: Wir leben im Zeitalter
des Wissens. Damit ist ein Erfahrungszusammenhang bezeichnet, dessen
wesentliche Ressourcen kognitiver Natur sind. Im Zeitalter der
Schriftkultur vollzog sich die Aneignung von Wissen eher langsam und
erstreckte sich über eine längere Zeitdauer. Das Wissen, daß sich
aus den praktischen Erfahrungen und Tätigkeiten der
Industriegesellschaft ergab, lief letztendlich auf eine Erleichterung
der Lebensbedingungen für den Menschen hinaus. Alles, was
ursprünglich durch Muskelkraft des Menschen und seine handwerklichen
Fertigkeiten geleistet worden war, wurde zunehmend Maschinen
übertragen und mit Hilfe von Energieressourcen durchgeführt, die der
Mensch in seiner Umwelt fand. Das menschliche Denken förderte die
Weiterentwicklung von immer mehr und immer leistungsfähigeren
Maschinen, die sich auf alle nur denkbaren Anwendungsgebiete
erstreckten. Energie konnte auf eine so effiziente Weise eingesetzt
werden, daß schließlich Maschinen Arbeiten übernahmen, für deren
Durchführung die menschliche Arbeitskraft Dutzende oder Hunderte von
Menschen benötigt hätte.
Zur Verdeutlichung wollen wir einige Aufgaben des Maschinenzeitalters
mit denen unseres heutigen Wissenszeitalters vergleichen. In der
industriellen Lebenspraxis ersetzte die Maschine die Muskelkraft und
die begrenzten mechanischen Fertigkeiten, die zur Verarbeitung von
Rohmaterialien, zur Herstellung von Autos, zum Waschen der Wäsche
oder zum Schreiben eines Typoskripts nötig waren. Neu entdeckte
Energiequellen hielten die Maschine am Laufen, so daß sie schließlich
auch von der Fabrik aus die privaten Haushalte eroberte. Die
Schriftkultur, die die wesentlichen Merkmale der industriellen
Lebenspraxis verkörperte, hielt mit den Anforderungen und
Möglichkeiten des Maschinenzeitalters Schritt. In unserem Zeitalter
nun sind Computerprogramme an die Stelle der Maschine getreten; sie
ersetzen das Denken und das begrenzte Wissen, daß man zur Überwachung
von komplexen Produktionsanlagen benötigt, die Rohmaterialien
verarbeiten und neue Materialien herstellen. Computerprogramme
überwachen die Herstellung von Automobilen; sie lenken zahlreiche
Funktionen in unseren Haushalten--Heizung, Waschen und Trocknen der
Wäsche, Kochen, Hausüberwachung. Auch die Publikationstätigkeit im
World Wide Web ist vom Computer abhängig. Alle diese Leistungen
vollziehen sich in einer globalen Skala. Viele Sprachen dienen als
Datenträger für jede spezielle Teilaufgabe und gehen in das
Endprodukt ein. Die früheren Abhängigkeiten von natürlichen
Ressourcen und von einem gesellschaftlichen Modell, das für die
optimale Funktionsfähigkeit der industriellen Lebenspraxis
zugeschnitten war, erübrigen sich in dem Maße, in dem sich der Fokus
von Dauerhaftigkeit auf flüchtigere Interessengemeinschaften oder auf
das Individuum verlagert--die eigentlichen Organisationseinheiten des
Wissenszeitalters.
Kognitive Ressourcen ergeben sich aus Erfahrungen, die von denen des
Maschinenzeitalters qualitativ unterschieden sind. Digitale
Maschinen verbrennen weder Kohle noch Gas--digitale Maschinen
verbrennen Wissen. Die Quelle eines jeden Wissens liegt bekanntlich
im Geist eines jeden Menschen. Die Ressourcen des
Maschinenzeitalters erschöpfen sich allmählich. Alternative
Ressourcen lassen sich in den Bereichen erschließen, die
üblicherweise unbeachtet blieben. Recycling und die Erfindung von
Prozessen, die aus dem Verfügbaren noch mehr herausholen, müssen sehr
viel stärker auf menschliches Wissen zurückgreifen als auf rohe
Verarbeitungsmethoden. Dabei sind die Wissensquellen prinzipiell
unbegrenzt. Wenn jedoch die kognitive Komponente unserer praktischen
Erfahrungen stagnieren oder aus irgendeinem unvorstellbaren Grunde
zusammenbrechen würde, dann würde mit ihr die gesamte auf dem
digitalen Ablauf des Wissenszeitalters basierende Pragmatik
zusammenfallen. Man stelle sich einmal vor, daß man mit einem Auto
auf einer menschenleeren Straße liegenbleibt, weil der Benzintank
leer ist. Was würde im Vergleich dazu passieren, wenn eine komplexe
Maschine, die komplizierter als all das ist, was Science-fiction
ersinnen könnte, stillstehen würde, weil sie nicht mehr von
menschlichem Denken gefüttert wird?
Die Dynamik unseres Wissens, die sich irgendwo zwischen den Polen der
Informationsverarbeitung und des Wissenserwerbs und der
Wisssensverbreitung zum Ausdruck bringt, steht für die Dynamik
unseres gesamten Lebenssystems. Das in neuen Technologien und
Verarbeitungsmethoden verkörperte Wissen ist für die fundamentale
Trennung des Individuums von den Produktionsaufgaben und von einer
Vielzahl weiterer, nicht produktiver Tätigkeiten verantwortlich.
Kein Individuum muß über das gesamte Wissen verfügen, das eine
lebenspraktische Situation erfordert. Betriebsingenieure in
Atomkraftwerken brauchen zum Beispiel keine großartigen Physiker oder
Mathematiker zu sein. Nicht alle Arbeiter in einem
Raumforschungsprogramm müssen Raumfahrtspezialisten sein. Ein
Programmierer braucht nicht unbedingt zu wissen, wie ein
Diskettenlaufwerk funktioniert. Ein Gehirnchirurg muß nicht wissen,
wie die Instrumente hergestellt werden, die er verwendet. Jede
einzelne Facette einer bestimmten pragmatischen Situation hat
spezifische Erfordernisse. Die gesamte pragmatische Situation setzt
jedoch ein Wissen voraus, über das ein Individuum weder verfügen kann
noch verfügen sollte. Das jeweils relevante begrenzte Wissen wird
heute nicht mehr einheitlich über schriftkulturelle Methoden
verbreitet, es ist in Instrumenten und Methoden, nicht in Menschen
eingebaut und wird auf diese Weise verbreitet. Der ungeheure Vorteil
liegt darin, daß Programme und Verfahren vereinheitlicht werden,
nicht aber die Menschen. Datenmanagement kann fortgeschrittenes
Wissen nicht ersetzen; aber ein Datenmanagementsystem kann mit Wissen
in Form von routinierten Erfahrungen, Abläufen, Handlungsschemata,
Verwaltung und Selbstevaluation ausgestattet werden.
So wie jeder einzelne am reibungslosen Ablauf der mechanischen
Maschine beteiligt war, ist jeder einzelne, ob Laie oder Spezialist,
auch am reibungslosen Funktionieren der digitalen Maschine beteiligt.
Die einzige zuverlässige Wissensquelle liegt in den Menschen, die
sich in praktischen Erfahrungen entfaltet haben, welche das Digitale
miteinbezog. Nicht jeder wird natürlich ein Denker, und nicht jeder
produziert Wissen. Im Wissenszeitalter jenseits der Schriftkultur
sind vor allem zwei Wissensquellen relevant. Die eine Quelle speist
die hochspezialisierte Arbeit von Spezialisten und Forschern in hohen
Abstraktionsbereichen, die weit über dem liegen, was die
Schriftkultur artikulieren konnte. Die andere Quelle ist in den auf
den gesunden Menschenverstand gründenden Interaktionen angelegt, in
der alltäglichen Erfahrung des Menschen.
Daß das Spezialistenwissen wohl auch weiterhin in die Lebenspraxis
unseres Zeitalters eingebunden bleiben wird, ist ohne Zweifel. Die
spezifischen Motivationen, die zu neuem Wissen führen, müssen erkannt
und angeregt werden. Auch müssen wir solche Umstände in Betracht
ziehen, die sich negativ auf die neues Wissen hervorbringenden
Lebensumstände auswirken könnten.
Über die zweite Wissensquelle wissen wir sehr viel weniger, denn in
vorausgegangenen Lebenszusammenhängen war sie weniger wichtig und
daher weitgehend ignoriert worden. Wir wissen vor allem nicht, wie
wir das unbegrenzte Reservoir jener Wissensressourcen anzapfen können,
die sich im Alltag und in der routinierten Arbeit des größten Teils
der Weltbevölkerung manifestieren. Jedes einzelne Individuum kann
mit eigenen kognitiven Ressourcen zu der allgemeinen Dynamik der Welt
beitragen. Aber diese Beiträge sind zufällig, schwierig zu
identifizieren und lohnen nicht immer den Aufwand, der zu ihrer
Förderung notwendig ist. Viele Entscheidungen, die wir in unserem
Leben treffen, beruhen auf außerordentlich wirkkräftigen Prozeduren,
derer wir uns als Individuen selten oder nie bewußt werden. In
manchen scheinbar banalen Verrichtungen steckt der Keim zu einem
Genie. Das Abtauchen in die Tiefe der kollektiven persona scheint
aber lohnenswert.
Vor einigen Jahren sprach ich mit einem prominenten
Erziehungswissenschaftler, der in seinem Institut bereits mit
interaktiven Simulationsprogrammen für Jugendliche arbeitete. Wir
unterhielten uns über das damals sehr beliebte Computerspiel Game of
Life (von John Horton Conway) und die Möglichkeit, es für neue
Unterrichtsformen zu nutzen. Das Game of Life basiert auf der
Theorie von Zellularautomaten und simuliert bestimmte
Gesetzmäßigkeiten von Geburt und Tod. Die Spielregeln sind relativ
einfach, aber innerhalb derselben laufen sehr komplexe Formen des
künstlichen Lebens ab: Eine Zelle, die sich voll entwickelt,
verkörpert entstehendes Leben, die gegenteilige Richtung Tod. Ziel
des Spiels ist es, komplexe Lebensformen zur Ausbildung zu bringen.
Unsere Überlegung ging dahin, dieses Spiel einer großen Spielerschaft
im Netzwerk weltweit zugänglich zu machen, so daß Hunderttausende von
Mitspielern die Spuren ihrer kognitiven Entscheidung zurücklassen
würden. Aus diesen allen würde sich die "Intelligenz" des gesamten
Kollektivs herauskristallisieren, das an diesem Spiel beteiligt ist.
Die so erreichte kognitive Gesamtsumme hat Gestalt-Charakter--sie ist
sehr viel mehr als die Summe aller ihrer Teile, hat also eine
qualitativ andere Natur, die vielleicht sogar mit der von
Spezialisten oder Genies vergleichbar ist. Aber wenn wir uns die
enorme Anzahl von Anwendungen vor Augen halten, die in dieses Projekt
eingegangen wären und die von völlig nutzlos bis zu hoch produktiv
reichen, dann läßt sich leicht ermessen, daß diese Wissens- und
Intelligenzquelle viel interessanter ist als die von Spezialisten und
professionellen Denkern in einem bestimmten Bereich. In dem, was wir
tun und wie wir uns entscheiden, liegt mehr als nur Rationalität und
Denkkraft, von schriftkultureller Rationalität gar nicht zu reden.
Bei einer solchen kollektiven persona bräuchte es sich gar nicht um
die gesamte Weltbevölkerung zu handeln (abzüglich der Wissensprofis).
Man könnte mit ad hoc-Gruppen beginnen, also Gruppen, die ein
bestimmtes Interesse teilen oder nach einer bestimmten Information in
einem alltäglichen Zusammenhang suchen. Wir würden auf diese Weise
einen wichtigen Einblick in die kognitiven Ressourcen gewinnen, die
im Alltag aktiv sind, und könnten davon ausgehend wichtige Prozeduren
entwickeln, die die individuelle Leistungsfähigkeit im Alltag enorm
erhöhen würden--und das hieße keineswegs, daß individuelles Verhalten
in groteske Formen repetitiver Verhaltensmuster gezwängt würde.
Wenn wir wirklich in einem Wissenszeitalter leben, können wir uns
nicht auf das Wissen weniger beschränken, so außergewöhnlich diese
auch sein mögen. Jenseits der Schriftkultur ist das
schriftkulturelle Modell individueller Leistung kein Garant mehr für
die Leistungsfähigkeit der gesamten Gesellschaft.
Mit der zunehmenden Komplexität unseres Lebens können wir
Zusammenbrüche vermutlich nur auf Kosten weiterer kognitiver
Ressourcen verhindern. Es hat Jahrtausende gedauert, bis sich aus
den primitiven Formen der Notation die Schrift und schließlich die
Schriftkultur herausgebildet haben. Im Wissenszeitalter können wir
uns einen derartig langwierigen Zyklus zur Integration der kognitiven
Ressourcen nicht leisten. Es ist bedrückend zu sehen, wie wenig
Gebrauch wir von der weitgehend verschwendeten Geistestätigkeit vor
dem Fernsehgerät oder auch beim Surfen im World Wide Web machen.
Natürlich sind Unterhaltung und Entspannung notwendig, dennoch ist
die beim Zuschauen eines Fußballspiels verwendete Energie ebenso
verschwendet wie beim Surfen im Web, in dem die Suche nach
pornographischem Material diejenige nach Mathematik oder Literatur
bei weitem übersteigt. Wenn wir aus den Computerspielen kognitive
Informationen ableiten könnten, hätten wir nicht nur der
Spielwarenindustrie geholfen, die die Natur des menschlichen Spiels
nachhaltig verändert hat, sondern auch Einsicht gewonnen in die
kognitiven und emotionalen Aspekte dieser elementaren Formen
menschlicher Identitätsfindung. Neben den allgemeinen Ansichten über
die Natur des homo ludens gibt es auch quantifizierbare Aspekte
bezüglich Wettkampf, Vergnügen und Befriedigung im Spiel. Das
Internet ermöglicht unsere Reise durch Unmengen von Daten,
Informationen und Wissensquellen. Sollen wir den Zugang zu diesen
kognitiven Landkarten wirklich Marketing-Experten überlassen, oder
wären sie nicht doch besser verwendet, wenn wir mit ihrer Hilfe
besser verstehen könnten, was uns im einzelnen bewegt, wenn wir nach
einem Wort, einem Bild oder einer Erfahrung suchen. Daten über unser
Kaufverhalten sagen nicht unbedingt etwas über unsere Persönlichkeit
aus. Für viele Menschen ist der Kauf von Konsumgütern lediglich
Vollzug einer Vermittlung, die von den Betreibern der gekauften
Dienstleistungen oder Gegenstände getragen wird. Es gibt aber
authentische Erfahrungen und Lebensformen, in denen der Mensch durch
nichts ersetzt werden kann. Hierzu gehört neben dem Scherzen oder
neben gesellschaftlicher Interaktion vor allem der Bereich des Spiels.
In diesen authentischen Augenblicken unserer Selbstkonstituierung
werden außerordentlich wertvolle kognitive Ressourcen aktiviert.
Die globale Vernetzung ist sehr viel transparenter als irgendein
Medium der Schriftkultur es je war. Die Printmedien sind prinzipiell
durch ein Verhältnis 1:1 gekennzeichnet; das Fernsehen erweitert
dieses Verhältnis allenfalls auf eine Kleingruppe. An einer
Web-Seite hingegen können Tausende von Teilnehmern angeschlossen sein.
Doch auch hier ist die Transparenz keineswegs uneingeschränkt. Vom
Server können sie zwar erfahren, daß eine kleine oder große Anzahl
von Teilnehmern gegenwärtig ist, nicht aber deren Identität, das Ziel
ihrer Suche oder die kognitiven Komponenten, die in der jeweiligen
individuellen Erfahrung aktiviert sind. Diese Anonymität gilt
weitgehend unserem Schutz vor uns selbst. Wir müßten also Methoden
entwickeln, mit Hilfe derer wir uns im jeweils von uns gewünschten
Maß identifizieren und offenbaren und unsere Bereitschaft zur
Interaktion bekunden können. Mit diesen Methoden könnten wir
kognitive Ressourcen anzapfen, die uns bislang unzugänglich geblieben
sind, aber einen enormen Wert darstellen.
Digitale Maschinen, die als Energie unser Wissen und unsere
Erkenntnis verbrennen, haben eine Effizienz in einer Größenordnung
erreicht, die die Effizienz von Maschinen, die Kohle oder Öl
verbrennen, weit übersteigt. Die neuen Möglichkeiten setzen uns
allerdings auch unter einen neuen, ungewohnten Druck, der durch die
beschleunigte Akkumulation von Daten, durch die
Informationsverarbeitung und die Wissensverwertung erzeugt wird. Um
das Verhältnis zwischen der digitalen Maschine und unserer eigenen
Leistung zu verstehen, müßten wir uns eine Dampfmaschine vorstellen,
die eine Lokomotive bergauf treibt. Unser neues Stadium jenseits der
Schriftkultur ist ein solcher Steilhang mit mancherlei
Hindernissen--unsere begrenzten körperlichen Fähigkeiten, unsere
begrenzten natürlichen Ressourcen, ökologische Überlegungen, unsere
Fähigkeit zur Behandlung komplexer gesellschaftlicher Probleme. Hier
einfach nur die Bremse zu ziehen, würde lediglich die Arbeit der
Maschine erschweren; es sei denn, wir hielten es für erstrebenswert,
den Steilhang Hals über Kopf hinunter zu purzeln. Jeder kluge
Ingenieur weiß, daß die einzig vernünftige Lösung darin liegt, das
Feuer anzuheizen. Das könnte fast wie ein Fluch klingen, der über
uns lastet. Aber die Spannung, die in der Möglichkeit neuer
Entdeckungen liegt, auch in der Erforschung unserer eigenen
kognitiven Ressourcen, wiegt das allemal wieder auf.
Genug der Beispiele. Die digitale Maschine wird nicht von
irgendwelchen abstrakten Rechenleistungen noch schnellerer Chips
angetrieben, sondern von menschlichem Wissen und menschlicher
Erkenntnis, die sich in Erfahrungen ausdrücken, welche sich weiter
diversifizieren. Noch ist der Fall nicht eingetreten, daß wir zu
viel Energie und zu viel Computerkapazitäten hätten und nicht wüßten,
wohin damit. Ganz im Gegenteil: Unsere Lebenspraxis ist der
verfügbaren Technologie immer einen Schritt voraus, wir stellen uns
immer neue Fragen und begegnen uns neuen Herausforderungen, für die
die Chips von gestern nicht ausreichen und das verfügbare
elektronische Gedächtnis genauso unzureichend ist, wie die Mittel und
Methoden der Schriftkultur.
Seit einiger Zeit schon versucht man, die bioelektrischen Signale zu
messen, die sich aus der Tätigkeit unseres Gehirns ergeben. Wir
haben von diesen Messungen gelernt, daß sich der Geist in
Antizipierung praktischer Erfahrungen, in denen wir unsere Identität
finden, konstituiert. Das klingt trotz der vorliegenden
wissenschaftlichen Beweise etwas weit hergeholt. Denken ist ein
Prozeß, und bioelektrische Signale bekunden den Ablauf solcher
Prozesse in unserem Gehirn. Sensoren auf unserer Haut können solche
Signale lesen; sie können lesen, wie sich die Denkprozesse, die auf
unseren kognitiven Ressourcen basieren, entfalten. Wenn wir die
digitalen Maschinen mit dieser Energie füttern, können wir mancherlei
Nutzen daraus ziehen: durch gedankliche Impulse kontrollierte
prothetische Vorrichtungen für Behinderte, aber auch Impulse für den
Pinsel eines Malers, für Filmregie und Filmschnitt am Computer, die
uns in kinomatographische Projekte und in die Erstellung oder
Veränderung von Filmskripten einbinden. Alle unsere bekannten
Sportspiele und viele unbekannte neue Spiele öffnen sich als eine
neue virtuelle Realität, und unsere Gedanken ermöglichen im Umgang
mit ihnen neue Erfahrungen. Gerade auch für Behinderte bietet sich
hier ein neuer Horizont von bisher unbekannter Qualität. Viele
Wissenschaftler, unter ihnen Einstein, waren davon überzeugt, daß wir
in dem, was wir tun, nur ungefähr 10% unserer kognitiven Fähigkeiten
verwenden. In dem Maße, in dem die digitale Maschine mit dieser
neuen Energie gefüttert wird, ändert sich diese Zahl, und mit ihr
vermutlich unsere körperliche Verfassung, die schon jetzt durch
Degenerationserscheinungen gekennzeichnet ist.
Wenn wir aber den Grad unserer gegenwärtigen Möglichkeiten mit nur
10% unserer kognitiven Ressourcen erreichen konnten, dann läßt sich
leicht ermessen, was wir mit weiteren 10% erreichen könnten. Die
neue Phase der Menschheitsentwicklung jenseits der Schriftkultur, mit
allen Gefahren und allen Unwägbarkeiten, hat eben erst begonnen. Daß
sie von kürzerer Dauer sein wird als die ihr vorausgegangene, ist ein
anderes Thema.