Die Begleichung der Rechnung

Auch die Finanzierung der Ausbildung würde auf neue Grundlagen

gestellt und von denen getragen, die den Nutzen daraus ziehen. Ein

Unternehmen, das an gut ausgebildeten, am Arbeitsmarkt orientierten

Schülern interessiert ist, dürfte dafür ohnehin besser geeignet sein.

Auch fallen die Kosten wesentlich geringer aus, da die

Interaktionskonfigurationen weder aufwendige Schulgebäude noch hohe

Verwaltungskosten erfordern. Die Ausbildung würde sich nicht mehr an

einem fiktiven Arbeitgeber ausrichten, sie wäre Teil von Industrie,

Dienstleistungsbetrieben, Behörden und Kleinbetrieben. Sie würde

sich orientieren an praktischen Erfahrungen und tatsächlichem Bedarf,

nicht an unbestimmten Erziehungsidealen, die sich nach Abschluß einer

teueren Ausbildung als hohl und nutzlos erweisen. Entsprechend gut

ist die Motivation der Schüler, die sich in Betriebe eingebunden

fühlen, deren zukünftige Bilanz von der Leistung der von ihnen

Ausgebildeten abhängt. Aber wird die Wirtschaft sich darauf

einlassen? Heute sieht sie sich jedenfalls in der paradoxen

Situation, daß sie über eine am Berufsmarkt vorbeigehende Ausbildung

klagt, die im übrigen viele Merkmale trägt, die auch die überholten,

ineffizienten Formen des Geschäftslebens kennzeichnen.

Die Absolventen solcher Ausbildungsgänge können ab einem gewissen

Kompetenz- und Selbstvertrauensgrad ihr Schicksal eigenständig in die

Hand nehmen, weiterführende Ausbildungswege beschreiten oder im

Unternehmen, das ihre Ausbildung getragen hat, eine Aufgabe

übernehmen. Vor allem können sie die selbstgewählten und erprobten

kognitiven Fähigkeiten ausbauen. Es wird analytisch oder synthetisch

orientierte Menschen geben, viele werden die erlernten Fähigkeiten

zur Bildung und Erprobung von Hypothesen erweitern. Manche werden

ihren Neigungen zu induktivem Arbeiten folgen, empirisch arbeiten,

beobachten und daraus allgemeine Schlußfolgerungen ziehen; andere

werden das deduktive Arbeiten vorziehen, von allgemeinen

Gesetzmäßigkeiten auf konkrete Anwendungen übergehen. Wieder andere

werden sich mit Ableitungen beschäftigen, das Wissen über einen

repräsentativen Satz von Phänomenen auf umfangreichere

Tatsachenbestände oder Abläufe übertragen.

Keine dieser kognitiven Möglichkeiten sollte verboten, ausgeschlossen

oder nachgeordnet werden, solange die menschliche Integrität in allen

Aspekten gewahrt bleibt und die Interaktion von Menschen in allen

ihren denkbaren Formen ausgeübt wird. Unsere derzeitigen Erziehungs-

und Bildungsmethoden fördern integritätshemmende Motivationen; was

zählt, ist das für das Zeugnis relevante Ergebnis, ungeachtet der

Tatsache, wie es erreicht wurde und was es zur Persönlichkeitsbildung

beiträgt. Im gegenwärtigen Bildungssystem stellt sich Integrität

allenfalls zufällig ein. Die gemeinsame Arbeit an einem Projekt

hingegen fördert die gegenseitige Verantwortung für das angestrebte

Ergebnis. Und da das Ergebnis für die zukünftige Entwicklung eines

jeden Beteiligten entscheidend ist, erschöpft sich die Ausbildung

nicht mehr in Zensuren und Zeugnissen, sondern orientiert sich an der

erfolgreichen Zusammenarbeit in der Verfolgung eines gemeinsamen

Ziels.

Durch Zwang läßt sich nichts vermitteln und nichts erreichen. Ein

bestimmter Standpunkt gegenüber einer Sache oder Werten außerhalb des

unmittelbaren Lebenszusammenhangs werden nur in einer

lebenspraktischen Erfahrungslage als notwendig erfahren. Wer

gezwungen wird, Daten aus Shakespeares Leben und Passagen aus seinen

Werken auswendig zu lernen, wird seine Dramen weder verstehen noch

schätzen. Aber ein zwangfreies Angebot von Kunst und Wissenschaft,

Sport und Unterhaltung, Politik und Religion, Ethik und

Rechtssystemen in vielfältigen didaktisch-methodischen Formen wie

interaktiven Medien, Büchern, Kunstwerken, Datenbänken und

Interaktionsprogrammen bietet die Möglichkeit eigener Entdeckungen

und Erfahrungen. So wichtig alle genannten Bereiche sind, wir dürfen

niemals vergessen, daß Erziehung nur dann erfolgreich sein kann, wenn

sie die Schüler einigermaßen glücklich und zufrieden macht. Jede

Erziehungsmaßnahme, gut oder schlecht, greift in irgendeiner Weise in

den Menschen als eine natürliche Einheit ein. Das heißt, daß es im

Erziehungsprozeß immer auch Spannungen geben muß; aber statt nur

diejenigen zu belohnen, die sich leichter akkulturieren lassen,

sollte die Erziehung auch komplementäre Faktoren berücksichtigen.

Damit befürworte ich weder interaktives Lernen am Strand oder auf dem

Skihügel noch die totale und bedingungslose Einbindung in die

Arbeitswelt. Aber wenn sich die Erziehung schon vom Modell

industrieller Abläufe lösen sollte--fabrikähnliche Gebäude,

Unterricht, der nach Pinzipien der Schichtarbeit und der Teilung von

Arbeit, Freizeit und Urlaub organisiert ist--, dann sollten die

Schüler den Unterrichtsrhythmus auch besser mit ihren natürlichen

Lebensrhythmen vereinbaren können. Statt ständiger physischer

Anwesenheit aller zu bestimmten Zeiten sollte sich eine interaktive

und kooperative Kreativität entfalten dürfen, die Raum bietet für das

Spielerische, Natürliche und Zufällige.

Das klingt vielleicht weit hergeholt, aber es liegt tatsächlich noch

in weiter Ferne. Selbst wenn die großen Computerfirmen überall auf

der Welt Interaktionszentren einrichten würden, hätte dies keine

weitreichenden Veränderungen zur Folge. Zu tief sind die

Lernhaltungen der Schüler in den traditionellen Erwartungen

verwurzelt. Es läßt sich leichter Übereinstimmung darüber erzielen,

was am gegenwärtigen Bildungssystem gut ist, als darüber, was

geändert werden könnte und müßte. Aber jeder einzelne kleine Kern

selbstorganisierten Lernens, der sich in Online-Klassen mit

netzwerkspezifischen Fragestellungen beschäftigt, ist ein Schritt in

die richtige Richtung. Überall dort, wo sich der Bedarf an

qualifizierten Arbeitskräften besonders dringlich

stellt--rechnergestützte Genetik, Nanotechnologie, nicht-lineares

elektronisches Publishing--, bietet das hier vorgestellte Modell eine

Chance. Wir können nicht mehr erwarten, daß unser Bildungssystem

qualifizierten Nachwuchs heranbildet, ohne daß die an diesem

Nachwuchs interessierten Firmen an den Kosten dafür beteiligt werden.

Statt Stiftungslehrstühle für traditionelle Wissenschaftsdisziplinen

bereitzustellen, sollten die Unternehmen in die Ausbildung und die

lebenslange berufliche Weiterbildung investieren.

Solange wir davon ausgehen, daß nur derjenige ein guter Architekt

wird, der Geschichte, Mathematik, Biologie beherrscht und dazu noch

weiß, wer Vitruvius war, halten wir an den überkommenen Regeln der

Schriftkultur fest. Die Frage ist auch falsch gestellt. Denn sie

unterstellt, daß man im voraus wissen kann, was für veränderte

pragmatische Zusammenhänge wichtig wird und wie diese sich darstellen.

Die Inhalte verändern sich, die Proportionen verändern sich, vor

allem aber verändert sich der Lebenszusammenhang.

Im Gegensatz zur heute verbreiteten Rangordnung zwischen den Fächern,

die z. B. Zeichnen und Singen zu Nebenfächern und Lesen und

Schreiben zu Hauptfächern erklärt, müssen wir die Komplementarität

der einzelnen Fähigkeiten anerkennen. Unsere Erziehung sollte alle

die Fähigkeiten fördern, in denen und durch die die jungen Menschen

sich in einer Welt definieren, die den Kreislauf ewiger

Wiederholungen durchbrochen hat und völlig neue, auf keine

Vergangenheit bezogenen Ziele verfolgt. Statt Intuition und

Irrationalität rundweg abzulehnen, sollten auch Selbsterkundungswege

offenstehen, die sie integrieren. Eine nur auf Problemlösung

ausgerichtete Erziehung ist zu eng; alternative Ziele, auf die auch

Intuition, Irrationalität oder das Unbewußte hinführen, sollten

erlaubt sein.

Jenseits der Schriftkultur — Band 5 · 第 51 / 61 题