Erziehung, Bildung und Ausbildung müssen lebendige Prozesse sein, die
den Zugang zu allen Informationsquellen garantieren, nicht nur zu
denen im Schriftformat. Jede Informationsquelle hat ihre eigene
epistemologische Voraussetzung--eine gedruckte Enzyklopädie
unterscheidet sich von einer elektronischen Datenbank. Die Lektüre
eines Buches ist etwas anderes als der Umgang mit einer multimedialen
Plattform. Diese Unterschiede stellen sich bei der Verwendung ein,
nicht im passiven Erlernen oder durch Nachahmung. Das Erziehungsziel
darf nicht darin liegen, Verhaltensmuster nachzuahmen, sondern Wissen
und Fähigkeiten in Vorgängen und konkreten Handlungsabläufen zu
erwerben. Nach diesem Erziehungsmodell setzen sich Klassen aus
Interessengruppen mit gemeinsamen Zielen zusammen, sie sind nicht
durch Altersstufen, festgelegte Fächer oder gar durch
verwaltungstechnische Prinzipien definiert. Der Klassenraum ist die
Welt, nicht ein aus Ziegelsteinen und Mörtel umgrenzter Raum, in dem
stereotype Rollen und Beziehungen eingeübt werden. Das mag alles
vielleicht etwas unüberlegt oder überzogen klingen, aber die Mittel
zur Verwirklichung solcher Erziehungsideale stehen zur Verfügung.
Wir können uns folgendes Szenarium vorstellen: Nach einer ersten
Grunderziehungsphase besuchen die Schüler interaktive Bildungszentren.
Dabei soll der Begriff des Zentrums keineswegs an schriftkulturelle
Bildungsmerkmale anschließen. Diese Zentren sind vielmehr
Sammelpunkte für die vielfältigen Wissensrepositorien--Datenbänke,
Programme zur Erprobung unterschiedlichster Erfahrungsbereiche,
Beispiele und Evaluationsmaßnahmen. Diese Zentren offerieren
jederzeit modifizierbares und ergänzungsfähiges Wissen in allen
erdenklichen Formaten. Auf Wunsch können eigens dafür entwickelte
Programme (sogenannte intelligent agents) entsprechende
Wissensquellen erschließen, sei es mit Hilfe derer, die ihrer
bedürfen, unabhängig von oder parallel zu ihnen. Der Wunsch kann
mündlich artikuliert werden ("Ich wüßte gern..."), handschriftlich,
maschinell oder graphisch. Interaktive Bildungszentren vereinigen
die Funktionen von Büchereien, heuristischen Erprobungsfeldern,
Laboratorien, Testverfahren und Forschungsmedien. Die hybride
Maschine aus menschlichen Individuen und Funktionen, die den Kern
eines solchen Zentrums ausmacht, verändert sich in dem Maße, in dem
das in die Interaktion verwobene Individuum sich ändert.
Wir alle wissen, daß das Lehren die beste Art des Lernens ist. Daher
sollten die an das neuronale Netzwerk angeschlossenen Teilnehmer ihre
Partner an ihren Erfahrungen teilhaben lassen, soweit diese deren
eigene Interessengebiete berühren. Die miteinander verbundenen
neuronalen Netzwerke selbst werden ihrerseits zu Partnern bei der
Verfolgung von immer komplexeren Zielen. Und da die Kriterien, nach
denen sich die Interaktionspartner finden, nicht durch Wohnort und
Schulbezirk, Alter oder Herkunft, sondern allein durch gemeinsame
Interessen und unterschiedliche Perspektiven bestimmt sind, gewinnt
dieser neue Bildungstypus auch eine erhebliche soziale Bedeutung:
Alles was wir tun, wirkt sich auf die gesamte Welt aus.
In unserem Modell werden gemeinsame Interessen verfolgt, Ergebnisse
verglichen, Fragen verbreitet. Auf diese Weise eignet man sich
Denkweisen an, lernt Hypothesen zu überprüfen und Fortschritte
festzustellen. Lehrer und Erzieher können sich frei von
Verwaltungspflichten auf die entscheidenden Lernprozesse
konzentrieren; statt immer wieder Vergangenes aufzuarbeiten,
entwickeln sie Interaktionsmöglichkeiten, in denen sich die Schüler
lernend entfalten. Auch die Lehrer werden in den Interaktionsprozeß
einbezogen, sind an der allmählichen Entwicklung des Wissens
beteiligt und entwickeln sich damit selbst weiter. Sie bleuen ihren
Schülern nicht die Disziplin einer beherrschenden Sprache ein,
sondern öffnen Wahlmöglichkeiten für kurz- oder längerfristiges
Engagement.
Und wenn die Schüler nicht mehr eine verbindliche Sprache
aufoktroyiert bekommen, sind sie auch von den Fesseln aufgetragener
Übungspflichten befreit. Sie treffen ihre eigene Wahl und übernehmen
damit ein hohes Maß an Selbstverantwortung. Dabei werden
Unterschiede zwischen den Schülern zutage treten, aber gleichzeitig
wird auch die Einsicht geschärft, daß bei kooperativer Interaktion
das Anderssein ein hohes Gut und kein Nachteil ist. Das Erlebnis,
Eigenes zu entdecken und sich in große Zusammenhänge kooperativ
einbinden zu können, praktische Erfahrungen nicht im Lernspiel
nachzuahmen, sondern selbst zu vollziehen, ist der beste Nährboden
für motiviertes Lernen.