Schriftkulturell gebundene Erziehung geht wie alle anderen auf der
Schriftkultur gründenden Tätigkeiten davon aus, daß alle Menschen
gleich sind und daß jeder lesen und schreiben können muß. Wie die
industrielle Produktionsweise auf standardisierte Produkte abzielte,
unterzog die Erziehung den Menschen einer Standardisierung, indem sie
ihn in die Gußform schriftkultureller Bildung zwängte. Zeugnisse
belegen das Ausmaß der Annäherung an diesen Standard. Lese-,
Schreib- und Rechenschwierigkeiten werden als krankhafte Abweichungen
behandelt. Warum wir aber uniforme kognitive Strukturen beim
schriftlichen Gebrauch von Sprache und Zahlen voraussetzen, nicht
aber beim Gebrauch von Geräuschen, Farben und Formen, wird niemals
hinterfragt. Mit enormem Aufwand widmen wir uns denen, die die
Sequentialität des Schreibens nicht beherrschen oder die Bedeutung
von Zahlenreihen nicht verstehen. Den kognitiven Merkmalen von
Menschen, die in nichtschriftlichen Zeichensystemen besser zu Hause
sind, schenken wir hingegen nicht die geringste Beachtung.
Unser Erziehungssystem muß das Individuum mit seinem umfangreichen
Repertoire kognitiver Merkmale wiederentdecken. Mit wiederentdecken
meine ich ganz ursprüngliche Erziehungsmaßnahmen in Einzel- oder
Kleingruppen. Auch müßte die Erziehung ihre am industriellen Modell
der Standardisierung orientierte Grundvoraussetzung, die von einem
gemeinsamen Nenner jeglicher Erziehung ausgeht, überprüfen. Statt zu
zähmen und vermeintlich Krankes zu heilen, sollten Unterschiede in
Fähigkeiten und Interessenlagen nicht nur gelten bleiben, sondern
gefördert werden. Jede bekannte Energieform ist Ausdruck von
Differenz, nicht das Ergebnis von Gleichschaltung.
Zu der Neubesinnung auf die Aufgaben der Erziehung gehört auch, daß
ihre Methoden und Inhalte überdacht werden. Visuelle, akustische,
kinetische und synästhetische Phänomene müssen einbezogen werden und
neben allem anderen ein günstiges Umfeld für Interaktion und
Entdeckung schaffen. Die Zeit, die heute für die Aufarbeitung des
Vergangenen aufgewendet wird, sollte zumindest auch genutzt werden,
um den Bezug zur Gegenwart und, wenn möglich, zur Zukunft
herzustellen.
Die Grunderziehung sollte sich den wesentlichen Ausdrucks- und
Kommunikationsformen widmen, die Unterschiede zwischen den jeweiligen
Zeichensystemen hervorheben und alle an diese Systeme und an deren
sinnvolle Verknüpfungen heranführen. Die Einübung in diese
Zeichensysteme kann nur über deren praktischen Gebrauch geschehen,
nicht über Anweisungen und theoretisch ersonnene Übungen. Im
konkreten Umgang mit ihnen kann der Schüler erfahren, wie sie
anzuwenden sind; richtige und falsche Antworten ergeben sich aus den
jeweiligen pragmatischen Kontexten ihrer Verwendung. Gemeinsames
Lernen in Form von Zusammenarbeit und Erfahrungsaustausch steht im
Vordergrund.
Ein fundamentales pädagogisches Prinzip muß dabei die heuristische
Suche sein, die sich in Programmen für weitergehende Untersuchungen
ausdrückt. Solche Programme haben viele Sprachen: Schriftlichkeit,
Mathematik, Chemie, computergestütztes Rechnen usw. Da Menschen
unterschiedlichster Herkunft in die Lernprozesse eingebunden sind,
bringen sie die Erfahrungen ihrer jeweiligen Sprachen mit ein.
Welcher Zugang zu einem gegebenen Problem dabei der richtige ist,
ergibt sich aus der Relevanz für die jeweils gestellte Aufgabe.
Dabei wird vermutlich nicht selten das Rad neu erfunden. Aber auch
das Gegenteil wird denkbar: die freigelegte authentische Kreativität
und der geförderte Erfindungsreichtum können durchaus zur Entdeckung
neuer Räder führen. Die an solchen Lernprozessen teilhabenden
Schüler teilen ihre Erfahrungen miteinander und finden so Zugang zu
den vielfältigen Perspektiven der Beteiligten und damit zur Vielfalt
der Menschen.