Unebenheiten und Schlaglöcher

Mit neuen Möglichkeiten stellen sich auch neue Risiken ein. Zu Fuß

zu gehen ist weniger riskant als zu reiten, Fahrrad oder Auto zu

fahren. Mit dem Flugzeug können wir uns zu jedem Punkt auf dem

Erdball bringen lassen, aber damit sind wieder größere Risiken

verbunden. Die von uns neu erschlossenen kognitiven Ressourcen sind

effizienter als Wasserkraft, Dampfmaschine und Strom; aber in dem

Maße, in dem wir sie in unsere Lebenspraxis integrieren, nehmen wir

entsprechende Unwägbarkeiten in Kauf. Simulierungen komplexer und

waghalsiger Projekte lassen sich nicht mit Städtebauprojekten oder

massiven technischen Eingriffen in die Natur vergleichen, wie sie

unter kognitiven Voraussetzungen von geringerer Komplexität in

vergangenen Zeiten durchgeführt worden sind. Natürlich sind nicht

zustande kommende Verbindungen im Internet oder entsprechende

Störungen im World Wide Web in den Anfangsstadien zu erwarten und

ganz normal. Wir sollten indes auch niemals vergessen, daß kognitive

Zusammenbrüche sehr viel mehr bedeuten als den Zusammenbruch eines

Betriebssystems oder einer Anwendung im Netz, und daß sie

entsprechende Folgen zeitigen.

Bei der Entwicklung der neuen Sprachen in den verschiedenen

wissenschaftlichen Disziplinen und den Künsten lernen wir mehr über

uns, als wir in der gesamten bisherigen Menschheitsgeschichte gelernt

haben. Diese Sprachen verbinden das in diesen Bereichen akkumulierte

Wissen mit unseren genetisch angelegten, auf Intellekt und Emotion

gründenden kognitiven Prozessen. Die damit einhergehenden

Veränderungen im allgemeinen Zuschnitt des Menschen spiegeln sich in

seinen verbesserten Fähigkeiten im Umgang mit Abstraktionen, in der

fortschreitenden Verlagerung von Unmittelbarkeit auf Vermittlung und

in neuen zwischenmenschlichen Verpflichtungen, die sich aus bislang

unerreichten Ausdrucks-, Kommunikations- und Bezeichnungsmitteln

ergeben.

Im Verlauf dieser Entwicklung wurden uns zugleich ernsthafte Grenzen

aufgezeigt. Zwar hat sich unser Wissen erweitert und vertieft,

gleichzeitig ist es aber auch für den einzelnen zusammenhangloser

geworden. Die von uns entwickelte Effizienz setzt uns auch

Bedrohungen aus, die mehr an die primitiven Stadien des Menschen als

an die vermeintlichen geistigen Errungenschaften anknüpfen. Die

neuen Möglichkeiten verändern Politik und Wirtschaft, vor allem

anderen verändern sie jedoch die Natur menschlicher Beziehungen und

Transaktionen. Und sie verändern unser Zukunftsverständnis.

Orwells Big Brother ist weiterhin allgegenwärtig, allerdings in einem

anderen Sinn, als Orwell ihn verstand. In den sich abzeichnenden

Interaktionsstrukturen können sich Kontroll- und

Unterdrückungsmechanismen nicht so durchsetzen wie in zurückliegenden

Gesellschaftsformen. Nicht unsere Begeisterung für das Internet,

sondern dessen Natur konstituiert einen nicht kontrollierten,

herrschaftsfreien Handlungsrahmen; es läßt sich einfach nicht wie

unsere Fahr-, Trink- und Lebensgewohnheiten überwachen. Wir können

uns gar nicht leisten, die in den jenseits schriftkultureller

Dominanz entwickelten Systemen angelegte Transparenz zu

vernachlässigen oder zu mißbrauchen. Einige Parameter können wir

beeinflussen, nicht aber ihr globales Funktionieren. Die durch die

parallel verlaufenden, hochspezialisierten und verzweigten

Arbeitsabläufe erforderliche Integration könnte sich in einem

vernetzten System, das durch alle möglichen Kontrollfilter und

Vertraulichkeitsnischen behindert ist, gar nicht entfalten. Das wäre

so, als müßten wir bei jeder körperlichen Tätigkeit den einzelnen

Gliedmaßen und Organen des Körpers eine Einsatzerlaubnis erteilen.

Im neuen pragmatischen Zusammenhang übernehmen die einzelnen

Individuen dieselbe Funktion von Gliedern und Organen, deren

individuellen Beiträge sich zu einem großen Zusammenhang fügen.

Darin liegt eine enorme Leistung, die auch nicht immer so ergiebig

und befriedigend ist, wie wir es erwarten, und die sich in ihrer

Komplexität dem einzelnen fast immer entzieht. Feedback ist zwar ein

sichtbarer, nicht aber der wesentliche Teil dieses Systems.

Die Authentizität einer jeder unserer Handlungen trägt zur Integrität

des gesamten Prozesses bei. Damit verbunden ist jedoch eine gewisse

Insularisierung und eine Entfremdung vom Ganzen und vom

übergeordneten Ziel: höhere Erwartungen durch größere Leistungen zu

erfüllen. Andererseits sehen wir uns mit einer ganz neuen Art der

Selbstbestimmung und mit neuen Interaktionsformen versehen, die viel

menschlicher sein können als die Lebens- und Arbeitsbedingungen des

Industriezeitalters, in dem der einzelne Mensch ameisengleich

zwischen Wohnung und Arbeitsplatz, Einkaufszentrum und

Freizeitbeschäftigung pendelte. Kein Big Brother wacht über uns,

jeder einzelne ist auf gleiche Weise eingebunden und findet jeden

gewünschten Zugang zu allen Teilen des Systems. Ohne Transparenz

wäre das gar nicht zu bewerkstelligen. Damit aber können und müssen

wir auch jederzeit unseren Beitrag zum Ganzen überprüfen. Es wäre

oft bequemer, sich einer vorgegebenen Autorität zu unterwerfen, als

sich durch die Feedback-Mechanismen vor sich selbst verantworten und

die eigene Leistung beständig überprüfen zu müssen. Die Last der

Verantwortung ist von Big Brother, von bürokratischen Instanzen und

Gängelungen auf jeden einzelnen übergegangen.

Es erscheint nunmehr ratsam, für einige wichtige, durch diese

Veränderungen besonders betroffenen Bereiche die notwendigen

Handlungsmaßnahmen zu skizzieren. Wenn die an Schriftkultur und

schriftkultureller Bildung orientierten Formen unserer Erziehung und

Ausbildung nicht mehr leistungsfähig sind, dann bedarf es neuer, in

die Zukunft gerichteter Haltungen und Einstellungen und konkreter

Entwürfe, die sich in voller Kenntnis der tragenden

Entwicklungskräfte den Herausforderungen stellen.

Jenseits der Schriftkultur — Band 5 · 第 48 / 61 题