Netzwerke kognitiver Energie

Chemie, Physik, Biologie und eine ganze Reihe anderer

Erfahrungsbereiche haben ihre eigene Sprache entwickelt. Das

Ausdrucksmedium, innerhalb dessen sich eine bestimmte Erfahrung

ergibt und äußert, ist nicht bloß deren passive Ausdruckskomponente;

es weist vielmehr durch alle seine Merkmale die Notwendigkeit auf,

mit der es aus der spezifischen Erfahrung heraus entstanden und daher

zugleich ein konstitutiver Bestandteil dieser Erfahrung geworden ist.

Das gilt für alle Sprachen und für alle Entwicklungsstufen der

einzelnen Sprachen. Dementsprechend tragen alle Entwicklungsstadien

der Schrift ihre eigenen Charakteristika und verfolgen

unterschiedliche Funktionen.

Alle Merkmale, die wir mit Schriftlichkeit und Schriftkultur

verbinden, kennzeichnen eine Grundstruktur praktischer Erfahrungen,

Werte und Sehnsüchte, die in der Druckmaschine verkörpert sind.

Linearität und Sequentialität sind die Modi des Maschinenzeitalters,

denen auch die Schriftkultur unterworfen ist: als Sprachmaschine, die

den Sprachgebrauch vereinheitlicht. Der sequentielle Modus wird auch

für elaboriertere Arbeitszusammenhänge wie etwa für

vollautomatisierte Produktionsketten kennzeichnend bleiben.

Gleichwohl werden sich daneben auch Parallelfunktionen durchsetzen.

Handlungsabläufe ähnlicher und unterschiedlicher Art, die sich

gleichzeitig an verschiedenen Orten vollziehen, unterscheiden sich

qualitativ von sequentiellen Tätigkeiten. Die sich daraus ergebenden

veränderten Bedingungen der Selbstkonstituierung setzen neue

kognitive Merkmale und entsprechend neue, effizientere kognitive

Ressourcen frei. In der deterministischen Komponente, die wir aus

den schriftkulturell bestimmten Erfahrungen in unsere Zeit hinüber

genommen haben, spiegelt sich unser Denkund Erfahrungsmuster von

Aktion und Reaktion, Ursache und Wirkung. Dieser dualistische

Grundzug setzt sich fort in den Unterscheidungen unseres

Sprachgebrauchs zwischen richtig und falsch und in der dazugehörigen

Logik.

Eine ganze Reihe unserer pragmatischen Effizienzerwartungen mündete

auch in den Versuch, eben diesen deterministischen Denk- und

Arbeitsmodus zusammen mit Linearität, Sequentialität und Dualismus zu

überwinden. Eine neue Grundstruktur führt zu einer durch

nicht-lineare Relationen, durch eine andere Dynamik, durch

Konfigurationen und Systeme mehrwertiger Logik ausgewiesenen

Pragmatik, die Zentralismus und Hierarchien durch (Um-) Verteilung

der Aufgaben und nicht-hierarchische Interaktionsformen ersetzt. Die

weltweite Vernetzung verleiht ihr globale Dimensionen, wobei die neue,

integrative Rolle der Vermittlung die Effektivität dieser

Lebenspraxis entscheidend erhöht. Anstelle der tradierten

analytischen Strategien setzen sich dadurch aber auch

synthetisierende Ansätze zu einer Gesamtschau aller partikularen

Hypothesen durch. All das läuft auf eines hinaus: Die

Weiterentwicklung von Computern in Leistungsfähigkeit und Design,

ihre Produktion, Distribution und vor allem ihre Integration in unser

Leben; die Anwendungsbereiche reichen dabei von der simplen

Datenverwaltung zur hochentwickelten Simulation, und dies stets vor

einem globalen Horizont.

Die klügsten Köpfe aus vielen Ländern sind heute an der Entwicklung

von neuen Rechnerkonzepten beteiligt. Viele unterschiedliche

Berufsfelder tragen zur Entwicklung von Computern bei, Maschinenbau,

Chipdesign, Betriebssysteme, Telekommunikation, Ergonomie,

Interfacedesign, Produktdesign und Kommunikationsforschung. Die

Leistungsskala unterscheidet sich dabei von allem, was wir bislang

kennengelernt haben. Bevor ein solcher Computer als Hardware und als

Software auf unseren Schreibtischen landet, sind alle seine

Funktionen modelliert, simuliert und schließlich getestet worden; er

verkörpert zahllose Hypothesen und Ziele, die im neuen Produkt zu

einer leistungsfähigen Synthese zusammengefügt worden sind.

Für die neue Pragmatik jenseits der Schriftkultur wird die

Digitalisierung zu einer zentralen Ressource, so wie Elektrizität und

andere traditionelle Ressourcen in der Vergangenheit zur Steigerung

menschlicher Effizienz angezapft wurden. Die Digitalisierung wird in

den kommenden Jahren unser Leben bestimmen. So wie die Industrie im

Industriezeitalter bestrebt war, jeden Haushalt mit Autos und anderem

Gerät auszustatten, so möchte sie heute auf jedem Schreibtisch einen

Computer sehen. Die Priorität sollte aber nicht darin liegen,

jedermann mit Geräten auszustatten, sondern jedem einen Zugang zu den

Computerressourcen zu verschaffen. Und diejenigen, die sich mit dem

Internet und dem World Wide Web noch nicht haben anfreunden können,

sollten sich darüber klar werden, daß sie nicht etwa wegen ihres

Surfingpotentials oder ihrer enormen Publikationsmöglichkeiten so

vielversprechend sind, sondern als Zugang zu kognitiven Energien, die

über das Netzwerk transportiert werden.

Jenseits der Schriftkultur — Band 5 · 第 47 / 61 题