Falsche Vermutungen

Die Geisteswissenschaften haben sich in einzelnen Fällen den

Herausforderungen gestellt, die sich aus der immer zentraleren Rolle

der Naturwissenschaften und der damit einhergehenden Marginalisierung

der schriftkulturell bezogenen Geisteswissenschaften ergeben. Dies

geschieht nicht ohne das entsprechende Selbstbewußtsein und nicht

ohne eine provokante Note. So behauptet George Steiner, daß kein

Forschungsergebnis der Genetik an das heranreicht, was Proust über

den Zauber oder die Last von Abstammung und Blutsverwandtschaft zu

sagen hat. Eine solche Feststellung ist weder wahr noch falsch, denn

es gibt für sie keine objektiven Kriterien. Eine solche Feststellung

besagt lediglich, daß in Steiners Lebenspraxis nicht die Pragmatik

der Genetik, sondern die Pragmatik der Literatur und

Literaturwissenschaft die zentrale Rolle spielt. Diese Tatsache ist

nicht zu widerlegen und ihr ist nichts hinzuzufügen. Aber abgesehen

davon heißt das keineswegs, daß für die Mehrheit der Menschen, die

vermutlich nie etwas von der Genetik verstehen werden, diese nicht

doch erhebliche Folgen hat. Wir könnten weitere Beispiele anführen.

Der Hinweis, daß Othellos Worte über die vom Tau rostigen, blanken

Schwerter uns mehr über die sinnliche, vergängliche Wirklichkeit

erfahren lassen als die Physik es je wollte und könnte, entbehrt

nicht einer gewissen rhetorischen Eleganz, verkennt aber die Tatsache,

daß die physikalischen Berechnungen über die ersten Minuten oder

Sekunden bei der Entstehung des Universums ebenso metaphysisch und

bewegend sind wie irgendein Beispiel aus den Künsten oder der

Philosophie. Die Naturwissenschaften sind lediglich von

unterschiedlichen Erkenntnisinteressen geleitet und drücken sich in

einer jeweils anderen Sprache aus. Als solche sind sie jedoch eine

Herausforderung für jegliches Denken und Empfinden und für die Art

und Weise, wie wir uns unserer selbst und anderer, wie wir uns des

Raumes und der Zeit bewußt werden; sie stellen somit auch eine

Herausforderung für die Literatur dar, deren Entwicklung im übrigen

in dem Maße zu stagnieren scheint, indem sich das Potential der

Schriftkultur erschöpft hat. Sie muß sich fragen lassen, inwieweit

diese Art des Schreibens den neuen Erfahrungen von

Selbstkonstituierung und Identitätsfindung in dem heutigen Stadium

jenseits der Schriftkultur noch gerecht wird. Wie lassen sich solche

Fragen überhaupt beantworten? Gar nicht oder ganz einfach: Das

Ausmaß, in dem irgend etwas--Kunst, Arbeit, Wissenschaft, Politik,

Sexualität, Familie--etwas bedeutet, ergibt sich aus den Formen der

Selbstkonstituierung, die der Mensch findet, und kann von nichts

durch außen diktiert werden, nicht einmal durch unsere humanistische

Tradition. Die Luft, ob sauber oder verschmutzt, ist wichtig, soweit

sie zur Lebenserhaltung beiträgt. Homer, Proust, Van Gogh, Beethoven

oder auch der unbekannte Künstler eines afrikanischen Stammes sind

alle wichtig, sofern sie Teil einer bestimmten Form menschlicher

Selbstsetzung sind. Menschen erfahren und bestimmen ihre natürliche

Wirklichkeit, indem sie ihre biologische Anlage in die Welt

hineinprojizieren--wir alle atmen, sehen, hören, benutzen unsere

Körperkraft und erkennen die Welt. Die Erfahrung der

Selbstkonstituierung kann sich in ganz einfachen Formen, etwa der

Nahrungsoder der Schutzsuche, vollziehen oder sehr komplex

verlaufen--durch das Komponieren oder den Genuß einer Symphonie,

eines Bildes, eines literarischen Werkes oder aber auch durch

Nachdenken über die eigene Lage. Und wenn man für diese Erfahrung

einen Stein oder einen Stock benötigt, ein Geräusch, einen Rhythmus,

oder wenn sich das Individuum in eine Plastik oder ein Musikstück

hineinprojiziert, dann ist die Bedeutung eines jeden solchen

Elementes durch den pragmatischen Zusammenhang im Vollzug der

Selbstkonstituierung bestimmt.

Es gibt zahlreiche Zusammenhänge, aus denen auch die Bedeutung von

Erfahrungen hervorgeht, die auf der Schriftkultur basieren.

Geschichte zum Beispiel, auch in den rechnergestützten oder

genetischen Formen, gehört zweifellos dazu. Eine Reihe auch heute

wichtiger praktischer Erfahrungen ist aus der Schriftkultur erwachsen:

Bildung und Ausbildung, die Massenmedien, politische Arbeit und

industrielle Produktionsweisen. Das heißt aber nicht, daß diese

Bereiche auf ewig an die Schriftkultur gebunden sein müssen.

Wichtige, noch heute bedeutsame Formen der Lebenspraxis, wie z. B.

das Handwerk, sind der Schriftkultur vorausgegangen.

Informationsverarbeitung, Visualisierung nichtalogorithmischer

Rechenverfahren, Genetik und Simulation sind ebenfalls aus einer

Pragmatik heraus entstanden, die an die Schriftkultur gebunden war.

Gleichwohl sind sie relativ unabhängig von ihr. Einer anderen

Feststellung George Steiners wollen wir zustimmen, nämlich, daß wir

die Möglichkeit in Betracht ziehen müssen, daß die Beschäftigung mit

Literatur zukünftig eher von marginaler Bedeutung sein wird, ein

wichtiger Luxus wie die Bewahrung des Alten. Nur müssen wir seine

These von der Literatur auf die gesamte Schriftkultur ausweiten.

Die Einsicht, daß wir die Schriftkultur hinter uns lassen müssen,

kann sich nur mühsam durchsetzen und steht durchaus im Widerspruch

zum gegenwärtigen modus operandi jener Wissenschaftler und Pädagogen,

die fest in der Schriftkultur und in der Tradition verwurzelt sind,

so sehr, daß sie den Verlust der Schriftkultur mit dem Verlust der

fundamentalen Dimension des Menschen gleichsetzen. Sie gehen

fälschlicherweise davon aus, daß der Erfahrungsbereich der Sprache

identisch mit dem der Schriftkultur ist. Wir wissen, daß das nicht

stimmt. Mündlichkeit, die heutzutage viel wichtiger ist, als es die

Mehrheit von uns realisiert, und darüber hinaus in vielen Sprachen

ohne ein Schriftsystem fungiert, bildet die Grundlage sehr

ausdrucksreicher und vielfältiger Erfahrungen in der heutigen Welt.

Seit den frühen Argumenten der Antike gegen die Schriftlichkeit ist

immer wieder Kritik an den beengenden Auswirkungen der Schriftkultur

vorgebracht worden, die, so die Argumentation, die zahlreichen

Dimensionen der Sprachen beschränkt, indem sie den Menschen

regelhafte Verwendung aufzwingt. Auch hier können wir Steiners

pluralistischer Ansicht folgen, derzufolge die Sprachmatrix

keineswegs die einzige Form sein müssen in der sich geistige Arbeit

vollzieht und artikuliert. Ikonen und Musik dienen ihm als Beispiele

für eine auf Geist und Empfindungen gründende Wirklichkeit, die

andere kommunikative Energien freisetzt. Er erinnert daran, wie sich

unter dem Einfluß Leibniz’ und Newtons die Mathematik als eine eigene

dynamische Sprache entwickelt hat, die es Mathematikern

unterschiedlicher Kulturkreise ohne Kenntnis der jeweiligen anderen

Sprache ermöglicht, mit Hilfe ihrer mathematischen Symbole,

gewissermaßen in stiller Kommunikation, gemeinsam zu arbeiten.

Jenseits der Schriftkultur — Band 5 · 第 46 / 61 题