Kognitive Energie

Die Aufzählung jener nützlichen und für sehr viele Menschen

segensreichen Anwendungen, die gleichwohl von vielen Menschen

abgelehnt werden, noch bevor sie wirklich ausgereift sind, wäre

endlos. Sie alle sind erst denkbar in einer Welt jenseits der

Schriftkultur, denn sie basieren auf strukturell unterschiedlichen

Ausdrucks-, Kommunikations- und Signifikationsmitteln. Wir haben

alle auf diese oder jene Weise erste Eindrücke von den Möglichkeiten

dieser neuen Verfahren gewonnen: Gelähmte können sich mit Hilfe von

Sensoren, die an unversehrten Nervenzentren angeschlossen sind,

wieder bewegen; an den Rollstuhl gebundene Kinder können unabhängig

von der Welt, in der sie als behindert gelten, in der virtuellen

Realität Entfaltungsmöglichkeiten finden; durch Übertragung von

Verhaltensmustern der körperlichen Welt in simulierte Welten können

wichtige neue Fertigkeiten entwickelt werden; Simulationen führen zu

erfolgreicheren Rehabilitationsformen nach Unfällen und Krankheit; in

Japan bereiten sich die Menschen mittels virtueller Realität auf

Erdbeben und das richtige Verhalten in entsprechenden Notsituationen

vor; die vernetzten virtuellen Welten fördern Interaktionen im

Bereich wissenschaftlicher, dichterischer oder künstlerischer

Interessen und nähren die Hoffnung auf eine neue Renaissance.

Nicht alles muß dabei virtueller Natur sein. Active badgesTM, d. h.

aktive Namensschilder, speichern und vermitteln Daten, die die

Identität eines Individuums ausweisen. Das heißt nicht nur, daß man

Personen leichter lokalisieren kann, sondern daß auch alle Formen der

Interaktion--in Form von digitalen Spuren gespeichert--als

Gedächtnishilfe für Menschen und Maschinen dienen. Auch das

Gedächtnis nimmt digitale Formen an. Von jemandem, der einen Raum

betritt, wird automatisch Kenntnis genommen. Der Computer informiert

sofort darüber, wie viele Botschaften auf ihn warten und wer die

Absender sind. Er berechnet eigenständig die Entfernung der Person

vom Bildschirm und bietet die Information auf eine Weise dar, daß man

sie aus der entsprechenden Entfernung sehen kann. Er führt den

Terminkalender und er erinnert selbständig an Termine. Er führt auf

Wunsch auch ein persönliches Tagebuch mit allem, was notiert werden

soll: Handlungen, Gespräche, gedankliche Notizen usw. Diese Art der

Speicherung von Daten aus den active badges und aus Bildern, die im

Verlauf bestimmter Tätigkeiten aufgezeichnet wurden, ist weniger

aufdringlich als Sekretärinnen oder Assistenten, die einen ständig

umgeben. Jeglicher Datenschutz ist in jedem gewünschten Maße

gewährleistet. Ein solches Tagebuch kann auch Routineereignisse

aufzeichnen, die zunächst irrelevant erscheinen--Bewegungsabläufe,

Gespräche, Essen, Trinken, Zeichnen, Entwerfen, Datenanalyse.

Verhaltensmuster, die einen besonderen emotionalen oder kognitiven

Wert haben, Angeln, Bergsteigen oder auch Tanzen oder Nichtstun

können je nach Bedarf aufgezeichnet werden. Und schließlich kann

dieses Tagebuch am Ende des Tages per e-mail an seinen Verfasser

geschickt werden. Er kann die Ereignisse des Tages dann noch einmal

vor sich ablaufen lassen oder diejenigen Augenblicke herausfiltern,

die im Verlauf des Tages besondere Bedeutung gewonnen haben.

Natürlich können wir in dieser Welt jenseits der Schriftkultur auch

künstlerische Erfahrungen sammeln. Wir können uns eine

Shakespeare-Aufführung auf die Monitore unserer Augen projizieren

lassen, dort, wo die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Fiktion

beginnen. So bekommen wir die Inszenierung unserer Wahl oder die

Schauspieler unserer Wahl. Wir können uns an die Stelle der

Schauspieler setzen und eine Rolle selbst übernehmen. In Sport und

Spiel wird eine ähnliche Teilnahme möglich. Wir können mit jeder

gewünschten Person in Beziehung treten oder Kontakt aufnehmen zu

einer Gemeinschaft, zu der wir gehören wollen. Überhaupt bekommen

"Dazugehörigkeit" und "Dabeisein" einen anderen Sinn. Sie ergeben

sich nicht mehr zufällig, sondern aus unserer bewußten Wahl.

Dabeisein heißt nicht mehr, nur Nachrichten und politische Ereignisse

auf dem Fernsehschirm zu sehen und dabei ein Gefühl der Ohnmacht und

des Ausgeliefertseins zu empfinden. Alle diese Erfahrungen können

sich als sehr private intensive Erfahrungen vollziehen oder als

Interaktion mit anderen, ob sie nun physisch gegenwärtig sind oder

nicht. Die Welt anders zu sehen heißt auch, den Standpunkt eines

anderen Menschen oder einer anderen Kreatur im wahrsten Sinne des

Wortes einzunehmen. Wie sieht ein Immigrant oder ein ausländischer

Besucher ein bestimmtes Land? Wie erscheint der Mensch einem Wal,

einer Biene, einer Ameise oder einem Hai? Mit den neuen

Möglichkeiten können wir uns nicht nur in die Lage, sondern in den

Körper von Schwerbehinderten versetzen und auf diese Weise am

"eigenen Leibe" erfahren, wie sich zum Beispiel ein Blinder in

unserer gnadenlosen Welt rasender Autos und hastender Menschen

zurechtfindet. Indem wir diese Erfahrung im Rahmen der Identität des

anderen nachvollziehen, lernen wir sehr viel mehr voneinander und

können die Möglichkeiten und Grenzen anderer besser teilen oder

verstehen. Im günstigsten Falle tritt an die Stelle leerer

Sympathiebekundungen aufrichtige Solidarität.

Es kann gar nicht genug betont werden, wie all diese semiotischen

Mittel--Ausdrucksmittel in sehr komplexen dynamischen

Zeichensystemen--die Natur unserer individuellen Erfahrungen und

unseres gesellschaftlichen Lebens verändern. Alles Erdenkliche kann

gesehen, kritisiert, gefühlt, empfunden, durchgespielt und evaluiert

werden, bevor wir es tatsächlich produzieren. Auch simulierte

Personen können mit einem active badge versehen werden und als Avatar

durch die Pläne für ein neues Gebäude wandern oder auf den geplanten

Wegen einer schwierigen Gebirgsexpedition. Ein Tagebuch der

Raumforschung ist mindestens ebenso wichtig wie das persönliche

Tagebuch eines Menschen, der in einer Fabrik, einer Forschungseinheit

oder zu Hause arbeitet. Bevor weitere Bäume abgeholzt, weitere

Flußbetten verlegt, Wohnsiedlungen geplant oder in irgendeinem

anderen Bereich ein neuer Weg beschritten wird, können wir

herausfinden, welche unmittelbaren und langfristigen Folgen sich

ergeben würden.

Wir können auch noch einen Schritt über die integrierte Welt der

digitalen Verarbeitung hinausgehen und höchst komplizierte Abläufe

und Verfahren neuronalen Netzwerken überantworten, die darauf

ausgerichtet sind, Befehls-, Kontrolls-, Evaluationsfunktionen

auszuführen. Unvorhersehbare Situationen werden so zu

Lernerfahrungen. Und dort, wo Menschen z. B. unter emotionaler

Belastung gelegentlich versagen, können neuronale Netzwerke an ihre

Stelle treten, ohne daß wir damit das Risiko des letztlich

unvorhersagbaren menschlichen Verhaltens eingehen müssen. Ein active

badge kann mit neuronalen Netzwerkverfahren verknüpft werden, die die

oftmals verschwendeten zahlreichen Fragmentpartikel unseres Wissens

verarbeiten. So erfahren wir mehr über unsere Kreativität und die

damit verbundenen kognitiven Prozesse. Aus der Masse unserer

nicht-aktivierten Gedanken und Handlungen können wir eine Menge

zusätzlichen Wissens beziehen. Und die Allgegenwärtigkeit,

unbegrenzte Einsatzfähigkeit und Unaufdringlichkeit solcher Mittel

macht sie besonders geeignet für medizinische Versorgung,

Kindererziehung und Altenbetreuung. Optische Computer und

Verarbeitungsmittel für biologische Daten werden letztendlich unser

Verhältnis zu Daten und Informationsverarbeitung und die

zwischenmenschlichen Beziehungen völlig neu strukturieren. Der

einzelne Mensch wird seine individuellen Merkmale genauer erkennen

und fortentwikkeln und auf diese Weise seine Position im Netzwerk der

sozio-politischen Interaktion verbessern.

Noch immer gibt es eine Reihe von Bereichen, in denen wenige Menschen

die Entscheidungen für andere treffen: Wie sollen unsere Kinder

spielen? Wie sollen sie lernen? Welche Verhaltensregeln gelten in

Familie und Gesellschaft? Wie versorgen wir die alten Menschen?

Welche medizinischen Eingriffe sind gerechtfertigt? Wie definieren

wir Leben und Tod? Die Menschen, die darüber entscheiden, üben eine

Macht aus auf der Grundlage von Werten, die in einer hierarchisch

strukturierten Lebenspraxis entstanden sind und die wir gemeinhin mit

Schriftkultur und Bildung verbinden. Das muß nicht zwangsläufig so

sein, vor allem wenn wir uns vor Augen halten, welche komplexen

Fragen und Entscheidungsprozesse hinter diesen scheinbar so

offensichtlichen Fragen stehen. Auch unser Verhältnis zum Leben und

zum Tod, zu Universalität, Dauerhaftigkeit, zu nicht-hierarchischen

Lebens- und Arbeitsformen, zu Religion und Wissenschaft, vor allem

aber zu all den anderen Menschen, die unsere Erfahrungswelt

konstituieren, wird sich verändern. Unser Begriff von Politik wird

neu definiert werden müssen, wenn wir die Individualität neu

definieren als eine durch umfangreiche Zeichensysteme konstituierte

Interaktionsinstanz, und nicht mehr nur als eine Identität, die sich

in einer Allgemeinheit verflüchtigt, in welcher Individualität

gnoseologisch aufgehoben ist.

Jenseits der Schriftkultur — Band 5 · 第 45 / 61 题