Für viele von uns ist der Bereich jenseits der Schriftkultur der
Bereich der Sciencefiction. Die Bezeichnung Jenseits der
Schriftkultur kann auch nur die Richtung anzeigen und einige
Wegzeichen benennen. Der Reichtum und die Vielfalt dieses Bereiches
deutet dabei die Natur an, die unsere praktischen Erfahrungen im
Verlauf unserer Selbstkonstituierung angenommen haben. Sofern
bezüglich der erkennbaren Wegweiser Ungewißheit besteht, so gibt es
doch an einem nicht den geringsten Zweifel: an der digitalen
Grundlegung unseres pragmatischen Handlungsrahmens. Das soll
indessen nicht heißen, daß der gegenwärtige Umbruch allein auf den
Siegeszug des Digitalen oder auch nur auf den allgemeinen Siegeszug
der Technologie zurückgeführt werden kann.
Wir haben die Vorstellung von einem einzigen beherrschenden
Zeichensystem--der Sprache in ihrer schriftkulturellen Ausformung--in
Frage gestellt und zugleich vermerkt, daß eine Vielzahl
unterschiedlicher Zeichenprozesse die Notwendigkeit und Legitimation
der Schriftkultur im Zusammenhang höherer Effizienzerwartungen
erkennbar überflügelt hat. Wir könnten das Stadium jenseits der
Schriftkultur allerdings auch als ein semiotisches Stadium bezeichnen,
in dem Sinne, daß die menschlichen Erfahrungen zunehmend Gegenstand
von Zeichenprozessen werden. Die digitale Maschine ist letztendlich
eine semiotische Maschine mit einem enormen Auswurf vielfältiger
Zeichen. Die Semiotik der menschlichen Erfahrung geht allerdings
über Computer und Symbolverarbeitung weit hinaus.
Wir haben auch zeigen können, daß das semiotische Bewußtsein sich in
Optionen (zwischen Ausdrucks- und Kommunikationsmitteln) und
Interaktionsmustern ausdrückt. Aufeinanderfolgende Modetrends, die
neuen Medien, globale Interaktionen in den Netzwerken, Kooperation
und distributive Konfigurationen entwickeln alle ihre eigenen
Semiologien. Schnittstellen sind semiotische Einheiten, mittels
derer schwierige Aspekte des Verhältnisses zwischen Individuen und
Gesellschaft behandelt werden. Genauer noch, to interface,
Schnittstellen einzurichten, heißt, neue Methoden und Vorstellungen
der Kulturtechnik zu entwickeln, die von der selben Natur ist wie die
Gentechnik, wenn sie auch nicht auf den selben Mechanismen beruht,
wie uns die Verfechter der Memetik glauben machen wollen.
Das entscheidende Element in der Dynamik des Umbruchs sind jene
pragmatischen Merkmale, die den Quantensprung der Effizienz innerhalb
der neuen Skala der Menschheit möglich machen. Darin liegen
unvorstellbar neue Möglichkeiten und zugleich Anlaß zu Zweifel und
Sorge. Unsere Sorge richtet sich dabei nicht so sehr auf die
törichte und bisweilen bösartige Rhetorik gegen jegliche Technologie
und deren Mißbrauch, sondern auf einen falschen Optimismus, mit dem
manch einer die Auswüchse der menschlichen Kreativität begleitet.
Aber angesichts der spektakulären Multimediaprogramme, der um sich
greifenden Erscheinungsformen der virtuellen Realitäten, der
Genmedizin und Gentechnik, der auf Breitband vernetzten menschlichen
Interaktionen oder der weltweit gespannten Kooperationsformen zählt
letztlich nur eines: die enormen kognitiven Ressourcen, die in der
Form von semiotischen Abläufen, die nicht mehr auf Sprache und
Schriftkultur reduzierbar sind, in einem globalen Rahmen zur
Entfaltung kommen.