Abwägungen

Kulturelle, historische, wirtschaftliche, soziale und andere

Entwicklungen tragen zu unserer Vorstellung von Schriftkultur bei.

Ihre Krise ist symptomatisch für all das, was die Schriftkultur

notwendig hervorgebracht hat und was auf den Funktionsweisen

schriftkultureller Gesellschaften begründet ist. Die Krise der

Schriftlichkeit ist nicht eine allgemeine kulturelle oder

wirtschaftliche Krise. Die Emanzipation der Frau begann z. B. nicht

mit der Emanzipation der Sprache, nimmt aber Sprache in Anspruch.

Als Ausdruck besonderer sozialer Beziehungen geben

geschlechtsspezifische Strukturen einer Sprache einen Status wieder,

dem zu widersetzen sich Frauen aufgefordert fühlen könnten.

Viele andere Muster menschlicher Interaktionen, die zu Handlungen

führen, die wiederum Veränderungen hervorrufen, sind tief in der

Sprache verwurzelt. Wenn wir die Entwicklung unserer Kinder in der

ihnen von uns auferlegten Schriftkultur beobachten, zählen wir

geradezu die Wörter, die sie gelernt haben und messen ihren

Fortschritt an der Fähigkeit, Wünsche, Meinungen und Fragen zu

artikulieren. Dabei vernachlässigen wir die Frage, welche Art von

Welt die Sprache ihnen im Prozeß des Spracherwerbs eröffnet. Welche

Art der Praxiserfahrung ermöglicht die Sprache? Wenn die Kinder sich

von unserer Sprache lösen, ist es fast zu spät, das Problem zu

verstehen. Der Sprachgebrauch erscheint so natürlich, daß seine

syntaktischen und wertebeladenen Konventionen nicht in Frage gestellt

werden. Wir akzeptieren die Sprache so, wie sie auf uns übertragen

wird. Sie kommt mit den Göttern oder mit Gott, mit Güte, Recht,

Wahrheit, Schönheit und anderen Werten sowie mit Kategorisierungen

(nach Geschlecht, Herkunft oder Generation), die wir für so ewig

halten wie die Sprache selbst. Wir übertragen die Sprache auf unsere

Kinder, nur um uns durch ihre eigene Sprache, die ihrem eigenen

pragmatischen Bezugsrahmen angepaßt ist, herausgefordert zu sehen.

Als ein Rahmen, in dem Kinder auf Wunsch ihrer Eltern und der

Gesellschaft denken, kommunizieren und handeln, weist die Sprache

zwei widersprüchliche Merkmale auf: Freiheit und Zwang. Der

allumfassende Umbruch, dem wir uns ausgesetzt sehen, betrifft beide.

Um in einer Gesellschaft mit hochspezialisierten Interaktionsmustern

effektiv bestehen zu können, ist ein Abwägen zwischen Freiheiten und

Zwängen unausweichlich. Auf sozialer und kultureller Ebene

beeinträchtigen die Zwänge, die in allgemein verbreiteten Vorurteilen

und Ideologien zum Ausdruck kommen, unseren begrenzten

Entscheidungsspielraum und unsere persönliche Integrität. Die

Sprache entpuppt sich nicht nur als Medium zum Ausdruck von Idealen,

sondern auch als widerspenstiger Träger alter und neuer Vorurteile.

Sie ist auch ein Instrument der Täuschung und birgt im Ideal der

Schriftkultur die offenkundigste und folgenreichste aller Täuschungen,

die Schriftlichkeit als Allheilmittel für jedes Problem der

Menschheit herauszustellen: für Armut, Ungerechtigkeit und Ignoranz,

bei militärischen Konflikten, für Krankheit, Hunger und schließlich

sogar für die Unfähigkeit, mit neuen Entwicklungen in Wissenschaft

und Technik Schritt zu halten. Interessanterweise glauben die

Netoyens das gleiche im Hinblick auf das Internet! In ihrer Kampagne

für eine freie Wahl der Literalität sind sie genauso dogmatisch

bezüglich ihrer Kommunikationsformen wie die Modern Language

Association und vergleichbare Organisationen in anderen Ländern

bezüglich der altmodischen Schriftkultur.

Wir müssen akzeptieren, daß unsere Welt mit ihren diversifizierten

Formen der Praxis (die der Vielfalt der Menschen entsprechen) mehr

als nur eine Form von Schriftlichkeit benötigt. Aber das allein

würde kein ausreichender Grund für eine Veränderung des gegenwärtigen

Bildungssystems sein, wenn nicht gleichzeitig auch neue Wege des

Wissenserwerbs entwickelt werden. Die Annahme, daß Sprache ein

hochentwickeltes Zeichensystem ist, trifft zwar zu, besagt aber nicht

unbedingt, daß jedes Mitglied einer Gesellschaft diese Sprache

beherrschen muß, um in der Gesellschaft zu bestehen. Um uns von

dieser Vorstellung zu befreien, brauchen wir mehr als das Beispiel

einzelner Menschen, die in Bereichen, in denen Schriftkultur und

Schrift nicht vorherrschend oder gänzlich überflüssig sind, ein hohes

Maß an Effizienz an den Tag legen.

Jenseits der Schriftkultur — Band 5 · 第 42 / 61 题