Der richtige Umgang mit den Wahlmöglichkeiten

Selbstdefinition impliziert die Fähigkeit, einen Bereich von

Möglichkeiten einzurichten. Aber die Möglichkeiten ergeben sich

nicht von alleine. Im Übergang von der Schriftkultur zu einem

Stadium jenseits von ihr erweitern sich die globalen Möglichkeiten

dramatisch, während sich die lokalen, individuellen Bereiche

proportional verringern. Dies geschieht, weil das, was auf globaler

Ebene nach einer Multiplikation von Möglichkeiten aussieht, auf der

Ebene des einzelnen eine Sache effektiver Selektionsprozeduren wird.

Solange die Auswahl nicht sehr groß ist, stellt die Selektion kein

Problem dar.

Die primitive Familie hatte bei der Wahl von Nahrungsmitteln,

Fortpflanzung und Gesundheitsvorkehrungen wenig Möglichkeiten. Die

Auswahl wurde größer, als die Praxiserfahrung der

Selbstkonstituierung sich diversifizierte. Herumziehende

Populationen trafen eine Auswahl, die anders war als die, die sich

dem seßhaften Menschen bot. Die ersten Städte wiesen

Beziehungsstrukturen auf, für die die geschriebene Sprache gerade

angemessen war. Die heutige Megalopolis bietet Wahlmöglichkeiten von

ganz anderem Ausmaß. Innerhalb eines solchen Bereichs von

Möglichkeiten gibt es keine effektiven Selektionsmethoden. Die

Reduzierung von praktisch unendlich vielen Wahlmöglichkeiten auf eine

endliche Zahl von Realisierungen ist bestenfalls eine Sache des

Zufalls. Umgekehrt kann das Motto "Lokal handeln, global denken"

schnell zum Scheitern führen. Viele Leistungen auf lokaler Ebene

würden bei einer globalen Umsetzung scheitern, wenn sie nicht von

vornherein auf Globalität angelegt wären.

Zur Schriftkultur gehörte die Erwartung, daß Menschen, die lesen und

schreiben können, durch ihr Sprachwissen zugleich auch über gute

Selektionsmethoden verfügen. Jenseits der Schriftkultur gibt es

fortlaufende, stets nur kurzfristige, begrenzte und wertfreie

Entscheidungen. Es scheint, als wählten sich die Wahlmöglichkeiten

ihre Subjekte selbst. Das erklärt, warum heute immer mehr Menschen

in den Städten leben wollen. Ist eine Wahlmöglichkeit einmal

ausgeschöpft, folgt die nächste automatisch, als Folge der Skala, und

nicht etwa als Suche nach Alternativen. Dies gilt im übrigen auch

für das Berufsleben, das ebenfalls den kürzeren Zyklen der Neuerung

und des Wandels ausgesetzt ist.

Die Mechanismen der sozialen Segmentierung, die das Ergebnis der

mannigfaltigen Vermittlungsmechanismen sind, macht aus der Frage nach

dem richtigen Umgang mit den Wahlmöglichkeiten ein demokratisches

Prinzip. Schauen wir uns einige konkrete Optionen an: sollen wir

Kondome an Schüler verteilen oder nicht; sollen wir das Recht, dem

eigenen Leben ein Ende zu setzen, einräumen oder nicht (Pro-Wahl oder

Pro-Leben); sollen wir heterosexuelle Familienprivilegien auf

homosexuelle Lebensgemeinschaften übertragen oder nicht; sollen wir

einheitliche Prüfungsmaßstäbe im Bildungssektor einführen oder nicht?

Diese Beispiele werden aus dem großen Zusammenhang menschlicher

Selbstkonstituierung herausgenommen und der Evaluierung durch den

(von den Medien beherrschten Meinungsbildungs-) Markt überantwortet,

nicht aber der verantwortungsvollen Ausübung zivilstaatlicher

Verpflichtungen.

Die Vermittlungsmechanismen der neuen Zeit bewirken, daß die

Auswahlmöglichkeiten, denen sich eine Gemeinschaft gegenübersieht,

auf der Ebene des einzelnen nahezu irrelevant werden. Im neuen

ständig anwachsenden Universum der Möglichkeiten geben die Menschen

ihre Autonomie und Selbstbestimmung auf und werden zu Mitgliedern

verschiedener Gemeinschaften. Sie haben an den Wahlmöglichkeiten der

Gesellschaft in dem Maße Teil, in dem diese ihren Möglichkeiten und

Erwartungen entsprechen. Aber sie haben die Mittel, sich aus einer

Gesellschaft zurückzuziehen, wenn sich ihre Entscheidungen (bezüglich

Frieden, Krieg, Freiheit des einzelnen, Lebensart usw.) von denen des

Staates unterscheiden. Die Bürger der transnationalen Welt nehmen an

der Dynamik der Veränderung in einem weitaus stärkeren Maß teil als

diejenigen, die sich dem schriftgebundenen Ideal des Nationalismus

und der ethnischen Zugehörigkeit widmen.

Wir können zum Mond fliegen. Wir können es uns leisten, an

einzigartigen Ereignissen teilzunehmen--an großen Konzerten,

Wettbewerben, Auktionen--einige persönlich, andere mit Hilfe der

digitalen Mittel. Jeder Mensch könnte Präsident oder Mitglied einer

gesetzgebenden Instanz werden; aber nur wenige können es sich leisten,

sich für eine solche Position zu bewerben. Ob nun aufgrund von

Reichtum, Intelligenz, Sensibilität, Herkunft, Geschlecht, Alter oder

Glauben--bei der Wahrnehmung der Wahlmöglichkeiten sind wir nicht

alle gleich, obwohl wir alle die gleichen Rechte haben. Mit dem

Wahlangebot richtig umzugehen, heißt also auch, Ziele und Mittel

miteinander in Einklang zu bringen. Die Schriftkultur kann das nicht

leisten. Dieses vollzieht sich zwischen den einzelnen Individuen und

zwischen den vielen Gemeinschaften, denen sie angehören. Die

verschiedenen Sprachen, die bei der praktischen Entfaltung all derer

involviert sind, die sich in diese Vielfalt der Möglichkeiten

einbinden, funktionieren effektiver.

Das Netz der Beziehungen, aus denen unser Dasein besteht, und die

Beziehungsmuster werden sich weiter verändern und auf globaler Ebene

komplexer werden, im Gegensatz zur lokalen Ebene, auf der sie

begrenzter werden. Mit einer Zunahme von globaler Freiheit verlieren

wir lokale Dynamik. Auf der jeweiligen Ebene, auf der wir unsere

Vermittlungsleistung ausüben, haben wir eine fast totale Kontrolle

über unsere eigene Effizienz. Jeder der zahlreichen Anbieter von

Dienstleistungen, jeder Arzt, Rechtsanwalt oder Schriftsteller gibt

ein Beispiel ab für die lokalen Wahlmöglichkeiten, die sich aus der

gesteigerten Produktivität derer, denen sie ihre Dienstleistungen

anbieten, ergibt. Auf einer höheren Ebene, die diese

Dienstleistungen integriert--ganz gleich, ob es sich um Rostschutz,

Röntgenverarbeitung, Kommunikationsdesign oder Buchhaltung handelt--,

wird die Zahl der Auswahlmöglichkeiten geringer. Folglich wird die

Koordinierung ausschlaggebend. Die Strategie des Outsourcing gründet

auf der Überzeugung, daß maximale Effizienz eine Form der

Spezialisierung verlangt, die Firmen nicht erreichen können. Wenn

sich der Prozeß in diese Richtung weiterentwickelt, wird die

Koordinierung bald das schwierigste Problem unserer Praxis sein. Das

liegt an der Komplexität des Problems sowie daran, daß es keine

effektiven Prozeduren gibt, um sie zu vereinfachen. Je einfacher

eine Aufgabe ist, desto komplexer gestaltet sich ihre Integration.

Daraus läßt sich vielleicht kein Gesetz, aber eine weitere These

ableiten: die allgemeine Komplexität bleibt erhalten, ganz gleich,

wie Systeme unter- oder Aufgaben verteilt werden. Wenn Aufgaben für

eine effiziente Ausführung aufgeteilt werden, wird die Komplexität

von der Aufgabe auf die Integration übertragen.

Jenseits der Schriftkultur — Band 5 · 第 41 / 61 题