Der Umgang mit den Wahlmöglichkeiten

Wenn die Multiplikation von Möglichkeiten nicht auch die effektiven

Mittel ermöglichen würde, zwischen ihnen auszuwählen, wären wir vom

Strudel der Entropie erfaßt. In der Praxis führt dies zu einem ganz

natürlichen Verlauf der Dinge: neue Möglichkeiten zuzulassen, die

sich als Alternativen ausweisen, bedeutet, bekannte und erprobte

Optionen auszuschließen. Wo z. B. in einer Demokratie die

Bürokratie die Oberhand gewinnt, erfüllt eine Ratssitzung nur noch

dekorative Funktionen. Die Rede des amerikanischen Präsidenten zur

Lage der Nation zieht keinerlei Konsequenzen nach sich.

Die Möglichkeit, andere Zeichensysteme zu nutzen, ist keineswegs neu.

Selbst die Möglichkeit des Synkretismus ist alles andere als neu.

Neu ist das Bewußtsein von Fehlfunktionen und möglichem Verlust der

Kontrolle über eine komplexe Praxis. Unter den vielen Formen, die

die Beziehung zwischen dem einzelnen und der Gesellschaft festlegen,

ist das Rechtssystem vermutlich das beste Beispiel. Ob unabhängig,

als Regel- und Kontrollbereich mit eigenen Motivationen oder als Teil

anderer Komponenten des sozialen und politischen Lebens, kodifiziert

die Institution der Gerechtigkeit ihre Typologien, Klassifikationen

und Regeln in Gesetzen. Hier werden Werte ständig durch pragmatische

Handlungen überprüft. An der Integrität des einzelnen und seiner

rechtmäßig erworbenen Güter, an der Verbindlichkeit von

Verpflichtungen und an vielen anderen Regeln, die für das Gemeinwohl

wichtig sind, hat sich die Rechtspraxis entwickelt. Richtig oder

falsch, Kriterien, die sich entwickelt haben, als sich praktisches

Handeln noch unmittelbar auf das Wohlergehen der Gemeinschaft

auswirkte, werden jetzt in einem Bereich mit eigenem Leben und

eigenen Regeln definiert. Töten, Stehlen und Fälschen sind

Handlungen, die in den schriftlich niedergelegten Gesetzen klar

definiert sind. Aber das in der Schriftkultur verankerte Recht hat

sich von der tatsächlichen Welt losgelöst und konstituiert eine

eigene Wirklichkeit mit eigenen Beweggründen. Da dies so ist,

überrascht es nicht, daß die Rechtspraxis nichts anderes ist als die

Interpretation von Texten und der Versuch, mit Hilfe der Sprache

Lösungen zu finden, auch wenn die Lösung eigentlich eine Chimäre ist

und nicht auf der Wirklichkeit gründet.

Das Rechtssystem reagiert auf Innovationen, indem es Regeln, die

einer anderen Praxis entspringen--die DNA-Analyse als Beweismittel

vor Gericht ist hier ein gutes Beispiel--, in ihre eigenen

Evaluationskriterien zwängt. Statt einen pro-aktiven Kontext für die

Entfaltung des menschlichen Geistes zu schaffen, verteidigt die

Rechtspraxis letztlich nur ihre eigenen Interessen.

Als Erweiterung der aus der Schriftkultur hervorgegangenen Sprache

entwickelt die Rechtssprache ihre eigenen Effizienzregeln und legt

Erfolgskriterien fest, die den Prozeß der Gerechtigkeit korrumpieren.

Sie ist ein typisches Beispiel für sprachliche Funktionsdefekte,

genauso erhellend wie die Sprache der Politik. Juristische und

politische Praxis dokumentieren auf unterschiedliche Weise, wie die

Demokratie scheitert, wenn sie die in der Bürokratie des

Rechtssystems und der reifizierten Machtbeziehungen manifeste

symbolische Phase erreicht.

Jenseits der Schriftkultur — Band 5 · 第 40 / 61 题