Selbstorganisation

Zeit, Energie, Ausrüstung und Verstand sind in die Erforschung des

künstlichen Lebens (ALife) investiert worden. Das Wissen, das wir

aus dieser Forschung bezogen haben, kann zur Verbesserung von

Modellen für individuelles und gesellschaftliches Leben genutzt

werden. Derartige Forschungsergebnisse besagen, daß Vielfalt und

Selbstorganisation, die durch strukturelle Merkmale hervorgerufen und

in emergenten Funktionen veräußerlicht sind, den Evolutionsimpuls in

einem lebenden System erhalten. Die Menschen gehören einem solchen

System an. In der Vergangenheit haben wir uns auf soziale Formen mit

variabler Organisation konzentriert. Iterative Optimierung und

Lernprozesse waren darin Ausdruck innerer Notwendigkeiten, nicht

Ausdruck angenommener oder aufgezwungener Funktionsregeln.

Die gesamte Reproduktionsdynamik, die die gegenwärtigen Anstrengungen

von Staaten und Organisationen bei der Kontrolle des

Bevölkerungswachstums kennzeichnen, muß wieder an die Praxis gebunden

werden. Wir können davon ausgehen, daß Gemeinschaften, die nach

solchen Prinzipien strukturiert sind, mit einer Art sozialem

Immunsystem ausgestattet sind, das es ihnen ermöglicht, soziale

Erkrankungen zu erkennen und zu bekämpfen. Eine Rückbindung an den

pragmatischen Kontext muß als neue Strategie verstanden werden, die

den Menschen nicht mehr sagt, was zu tun wäre, sondern sie zu

wirklichem Tun motiviert. Alle Vorteile eines sich rapide

entwickelnden Netzwerks der Netzwerke basieren auf dieser

Grundvoraussetzung. Ein soziales Immunsystem sollte ein Mechanismus

sein, der die für das Funktionieren eines jeden Einzelnen und aller

Mitglieder der Gemeinschaft schädlichen Handlungen verhindert. Der

Begriff der sozialen Erkrankung läßt Merkmale eines Systems von gut

und böse, richtig und falsch anklingen. Hier ist aber die fehlende

Verbindung von individueller Leistung und pragmatischem Fokus gemeint.

Mechanismen zur Wiederherstellung dieser Verbindung gründen auf der

Anerkennung von Vielfalt und auf einer Definition von Einheit,

Mitteln, Zielen und Idealen.

Anpassungsfähigkeit ergibt sich aus Vielfalt; das gilt für die

Fähigkeit, Ressourcen innerhalb einer dynamischen Gemeinschaft zu

mobilisieren. Stärker als in der Vergangenheit wird der Einzelne in

mehr als nur einer Gemeinschaft eingebunden sein. Neue

Interaktionsformen und geteilte Ressourcen werden es möglich machen.

Die heutige Telekommunikation ist erst der Anfang. Das traditionelle

Verständnis von Gemeinschaft, das identisch ist mit Ortsgebundenheit,

wird dem Begriff der Interessengemeinschaften weichen. Virtuelle

Gemeinschaften im Internet zeigen, was das bedeuten kann. Das

Hauptmerkmal solcher selbstorganisierender sozialer und kultureller

Zellen ist ihre Modifikationsstruktur während der Koevolution, die

die Einsicht verrät, daß sich politische und soziale Interaktion

verändert, wenn die Menschen sich verändern.

Ausgangspunkt für das beschriebene Modell war ursprünglich, das

Phänomen des Lebens genauer zu verstehen und bestimmte Aspekte davon

zu simulieren; es läßt sich auf natürliches und künstliches Leben

gleichermaßen anwenden. Eine globale Wirtschaft, globale politische

Anliegen, globale Verantwortung für unser Versorgungssystem, globales

Interesse an Transport- und Kommunikationsnetzen, globales Engagement

für die sinnvolle Nutzung von Energie sollten nicht zu einem

Weltstaat führen, sondern zu einem Staat mit vielen Welten. Die

Skala der politischen Praxis hat eine solche Komplexität erreicht,

daß das Kokettieren mit globalen Institutionen zur Selbstzerstörung

durch soziale Implosion führen könnte. Die Alternative wäre

Dezentralisierung, leistungsstarke Netzwerke, verbunden mit

hochspezialisierter Aufgabenteilung und effektiven

Integrationsverfahren.

Konkret bedeutet dies, daß Individuen ihre Identität in Erfahrungen

finden, die ihren persönlichen Beitrag in verschiedene

Geschehensabläufe oder Produkte einbindet. Sie werden Ressourcen

teilen und Kommunikationsmittel zur Optimierung ihrer Arbeit nutzen.

Zugang zum Wissen anderer mit Hilfe von Mitteln, die die

gleichzeitige Nutzung durch viele ermöglichen, ist Teil des globalen

Vertrags, den die Menschen abschließen werden, wenn sie die Vorteile

eines für alle zugänglichen Informationskomplexes und der

Möglichkeiten einer weltweiten Vernetzung erkannt haben.

Selbstorganisierende Zellen menschlicher Gemeinschaft verschiedenster

Art werden die Vielfalt der Sprachen in der Kultur jenseits der

Schriftkultur, die Freiheit von Bürokratie und eine direktere

Teilhabe am Leben jeder dieser sozialen Einheiten betreiben.

Hochspezialisiertes Wissen, das es den Menschen ermöglicht, ihre

praktischen Ziele mit Hilfe von neuen Sprachen (mathematischer

Notation, Visualisierung, Diagrammen usw.) zu verfolgen, isoliert die

Experten meist von der Welt. Wenn Bedingungen geschaffen werden,

relevante Praxiserfahrungen miteinander zu verknüpfen, können

Fragmentarisierung und Synthese gleichzeitig verfolgt werden. Im

Fragmentarisieren sind wir erfahren--es bestimmt unsere eng gefaßten

Spezialgebiete. Aber bei der Synthese sind wir weit weniger versiert.

Es geht also um Integration.

Da menschliche Aktivitäten die Multidimensionalität des Menschen

widerspiegeln, ist es klar, daß Zentren, in denen sich Erfahrungen

überlappen--die allerdings aus unterschiedlichen Perspektiven

gewonnen sein können--, gerade in den Umfeldern entstehen, in denen

Ressourcen gemeinsam genutzt und die Ergebnisse zum Ausgangspunkt für

weitere Erfahrung gemacht werden. Die Identität von Menschen, die

sich im Rahmen einer effizienz- und vielfaltsorientierten Praxis

konstituieren, spiegelt Erfahrungen durch viele Schriftformen und

Überlebenskonzepte wider, die auf Koevolution und nicht auf

Beherrschung angelegt sind. Die Entwicklung der Technologie ist

hierfür ein Beispiel. Von den Bulletin Boards der frühen sechziger

Jahre bis zum Internet und dem World Wide Web in unserer Zeit hat

Koevolution zur Konstituierung des vernetzten Bürgers geführt.

Michael Hauben, der den englischen Begriff des Netizen prägte, wollte

damit Individuen beschreiben, die um kooperative und kollektive

Tätigkeit bestrebt waren, welche der gesamten Welt von Nutzen sein

sollte. Konflikte wurden dadurch nicht abgeschafft. Die

Netz-Gemeinschaft zeichnet sich keinesfalls durch Perfektion, sondern

durch bewußt erstrebte Vielfalt aus, in der Unvollkommenheit keinen

Mangel darstellt. Ihre Dynamik gründet auf Unterschieden in

Quantität und Qualität; ihre Effizienz kommt darin zum Ausdruck,

wieviel Vielfalt sie weiterhin schaffen kann.

Die Lösung ist das Problem. Oder ist das Problem die Lösung?

Die Unangemessenheit der Schriftkultur und der natürlichen

Sprache--zweifellos das wesentliche Zeichensystem der Menschen--wird

vor dem Hintergrund neuer Praxiserfahrungen deutlich, die zur

Selbstkonstituierung des Menschen durch viele unterschiedliche

Zeichensysteme führen. Die neue Pragmatik verlangt, daß die

Schriftlichkeit um alternative Ausdrucks-, Kommunikationsund

Bedeutungsmittel ergänzt wird. Unsere Analyse der verschiedenen

Formen menschlicher Praxis und Kreativität läßt nur eine

Schlußfolgerung zu: Die Muster der menschlichen Beziehungen und die

auf der Grundlage der Schriftkultur geschaffenen Werkzeuge sind keine

optimale Antwort mehr auf die Anforderungen einer gesteigerten

Dynamik unseres Daseins.

Von der Hoffnung verleitet, daß, wenn wir erst einmal die

sprachlichen Extensionen--alles, was Menschen im Akt ihrer

praktischen Selbst-Identifikation unternehmen--erfaßt haben, wir

daraus auch Rückschlüsse auf die Intensionen--wie sich eine einzelne

Komponente entfaltet--ziehen können, haben wir die intensionalen

Aspekte des menschlichen Handelns selbst übersehen. Wir kennen z. B.

die vielfältigen Komponenten der mathematischen Praxis: analytisches

Denken, Rationalität, Symbolismus, Intuition, Ästhetik. Aber über

die einzelnen Komponenten wissen wir fast gar nichts. Einige können

sprachlich nicht ausgedrückt werden; andere werden durch Sprache

lediglich auf Stereotype reduziert. Liegt die Kraft des

mathematischen Ausdrucks in der mathematischen Notation oder in den

ästhetischen Qualitäten? In welcher Beziehung stehen diese beiden

Aspekte? Wo und wie beeinflußt die Intuition das mathematische

Denken?

Die gleichen Kriterien gelten, allerdings folgenreicher, für soziale

Handlungen. Menschliche Interaktion erfordert physische Präsenz; ihr

Auftreten (schön, passend oder angemessen); ihre Fähigkeit, Gedanken

zu artikulieren; ihre Überredungskunst; und vieles mehr. Jede

Komponente ist wichtig, aber wir wissen nur sehr wenig über die

spezifischen Auswirkungen einer jeden einzelnen. Wir sind überrascht

darüber, wie Diktatoren an die Macht kommen, und noch mehr, wie sich

die Massen verführen lassen. Aber wir richten unsere Aufmerksamkeit

noch immer nicht auf auf die Motive, die Menschen zu Rassisten,

Kriegstreibern, Scheinheiligen oder auch zu aufrichtigen

Philanthropen werden lassen. Wenn die Argumente nichts taugen, die

Massen ihnen aber dennoch folgen, dann ist mehr am Werk als nur Worte,

Erscheinung und Psychologie. Die Sprache hat die Erfahrung unserer

Kulturpraxis dargelegt, ansonsten aber nichts davon, was für unsere

natürliche Existenz von besonderer Relevanz wäre. Die Muster des

kulturellen Verhaltens, die in der Sprache zum Ausdruck kommen, sind

von den Mustern unseres biologischen Lebens offenbar recht unabhängig

oder haben zumindest eine merkwürdige, schwer erklärbare

Unabhängigkeit gewonnen.

Wir müssen uns über unsere Besessenheit von Unverletzbarkeit, die wir

begrifflich leicht fassen können, ernsthaft Gedanken machen. Sie

zeigt sich in der Schriftkultur der Medizin besonders deutlich. Die

plötzliche Entdeckung von AIDS, die der Euphorie der Unverletzbarkeit

ein Ende setzte, kann uns vielleicht dabei helfen, das zunehmende

Auseinanderdriften unseres kulturellen Lebens--zu dem die Sexualität

gehört--und unseres natürlichen Lebens--zu dem die Fortpflanzung

gehört--zu verstehen. Die Magie war ein Versuch, eine harmonische

Beziehung zur äußeren Welt beizubehalten. Es ist noch immer nicht

klar, ob es die Medizin oder die Umarmung der Eltern ist, die die

Kolik eines Kindes heilt; oder ob die psychosomatische Natur vieler

moderner Krankheiten von der Technologie des heutigen

Gesundheitssystems in den Griff zu bekommen ist. Wir wissen indes,

daß die Bevölkerungszahlen zurückgingen, wenn den Menschen neue

Ernährungs- und Hygienevorschriften aufgezwungen wurden, weil die

Lebensmuster beeinflußt werden, wenn ein bestehendes Gleichgewicht

wegen einer fremden Form verworfen wird. Dies geschah nicht nur mit

den Völkern in Asien, Afrika, Australien und Neuseeland, sondern auch

mit den Eingeborenen der amerikanischen Kontinente. Die aus der

analytischen Praxis der Selbstkonstituierung entstandenen

medizinischen Konzepte--von denen viele in der Schriftkultur der

Medizin verdinglicht sind--verwerfen die Vielfalt möglicher

Gleichgewichte und legen den Verdacht nahe, daß hier die Lösung das

eigentliche Problem ist.

Wo sie anwendbar ist, funktioniert die Schriftkultur sehr gut, aber

sie ist nicht die universelle Antwort auf die immer komplexere Praxis

der Menschheit. Da die Menschen die Erfahrungen mit anderen

nichtsprachlichen Zeichensystemen nicht völlig außer acht gelassen

haben, konnten sie die Muster der Schulung, der Einweisung, der

industriellen Produktion, der modernen Landwirtschaft und des

Gesundheitswesens ändern. Davon ist auch das Verständnis von

Bereichen betroffen, die lange Zeit durch die Schriftkultur verdeckt

waren: das Erkennen von Mustern, Bildmanipulation, Design. Dadurch

ergeben sich neue Methoden, mit denen neue Bereiche der menschlichen

Erfahrung in Angriff genommen werden können: Statt Bilder durch Worte

zu beschreiben und einen Handlungsverlauf oder ein Ziel mit Hilfe

eines Textes zu definieren und dann durch den Text den Gebrauch der

visuellen Elemente steuern zu lassen, nutzen wir heute die

Vermittlungskraft von Designsystemen mit integrierten Planungs- und

Managementeinrichtungen. Ein neues Produkt, ein neues Gebäude und

Konzepte im Bereich der Städteplanung werden hervorgebracht, während

das entsprechende Computerprogramm die Daten zu den Kosten, den

ökologischen Folgen, den sozialen Auswirkungen und der

zwischenmenschlichen Kommunikation verarbeitet. Diese Praxis, die

die Schriftkultur überwindet, ohne sie ganz aufzugeben, hat neue

Fähigkeiten freigelegt: visuelles Bewußtsein, Verarbeitung von

Informationen aller Art, Vernetzung und neue Formen menschlicher

Integration, die sehr viel weniger starr sind als die, die für die

ausschließlich durch die Sprache erfolgende Integration typisch sind.

Die Schriftkultur muß nicht abgeschafft, aber ebensowenig muß alles

auf sie reduziert werden. Wo sie noch sinnvoll Anwendung findet, ist

sie lebendig und gesund. Im Internet und dem World Wide Web

vervollständigt sie das Repertoire der für die computergestützte

Kommunikation typischen Interaktionsmittel. Das Fernsehen fesselt

ein breites Publikum mit einseitiger Kommunikation. Die Ambition des

World Wide Web liegt darin, sinnvolle Interaktionen zwischen zwei

oder mehr Menschen zu ermöglichen.

Die Kultur jenseits der Schriftkultur zeichnet sich durch Vielfalt

aus und stützt sich auf die Dynamik der Selbstorganisation. Um aber

Erfolg zu haben, müssen mehrere Bedingungen erfüllt werden: Wir haben

z. B. bei allen Formen der Selbstkonstituierung noch nicht die

Fähigkeit entwickelt, in anderen Medien als der natürlichen Sprache

zu denken. Wie beim Erlernen einer Fremdsprache übersetzen viele

Menschen immer noch von einer Sprache in die andere. Wenn das nicht

funktioniert, suchen sie in der Sprache nach Hilfe, die sie

beherrschen, statt in der alternativen Sprache zu fragen, in der sie

die Antwort erwarten. Nachdem Intuition von Rationalität und System

verdrängt wurde, werden nur noch geringfügige Anstrengungen

unternommen, den Ursprung der Intuition, ob in der Mathematik, in der

Medizin, im Sport, in den Künsten, den Markttransaktionen, im Krieg,

bei der Essenszubereitung oder in sozialen Aktivitäten zu verstehen.

Innerhalb der neuen Skala und der neuen Dynamik hängt die

Zivilisation vom Zusammenspiel mehrerer Elemente ab. Die an der

Integration dieser Vielfalt beteiligte Logistik kann kaum durch

schriftkulturelle Methoden erfolgen, und sie ist für das Ergebnis

entscheidend. Die Schriftkultur drückt die groben und linearen

Beziehungsebenen aus. Neue Praxiserfahrungen mit erhöhter Effizienz

verlangen differenziertere Ebenen und auf nichtlineare Phänomene

ausgerichtete Werkzeuge, um mit den parallel verlaufenden Prozessen

der Selbstkonstituierung des einzelnen und der Gesellschaft umgehen

zu können.

Jenseits der Schriftkultur — Band 5 · 第 39 / 61 题