Demokratie ist ein Spielfeld für Erwartungen. Die Menschen
konstituieren sich als Bürger einer Demokratie, indem sie in ihren
praktischen Erfahrungen Gleichheit, Freiheit und Selbstbestimmung
anerkennen. Der Demokratiebegriff hat sich mit der Zeit verändert.
In der Antike gab es die Gleichheit des demos und freie Bürger--keine
Frauen, keine Sklaven--hatten Stimmrecht. Nach zahlreichen
Emanzipationen bezeichnete der Begriff Demokratie schließlich die
Freiheit der Menschen, ihre Regierung zu wählen. Wie diese
Selbstverwaltung tatsächlich funktioniert--durch direkte oder
indirekte Repräsentation, in Form von Regierungen, die auf der
Gewaltenteilung von Exekutive und Legislative basieren, oder durch
Monarchien--ist eine Frage der jeweiligen pragmatischen Einrichtungen.
Die Demokratie der Armut ist eine andere als die Demokratie des
Wohlstands. Gleiches Recht auf Arbeit, Bildung, medizinische
Versorgung und Kunst und gleiches Recht auf Drogen, Mord,
Arbeitslosigkeit, geringen Bildungsstand und Krankheit sind sehr
verschiedene Dinge. Eine Stadtratssitzung in Vermont oder in einem
Schweizer Kanton, wo das Leben ordentlich und effektiv geregelt ist,
unterscheidet sich von einer Staatsregierung in Ländern, in denen die
zentrale Macht jede Form der Selbstverwaltung unterdrückt.
Demokratie ist eine unserer wesentlichen sozialen und politischen
Erfahrungen. Die Macht der Mehrheit, ermittelt in Wahlen, ist nur
eine der möglichen Ausdrucksformen. Wenn aber nur ein kleiner Teil
der Bevölkerung zur Wahl geht, ist nicht die Mehrheit repräsentiert.
Die demokratische Praxis beruht oft auf Täuschung, und wir verstärken
dies durch den schriftkulturellen politischen Diskurs. Als ein
Erwartungsbereich, in dem sich schriftkulturell verankerte Hoffnungen
artikulieren, erlangt Demokratie nur eine Bedeutung, wenn damit eine
Partizipation an sozialen und politischen Erfahrungen einhergeht.
Wenn sich eine der beiden Größen in dieser wichtigen
gesellschaftlichen Praxis verringert--etwa die Partizipation--,
verringert sich die Demokratie proportional. Es gibt viele Gründe
für eine abnehmende Partizipation der Bürger. In Ländern, in denen
ein funktionierendes demokratisches System durch demokratische
Demagogie ersetzt wurde, mobilisieren Veränderungen, ob durch
Revolutionen, Aufstände oder Reformen, zu Beginn fast die ganze
Bevölkerung. Wir können dies gerade in Osteuropa und in den
Republiken der ehemaligen Sowjetunion beobachten. Nach der
anfänglich fast ungetrübten Begeisterung für den Neuanfang, die zu
demokratischen Bedingungen führte, nimmt jetzt die individuelle
Teilhabe an der Regierung wieder ab. Wo liegen die Gründe für dieses
Phänomen, das sich auch am abnehmenden Interesse für Religion, Kunst
und Solidarität äußert?
Es gibt viele Antworten und noch mehr Hypothesen:
Ermüdungserscheinungen, Mangel an demokratischer Tradition, Egoismus,
das Bestreben, mit reichen Nationen gleichzuziehen. In Wahrheit aber
liegen die Gründe im Konflikt zwischen den schriftkulturellen Werten
und den neuen Effizienzerwartungen, die sich aus der neuen Skala der
Menschen ergeben. Die Effizienz, die sich aus einer Pragmatik ergibt,
die sich von den in der Schriftkultur reifizierten Strukturmerkmalen
emanzipiert hat, verwandelte Demokratie in eine kommerzielle
Demokratie. Die Menschen können kaufen und verkaufen, was immer sie
wollen. Ihre Gleichheit heißt gleicher Zugang zum Markt des
Wohlstands; Freiheit ist durch das von allen anerkannte Recht auf
Überfluß besiegelt. Demokratisierung, von der die Menschen glauben,
daß sie überall auf der Welt stattfindet, ist ein Prozeß, der immer
neue Gruppen von Menschen einbindet, in eine Welt des Wohlstands, der
oberflächlichen Unterhaltungskultur (einschließlich des Sports) und
der Regierungen, die ein Recht auf Reichtum und Konsum garantieren.
Man könnte leicht ins Moralisieren verfallen. Die Schriftkultur
trägt bestimmte Erwartungen an demokratische Institutionen heran.
Wie andere Institutionen, müssen auch sie sich dem Effizienztest
unterziehen. Wenn die Institutionen diesen Test nicht bestehen,
bekräftigen sie--in der Sprache der Demokratie--nicht mehr die
Demokratie als praktische Erfahrung des Volkes, sondern sich selbst
als Institution. Bürokratien entstehen dadurch, daß die Demokratie
ihren sozialen und politischen Blickwinkel aufgibt und sich gleichsam
in ihre eigene Sprache verliebt, in der ihre Prinzipien formuliert
sind.
Die Medien werden in Form der Massenmedien zu einem eigenen Faktor in
der Formel der Macht. Wird das Potential der neuen Ausdrucksmittel
voll ausgeschöpft--die Macht der Bilder, der direkte Zugang zu
Ereignissen, die Macht der Vernetzung, der kommunikativen Ressourcen,
neuer Technologien--dann spielen die Medien eine Doppelrolle als
Repräsentanten des Volkes und Repräsentanten der Macht. Da ihr
eigener Praxisbereich die Darstellung ist, sind die Medien von der
Effizienz der Selbstkonstituierung des Menschen in produktiven
Tätigkeiten abhängig. Die Tätigkeit der Massenmedien folgt nicht
eigenen Zielen, sondern wird durch den Markt, der in ihnen verortet
ist, motiviert. Folglich wird die Formel der Demokratie zur Formel
von Wettbewerb und wirtschaftlichem Erfolg. Die Medien wählen die
Ursachen und Persönlichkeiten aus, die für den Prozeß der
Demokratievermarktung geeignet erscheinen. Demokratie steht nicht
mehr für Regierung und die damit verbundene Verantwortung, sondern
vielmehr für das Recht der Menschen zu kaufen; unter anderem, die
Regierung zu kaufen und den Luxus, die eigene Verantwortung an ihre
Institutionen zu übertragen.
Medienkritik wird immer dann zur Lieblingsbeschäftigung der Politiker,
wenn die Dinge nicht wie erwartet funktionieren. Die Öffentlichkeit
beteiligt sich an solchen Auseinandersetzungen besonders in Zeiten
wirtschaftlicher Unsicherheit oder politischer Entwicklungen, die
außer Kontrolle geraten (Kriege, gewalttätige Massendemonstrationen,
Wahlen). Die Kritik an den Medien bezeugt, daß deren Beteiligung an
der Macht gewachsen ist. Die schriftkulturellen Methoden der
Hierarchiebildung werden durch neue Technologien verstärkt, die jeden
Adressaten selbst in vollkommen übersättigten Kontexten der
Informationsverbreitung erreichen.
Informationsvermarktung, Feedbackstrategien, Massenmedien, soziales
Engineering, Psychologie und Veranstaltungsdesign bilden eine
merkwürdig eklektische Praxis. Ihr einen bestimmten Namen zu geben,
wie etwa Medio-kratie mag tendenziös klingen. Aber es trifft den
Kern. Ihre Bemühungen sind nicht darauf gerichtet, Exzellenz und
Qualität zu fördern oder gesellschaftliche Gruppen davon zu
überzeugen, daß Demokratie Qualität garantiert und selbstverwaltende
Systeme vor Korruption schützt. Vielmehr ist ihr daran gelegen,
glaubhaft zu vermitteln, daß Mediokrität der Ausdruck von Gleichheit
ist, und daß mehr nicht zu erwarten ist, wenn die Menschen nicht
entschlossener von ihren Rechten Gebrauch machen. Die Mittel, die
zur Verteidigung der Demokratie verwendet werden, und das gesamte
politische System, das auf ihren Grundsätzen aufgebaut ist, machen
nur allzu deutlich, daß die Demokratie als ein Kind sprachgebundener
Praxis alles andere als die ewige und universelle Antwort oder der
Höhepunkt der Geschichte ist. Auch hier müssen alternative
Partizipationsformen gefunden werden, die der neuen Skala entsprechen.
Solche Alternativen müssen die entscheidenden neuen Faktoren
beinhalten: die verteilte Natur der Arbeit; ein besseres Verständnis
der Beziehung (oder fehlenden Beziehung) zwischen Individuum und
Gemeinschaft; das Bewußtsein von Veränderung als einzig dauerhaftem
Zustand; und Strategien der Koevolution, die alle Menschen und die
Natur, deren Teil der Mensch immer noch ist, als gleich betrachten.
Demokratie ist das Produkt menschlicher Erfahrungen, die auf dem
Postulat des Gleichseins beruhen. Alternativen entstehen durch die
Dynamik des Unterschieds. Sobald die Grünen eine Partei wie jede
andere werden, verschwimmt ihre Farbe.