Die Botschaft ist das Medium

Sprache ist eine Form des sozialen Gedächtnisses. Wenn wir etwas

sagen oder jemandem zuhören, gehen wir von einem einheitlichen

Gebrauch der Wörter und der übergeordneten linguistischen Einheiten

aus. Als gespeichertes Zeugnis ähnlicher praktischer Erfahrungen

wurde die Sprache, stabilisiert in der Schrift, zum Medium, das sie

auf einen gemeinsamen Durchschnitt anglich.

Die in Sprache gefaßten menschlichen Beziehungsmuster machen den

Menschen rückblickend die Bedeutung dieser Muster für die menschliche

Effizienz bewußt. Es sieht also so aus, als würden wir uns über die

eigenen Betrachtungen unserer Interaktionsmuster konstituieren.

Diese Betrachtungen können wir Erkenntnis nennen, da wir einander

mittels Interaktion kennenlernen und durch Interaktion erfahren, wie,

durch was und wann unsere dringendsten und weniger dringenden

Bedürfnisse befriedigt werden. Das Paradigma der Schriftkultur

behauptet, daß die Selbstkonstituierung in der Sprache stattfindet,

und zwar nur in der Sprache, schriftlich niedergelegt und anderen

durch Lektüre zugänglich. Tatsächlich haben wir unser Wissen aus der

Praxis menschlicher Interaktion und dem auf Sprache basierenden

Informationsaustausch gewonnen. Dieses Wissen prägte die politischen,

ideologischen, religiösen und wirtschaftlichen Erfahrungen, unsere

Bemühungen zur ständigen Verbesserung der Technologien und die

Entwicklung der Wissenschaft. Die Zukunftsdimension ist

Grundbestandteil des Lebens, und sie erfaßt Sprache und Schriftkultur,

Arbeit und pragmatische Erwartungen.

Die Sprache verkörpert, wie jede andere semiotische Praxis, Art und

Zustand des durch Sprache Konstituierten; dies gilt auch für die

Identität des Menschen. Die Projektion biologischer und kultureller

Merkmale auf die Alltagswelt schafft Bezugselemente. Die Fähigkeit

zu sehen, zu hören, zu riechen und Werkzeuge zu benutzen, wird durch

menschliche Interaktion bestätigt. Fähigkeiten und Leistung

unterscheiden sich stark. Wenn es darum geht, gemeinsame Ziele zu

verfolgen, fallen Selbsteinschätzung und die Einschätzung durch

andere unterschiedlich aus. Sprache vermittelt, folglich werden

Verpflichtungen Teil der Erfahrung. Wenn diesen nicht Folge

geleistet wird, kann die Sprache zum Ersatzmedium für Konfrontation

werden.

Einigung und Konfrontation gehören zu den Beziehungsmustern, die die

Art der Beziehung zwischen der Sprache des einzelnen und der Sprache

der Gemeinschaft definiert. Die Sozialisierung von Sprache führt zu

paradoxen Situationen: die sich durch die Sprache konstituierenden

Menschen glauben, daß sich Konfrontationen nicht zwischen ihnen,

sondern zwischen ihren Sprachen abspielen. Vor wenigen Jahren konnte

man hören, daß Russen und Amerikaner sich gegenseitig sehr schätzten,

obwohl in den Sprachen der Politik und der Ideologien Konflikt

angelegt war. Heute hören wir, daß das Verhältnis von Ossis und

Wessis emotional stark belastet ist (die einen gelten als faul, die

anderen als arrogant; die einen sind kultiviert, die anderen ignorant;

eine Seite ist ehrlich, die andere korrupt), obwohl sie (fast)

dieselbe Sprache sprechen.

Die neue Skala der Menschheit, in der auch Demokratie--die Macht des

Volkes--nicht mehr überzeugend funktioniert, wirft viele schwierige

Fragen auf: Was, wenn überhaupt irgend etwas, kann die Schriftkultur

ersetzten? Was könnte die Demokratie ersetzten? Wie befreien wir

uns aus dem eisernen Griff der Bürokratie? Bevor wir eine Antwort

darauf versuchen, muß deutlich werden, daß die kulturelle Praxis der

Schriftlichkeit und die soziale Praxis der Demokratie ihren Höhepunkt

überschritten haben.

Die Frage nach dem Verhältnis von Schriftkultur und Macht stellt sich

in einem post-schriftkulturellen Zeitalter neu, aber mit der alten

Dringlichkeit. Nicht das, was ein Politiker sagt, ist wichtig,

sondern wie er es sagt. Bilder, gute Regie, ein gutes Bühnenbild

oder der richtige Hintergrund werden selbst zur Botschaft. Deswegen

ist die Feststellung: "Die Botschaft ist das Medium", keine

respektlose Umkehrung von McLuhans berühmter Formel, sondern sie

verzeichnet die veränderte Beziehung zwischen Sprache und Welt. Die

Interaktionen in der vernetzten Welt verdeutlichen diese

Umformulierung noch besser. Die neu definierte Beziehung zwischen

den vielen Sprachen unserer neuen Lebenspraxis und der Realität wird

durch die Mittel und Werte einer Kultur jenseits der Schriftkultur

wiedergegeben.

In der pompösen Architektur von Mitterands Palast und in der

Monumentalität des "neuen" Berlin verwandelt sich die Botschaft der

Schriftkultur--in Höhe von mehreren Milliarden Mark--zu Stein und

Mörtel. Im Zeitalter von Aufgabenteilung und Dezentralisierung liegt

die angemessene Alternative in der virtuellen Welt und in einer

verbesserten Infrastruktur für den Zugang zu Denken und Wissen. "Die

Botschaft ist das Medium": das läßt sich auch übersetzen in die

Forderung, die Vergangenheitsfixiertheit aufzugeben. Das setzt

allerdings voraus, daß wir alternative Medien schaffen, die die

Position des Einzelnen stärken, und nicht jene Machtstrukturen, die

in der Vergangenheit wichtig waren, aber heute die Entfaltung der

Zukunft verhindern.

Jenseits der Schriftkultur — Band 5 · 第 37 / 61 题