Ein gutes Beispiel für die Solidarität zwischen Spracherfahrung und
dem sich durch Sprache konstituierenden Individuum liefert der
Zusammenbruch des osteuropäischen Blocks, und pointierter noch der
Zusammenbruch der Sowjetunion. Niemand hatte damit gerechnet, daß
nach dem Fall der Berliner Mauer die Menschen im östlichen Teil
Deutschlands in diesem System gefangen bleiben würden, obwohl sich
rechtliche, soziale und wirtschaftliche Umstände veränderten. Trotz
der gemeinsamen Sprache blieben die Ostdeutschen Gefangene der
strukturellen Merkmale der alten Gesellschaft, die die Schriftkultur
ihnen aufgeprägt hatte: Zentralismus, klare Trennlinien,
Determinismus, hierarchische Strukturen, begrenzte (Wahl-) Freiheit.
Die unsichtbare, doch wirksame Konditionierung durch die ostdeutsche
Bildung--derjenigen Westdeutschlands kategorisch überlegen--ist der
neuen, in Westdeutschland erreichten Pragmatik unangemessen und
erweist sich als Hürde für die Integration der Ostdeutschen in eine
dynamische Gesellschaft. Die hocheffiziente Pragmatik--verbunden mit
hohen Erwartungen, die die tatsächliche Leistung zu übersteigen
scheinen--wurde den Ostdeutschen von der Regierung auf der anderen
Seite der Grenze, die es nie hätte geben dürfen, aufoktroyiert.
In anderen Teilen der Welt sieht es ähnlich aus--in Korea, Ungarn,
Rumänien, in der Tschechische Republik, in der Slowakei, in Polen,
Kroatien, Serbien usw., wo pragmatische Entwicklungen und soziale,
politische, wirtschaftliche, nationale und kulturelle Entwicklungen
vollkommen asynchron vor sich gehen. Auf die großen kulturellen und
wissenschaftlichen Leistungen des Ostblocks habe ich in anderem
Zusammenhang schon hingewiesen; auch darauf, daß die Stärke dieser
auf Schriftkultur basierenden Kulturen illusorisch und reine
Selbsttäuschung war.
In nicht allzu entfernter Vergangenheit lasen die Menschen dieser
Länder Bücher, besuchten Konzerte, Opern und Museen. Heute jagen sie,
wenn ihre Lebensumstände es noch zulassen, mit der gleichen
Leidenschaft hinter den Dingen her, die früher für sie unerreichbar
waren, auch wenn das einer Aufgabe ihrer geistigen Errungenschaften
gleichkommt. Die neue Sprache ist die Sprache des Konsums. Die alte
Beziehung zwischen der Sprache des Einzelnen und der Sprache der
Gesellschaft wies Merkmale von Täuschung oder Feigheit auf. Die neue
Beziehung zeigt Erwartungsstrukturen, die die erreichte Effizienz
weit übersteigen. Die Mauer hinter der Mauer zeigt sich in den sehr
resistenten Mustern der Interaktion, die aus einer schriftkulturellen
Praxis erwachsen sind. Angesichts dieses Beispiels müssen wir fragen,
ob es Alternativen gibt zu den Ausdrucksmitteln, die die Menschen
verwenden, und zu dem sozialen Programm, dem sie sich verpflichtet
haben.