Die zwei Aspekte der menschlichen Selbstkonstituierung durch
Sprache--Individuum und Gemeinschaft (Gesellschaft)--ergeben sich aus
der Grundfrage nach den sozialen Beziehungen. Die Sprache des
Einzelnen existiert nicht unabhängig von der Sprache der Gesellschaft,
obwohl sich innerhalb einer Gesellschaft Menschen durch
offensichtliche Besonderheiten in Sprache, Schrift, Lektüre und
Gesprächsverhalten identifizieren. Die biologische Struktur des
Menschen beinhaltet Elemente, die sprachrelevant sind. Sprache
entwickelt sich jedoch nicht von innen heraus wie die Sinne, sondern
wird schrittweise erworben. Ungeachtet des jeweiligen Stadiums des
Spracherwerbs dominiert die Sprache die Sinne. Das menschliche Wesen
projiziert sich durch Sprache in die Kultur, die es selbst
kontinuierlich verändert und innerhalb welcher sie sich gegenseitig
identifizieren. Natur und Sprache bilden eine immer wechselnde
Einheit.
Während die Natur ein relativ stabiles Bezugssystem ist, verändert
sich die Kultur mit den Menschen. In einer Sprache zu sein, wie es
alle Menschen sind, und in einer Gemeinschaft zu sein, bedeutet, am
Prozeß individueller Integration und sozialer Koordination
teilzuhaben. Individueller Sprachgebrauch und Sprachgebrauch der
Gesellschaft sind nicht identisch. Individuen konstituieren sich
anders als Gemeinschaften. Daß jede Gemeinschaft Merkmale aufweist,
die den diese Gemeinschaft konstituierenden Individuen gemeinsam sind,
besagt lediglich, daß die Summe individueller Sprachhandlungen sich
von der für die soziale Erfahrung charakteristischen Sprache
unterscheidet. Der Unterschied zwischen der Sprache des Individuums
und der Sprache der Gemeinschaft zeigt soziale Beziehungen an. Eine
allgemeinere These soll hier angeführt werden: Die Natur und die
Vielfalt menschlicher Interaktionen bei der Selbstkonstituierung
durch Sprache beschreiben die Komplexität des pragmatischen Rahmens.
Diese Interaktionen sind Teil des ständigen Identifikationsprozesses
des Einzelnen oder der Gruppe im Verlauf der Identitätsfindung als
besondere Gattung.
Anerkannte Beziehungsformen im Rahmen von Arbeitsplatz, Familie,
Leben, Magie, Ritual, Mythos, Religion, Kunst, Wissenschaft oder
Bildung werden durch ihre jeweiligen Muster dargelegt. Solche Muster,
umschrieben durch die Selbstkonstituierung im natürlichen und
kulturellen Kontext, sind erst rückwirkend von Bedeutung. Sie
bezeugen das soziale Wesen des Menschen und zeigen, wo der kulturelle
Teil und der natürliche Teil dieses Wesens liegen. Aktive Teilhabe
von Individuen in der Praxis der Sprache bezeugt deren Bedürfnis,
ihre Identität in den erwähnten Beziehungsmustern zu suchen.
Menschen treten nicht deshalb zueinander in Beziehung, weil das
jeweilige Gegenüber ein netter Mensch ist. Der Bezug zum anderen ist
Teil einer ständigen Definition des Individuums in einem Kontext, der
von Konflikt und Kooperation und von der Anerkennung von
Unterschieden und Ähnlichkeiten geprägt ist. Jegliche Dynamik, ob in
der Biologie oder in der Kultur, ergibt sich aus Unterschieden.
Man sieht Sprache als naturgegeben an und stellt ihre Konventionen
nie in Frage. Als eine natürliche, (nach Chomsky) vererbte
Eigenschaft wird Sprache nicht jedes Mal neu erfunden, wenn sich
Selbstkonstituierungen durch Sprache vollziehen. Auch steht ihre
Nützlichkeit niemals in Frage, wenn wir ihre Grenzen zu spüren
bekommen. Das Versagen eines Werkzeugs--z. B. wenn es für eine
bestimmte Aufgabe ungeeignet ist--legt nahe, ein neues Werkzeug zu
entwickeln. Das Versagen von Sprache hingegen deutet auf Grenzen der
menschlichen Erfahrung hin, nicht auf die des Werkzeugs.
Funktionsstörungen der Sprache verweisen auf die biologische Anlage
und die Art und Weise, wie sie durch das menschliche Handeln auf die
Realität projiziert wird. Dies gilt nicht für andere, weniger
natürliche Zeichensysteme: Symbole, künstliche Sprachen,
Meta-Sprachen.
Was sich von einer Skala des Menschen zu einer anderen verändert, ist
der Koeffizient der linearen Gleichung, nicht die Linearität als
solche. Eine kleine Gruppe von Menschen kann durch Jagen, Sammeln
von Früchten und Landbestellung überleben. Die Anstrengungen, die
notwendig sind, um eine größere Gruppe zu versorgen, wachsen
proportional zur Größe der Gruppe. In jenen Augenblicken der
Entwicklung, in denen eine kritische Masse, eine Schwelle erreicht
wurde (Spracherwerb, Landbewirtschaftung, Schrift, industrielle
Produktion und jetzt die post-industrielle Produktion), verursachten
die Effizienzerwartungen, die der jeweiligen Skala entsprachen,
Veränderungen im pragmatischen Rahmen. Das Bewußtsein eines
Versagens der Sprache entsteht durch Erfahrungen, die neue Sprachen
notwendig machen.
Fehlkommunikation ist dann gegeben, wenn die verwendete Sprache für
die praktische Erfahrung unpassend ist. Ein Mangel an Kommunikation
zeigt die Grenzen der Menschen, die in eine bestimmte Tätigkeit
eingebunden sind. Fehlkommunikation führt dazu, daß Menschen (sich
und andere) fragen, was und warum etwas schief gelaufen ist und was
getan werden kann, um negative Folgen für die Effektivität ihrer
Tätigkeit zu verhindern. Andere Arten der Fehlfunktion von Sprache
können Menschen als Individuen oder als Mitglieder einer Gemeinschaft
auf einer anderen Ebene als der der Kommunikation betreffen: Das
Versagen von politischen Systemen, Ideologien, Religion(en), Märkten,
von Ethik oder Familie drückt sich im Zusammenbruch menschlicher
Beziehungsmuster aus. Wir halten aber die Sprache dieser politischen
Systeme, Ideologien, Religionen und Märkte selbst nach ihrem
Scheitern am Leben; nicht zufällig oder aus Nachlässigkeit, sondern
weil wir selber alle diese Sprachen sind--als Beteiligte an
politischen Prozessen, Objekte ideologischer Indoktrinierung,
Anhänger einer Religion, Güter eines Marktes, Familienmitglieder oder
aufrechte Bürger. Die Ineffizienz dieser praktischen Erfahrungen
spiegelt unsere eigene Ineffizienz wider, die schwieriger zu
überwinden ist als eine Rechtschreibschwäche, etymologische Ignoranz
oder phonetische Taubheit.