Das Überwinden der Schriftkultur

Das Überwinden der Schriftkultur geschieht in der Praxis eines

hocheffizienten Pragmatismus, der der globalen Skala des Menschen

entspricht. Diese Skala erfaßt die Bildung menschlicher

Gemeinschaften und die Interaktionen zwischen dem Einzelnen und der

Gemeinschaft. Wie schon erwähnt, haben Beduinen in der Sahara und

Indianer in den Anden genauso Zugang zum Fernsehen, wie die Menschen

in hochtechnologisierten Industrienationen. Die Identität von

Bevölkerungsgruppen in weniger entwickelten Gesellschaften ist auf

der globalen Landkarte wirtschaftlicher und politischer

Verflechtungen bereits zum Zielobjekt hochentwickelter

Verarbeitungssysteme geworden. In den Büchern der Weltwirtschaft ist

ihre Existenz im Hinblick auf ihre Leistungsfähigkeit, ihre

Bedürfnisse und ihre Kaufkraft genau verzeichnet. Menschen, die im

Silicon Valley, in Frankreich, Japan, Israel oder an einem anderen

Ort dieses Planeten virtuelle Gemeinschaften bilden, werden mit Hilfe

unterschiedlichster Methoden Gegenstand globaler Integration.

Die Ausweitung nicht-schriftgebundener Erfahrungen der

Selbstkonstituierung gibt berechtigten Anlaß zur Frage nach dem

sozialen Status des Individuums und der Natur der Beziehungen und

Abhängigkeiten in einer Gesellschaft. Kinder werden beispielsweise

stärker mit Bildern konfrontiert als mit Sprache. Sie neigen dazu,

Zeit als einen ständigen Jetzt-Zustand wahrzunehmen, und sie erwarten,

daß Befriedigung, so wie sie es im Fernsehen erleben, augenblicklich

eintritt und daß sie so leicht zu erlangen ist wie der Zugang zu

einer spannenden Seite im Internet. Sie werden zu Experten für

interaktive Spiele und für die Kontrolle extrem schneller Prozesse.

Losgelöst von Kultur und Tradition, sind sie besonders

anpassungsfähig an neue Situationen und bestrebt, eine eigene Form

der Unabhängigkeit zu finden. Sex, Drogen, Rap-Musik, Zugehörigkeit

zu Sekten oder Gangs sind Teil ihres widersprüchlichen Profils.

Diese Jugendlichen sind die Piloten in den Nintendo-Kriegen, aber

auch die zukünftigen Entdecker des Kosmos, die Physiker, Biologen und

Gentechniker, die neue Materialien gestalten und Maschinen von

atemberaubender Komplexität erfinden, bei denen jedes Millionstel

einer Sekunde das Ergebnis beeinflußt. Sie sind die Künstler und

rekordhungrigen Sportler von morgen; sie sind die Programmierer und

Designer der Zukunft. Sie werden Dienstleistungen in einem

Wirtschaftssystem bereitstellen, das durch seinen schnellen

Wandel--wegen der ständig wachsenden Nachfrage nach Ressourcen--nicht

mehr mit den trägen und wenig flexiblen Mitteln der Schriftkultur

betrieben wird.

Daten belegen, daß diese Individuen weniger am Leben in der

Gemeinschaft interessiert und weniger an ethische Grundsätze der

Vergangenheit gebunden sind. Moralische Absolutismen und Anteilnahme

spielen keine große Rolle in diesem Leben, das geprägt ist durch

praktische Erfahrungen, die zur Selbständigkeit, oft verwechselt mit

Unabhängigkeit, führen sollen. Angesichts all dieser Entwicklungen

drängt sich die Frage auf, welche Form die Beziehung zwischen

Gemeinschaft und hocheffizienten Individuen, die sich in der Regel in

Abkapselung von den anderen entfalten, annehmen wird. Welchen Status

wird die Gemeinschaft bekommen?

Heutzutage klagen viele Bürger und Organisationen über die geringe

Lebensqualität in den urbanen Zentren (in den USA und überall auf der

Welt), hohe Arbeitslosigkeit und ein Gefühl der Randexistenz.

Einwanderer in vielen verschiedenen Gastländern, Gastarbeiter in der

Europäischen Union, junge Menschen in Asien, Afrika und den

ehemaligen Ostblockstaaten, Minderheiten in den USA, Arbeitslose auf

der ganzen Welt--jede dieser Gruppen steht vor Problemen, die sich

aus ihrer Andersartigkeit ergeben. Einwanderer sind nicht immer

willkommen, und wenn sie aufgenommen werden, wird von ihnen erwartet,

daß sie sich anpassen. Gastarbeiter müssen Arbeiten verrichten, an

denen sich die Bürger des Gastlandes nicht die Finger schmutzig

machen möchten. Die junge Menschen sollen nach Möglichkeit in die

Fußstapfen ihrer Eltern treten. Die Empfänger von Sozialhilfe sollen

sich diese verdienen und jeden angebotenen Arbeitsplatz annehmen.

Schriftlichkeit impliziert Erwartungen von Homogenität. Einwanderer

mußten und müssen heute noch die Sprache des jeweiligen Gastlandes

erlernen, um ganz normale Bürger zu werden. Von Gastarbeitern,

definiert durch ihre Funktion auf dem Arbeitsmarkt, erwartet man eine

reibungslose Rückkehr in ihr Heimatland. Jugendliche wurden durch

ein einheitliches Bildungssystem geschleust, und Arbeitslose sollten

nach einer kurzen Phase der Umschulung von der Maschine

Volkswirtschaft wieder geschluckt werden.

Historisch hat sich das Phänomen Gemeinschaft folgendermaßen

entwickelt: Individuen nehmen "lockere" Beziehungen zum herrschenden

Adel auf. Im nächsten Schritt werden individuelle

Überlebensgemeinschaften gebildet. Es folgt die Übertragung

individueller Eigenschaften (Selbstbestimmung, Entscheidungsfreiheit)

auf die Gemeinschaft, und schließlich kommt es zur Aufgabenteilung,

zur Dezentralisation. Jeder Schritt ist durch das Ausmaß der

optimalen Leistung des Individuums definiert: von sehr hoher

individueller Leistungsfähigkeit als Voraussetzung für das Überleben

zu geteilten Verantwortungsbereichen bis hin zur Übertragung der

individuellen Verantwortung auf die Gesellschaft. Die liberale

Demokratie zelebriert das Paradoxon eines sozialisierten

Individualismus. In dieser Hinsicht beendet dies die Zeit

politischer Kämpfe (und auch der Geschichte, wie man uns weismachen

will), und läutet die Zeit des Wohlstands ein. Die kommerzielle

Demokratie ist weder das Ergebnis politischen Handelns, noch ist sie

Ausdruck einer Ideologie. Innerhalb ihres Bereiches sind die Grenzen

zwischen Individuum und einer aus dem Gleichgewicht gebrachten

Gemeinschaft ein ständiger Konfliktherd. Moralischer Individualismus

siegt oder verliert in einer Welt feindlicher menschlicher

Beziehungen. Da moralischer Individualismus den Liberalismus

sozusagen untermauert--"Sei dir selbst der Nächste"--ist die vom

Liberalismus angestrebte Freiheit eine Freiheit des Wettbewerbs um

den Zugang zum Wohlstand. Sozialisierter Individualismus akzeptiert

den Staat nur als Lieferanten von Rechten und Möglichkeiten (sofern

der Hegelsche Gedanke von der Priorität des Staates vor dem

Individuum de facto akzeptiert wird), nicht aber als moralische

Instanz.

Definitorisch für diese Prozesse ist der Übergang zu einer

Lebenspraxis, in der angesichts zahlreicher Koordinierungsmechanismen

individuelle Leistung marginal wird. Die relative Bedeutung von

Funktionsstörungen--Zusammenbrüche des Rechts- und Sozialsystems

etwa--als Momente der Selbsterkenntnis und des Neuanfangs, die durch

die Notwendigkeit einer Überholung veralteter Praktiken ausgelöst

werden, ist in jedem der erwähnten Stadien eine andere.

Gleiches gilt für die Chance des Wandels und der Erneuerung.

Kreativität ist in der heutigen Praxis weniger eine Angelegenheit des

einzelnen als das Ergebnis orchestrierter Bemühungen innerhalb eines

großen Interaktionsnetzes. Die zugrundeliegende Struktur einer

Kultur jenseits der Schriftkultur unterstützt eine Praxis, die durch

Heterogenität, verteilte Aufgaben und Vernetzung gekennzeichnet ist.

Die Selbstkonstituierung des Menschen erzeugt nicht mehr Uniformität,

sondern Mannigfaltigkeit. Dauerhaftigkeit, stabile Hierarchien und

Zentralismus sind irrelevant geworden. Wir stehen vor neuen

Problemen. Ihre schriftkulturelle Formulierung wäre irreführend; die

Herausforderung, die sie im neuen Kontext der Schriftlosigkeit

darstellen, ist von bislang unbekannter Größe. Deshalb müssen wir

uns damit befassen.

Jenseits der Schriftkultur — Band 5 · 第 34 / 61 题