Buch V.
Kapitel 1:
Die interaktive Zukunft: Der Einzelne, die Gemeinschaft und die
Gesellschaft im Zeitalter des Internets
Zusammenbruch und Katastrophe gegenüber Hoffnung und ungeahnten
Möglichkeiten--dies sind die extremen Positionen in der hitzigen
Debatte um die Dynamik des weltweit sich vollziehenden Umbruchs.
Paul Virilio spricht vom Ende der Schrift in einem Zeitalter des
Fernsehens und der Bildverarbeitung und sagt das Ende des Sprechens
voraus--das Schweigen der Lämmer. Ähnlich weitreichende, aber
optimistischere Äußerungen kommen von denjenigen, die in den von der
Schriftkultur losgelösten Interaktionen eine Chance für soziale
Erneuerung sehen. Das elektronische Forum der Europäischen
Kommission, das sich mit dem Projekt Informationsgesellschaft
beschäftigt, hat eine Liste mit Zehn Kernpunkten aufgestellt, von
denen einer die radikale Reformierung des Kommunikations- und
Bildungssystems fordert.
Beide Positionen sind auf ihre Weise intolerant.
Während in der öffentlichen Diskussion immer wieder neue, wichtige
Aspekte des für diese Zeit der Diskontinuitäten charakteristischen
Konflikts auftauchen, konstituieren sich Milliarden von Menschen auf
unserem Planeten durch eine breite Vielfalt praktischer Erfahrungen.
Wir haben sie in den vorausgegangenen Kapiteln eingehend behandelt.
Angesichts dieses breiten pragmatischen Spektrums ist es fast
unmöglich, die Zukunft der virtuellen Gemeinschaften oder der
elektronischen Demokratie auszumalen, ohne naiv oder nachgerade dumm
zu erscheinen. Wir wissen, wie weit wir gekommen sind, aber wir
wissen nicht genau, wo wir stehen.
Da ich eine umfassendere pragmatische Perspektive anstrebe, wähle ich
einen Ansatz, der über die aktuellen kurzatmigen Argumentationen
hinausgeht. Eine These dieses Buch besteht ja darin, daß sich
Lösungen nicht aus euphorischer Technologieverherrlichung, aus
kultureller Selbstreplikation, aus auf biologischen Mechanismen
beruhenden Modellen, aus unfokussierten bionomischen Überlegungen
oder starrsinniger Kapitalismuskritik ergeben werden. Positive
Lösungsansätze, die über die Rhetorik intellektueller Kontroversen
und politischer Diskussionen hinausgehen, müssen sich aus den
positiven Handlungen ergeben, die unsere Identität als Individuum,
Gemeinschaft und Gesellschaft formen. Die Metapher der interaktiven
Zukunft drückt eine einfache These aus: Innerhalb der globalen Skala
ist menschliche Interaktion, als konkreter Ausdruck der Einbindung
unendlich vielfältiger kognitiver Ressourcen, die letzte verfügbare
Ressource, von der die Zukunft unserer Gattung abhängen könnte.