Mihai Nadin

Buch V.

Kapitel 1:

Die interaktive Zukunft: Der Einzelne, die Gemeinschaft und die

Gesellschaft im Zeitalter des Internets

Zusammenbruch und Katastrophe gegenüber Hoffnung und ungeahnten

Möglichkeiten--dies sind die extremen Positionen in der hitzigen

Debatte um die Dynamik des weltweit sich vollziehenden Umbruchs.

Paul Virilio spricht vom Ende der Schrift in einem Zeitalter des

Fernsehens und der Bildverarbeitung und sagt das Ende des Sprechens

voraus--das Schweigen der Lämmer. Ähnlich weitreichende, aber

optimistischere Äußerungen kommen von denjenigen, die in den von der

Schriftkultur losgelösten Interaktionen eine Chance für soziale

Erneuerung sehen. Das elektronische Forum der Europäischen

Kommission, das sich mit dem Projekt Informationsgesellschaft

beschäftigt, hat eine Liste mit Zehn Kernpunkten aufgestellt, von

denen einer die radikale Reformierung des Kommunikations- und

Bildungssystems fordert.

Beide Positionen sind auf ihre Weise intolerant.

Während in der öffentlichen Diskussion immer wieder neue, wichtige

Aspekte des für diese Zeit der Diskontinuitäten charakteristischen

Konflikts auftauchen, konstituieren sich Milliarden von Menschen auf

unserem Planeten durch eine breite Vielfalt praktischer Erfahrungen.

Wir haben sie in den vorausgegangenen Kapiteln eingehend behandelt.

Angesichts dieses breiten pragmatischen Spektrums ist es fast

unmöglich, die Zukunft der virtuellen Gemeinschaften oder der

elektronischen Demokratie auszumalen, ohne naiv oder nachgerade dumm

zu erscheinen. Wir wissen, wie weit wir gekommen sind, aber wir

wissen nicht genau, wo wir stehen.

Da ich eine umfassendere pragmatische Perspektive anstrebe, wähle ich

einen Ansatz, der über die aktuellen kurzatmigen Argumentationen

hinausgeht. Eine These dieses Buch besteht ja darin, daß sich

Lösungen nicht aus euphorischer Technologieverherrlichung, aus

kultureller Selbstreplikation, aus auf biologischen Mechanismen

beruhenden Modellen, aus unfokussierten bionomischen Überlegungen

oder starrsinniger Kapitalismuskritik ergeben werden. Positive

Lösungsansätze, die über die Rhetorik intellektueller Kontroversen

und politischer Diskussionen hinausgehen, müssen sich aus den

positiven Handlungen ergeben, die unsere Identität als Individuum,

Gemeinschaft und Gesellschaft formen. Die Metapher der interaktiven

Zukunft drückt eine einfache These aus: Innerhalb der globalen Skala

ist menschliche Interaktion, als konkreter Ausdruck der Einbindung

unendlich vielfältiger kognitiver Ressourcen, die letzte verfügbare

Ressource, von der die Zukunft unserer Gattung abhängen könnte.

Jenseits der Schriftkultur — Band 5 · 第 33 / 61 题