Buntstiftzeichnung im Museum zu Basel.]

Am 3. Juli 1520 leistete Holbein der Stadt Basel den Bürgereid.

Wahrscheinlich um dieselbe Zeit vermählte er sich mit Frau Elsbeth,

einer Witwe. Erwerbung des Bürgerrechts und Verehelichung wurden

vermutlich von den Baseler Zunftordnungen ebenso ausdrücklich wie von

denjenigen anderer Städte von jedem verlangt, der sich als Meister

niederlassen wollte.

[Illustration: Abb. 22. +Madonna.+ Tuschzeichnung als Vorlage für

Glasmalerei, im Museum zu Basel.]

Wie der junge Meister aussah, mögen wir uns nach der schönen

Buntstiftzeichnung im Baseler Museum vorstellen, welche als sein

Selbstbildnis gilt (Abb. 21). Doch darf nicht verschwiegen werden, daß

die Berechtigung dieser Bezeichnung nicht ganz unzweifelhaft ist. Das

alte Amerbachsche Verzeichnis nennt dieses Bild eine „Conterfehung

Holbeins mit trocken farben,“ und aus diesen Worten ergibt sich

nicht ohne weiteres, daß es eine „Conterfehung“ seiner selbst sei.

Ähnlichkeit mit den vom Vater angefertigten Kinderbildnissen kann man

allerdings darin finden; aber die Ähnlichkeit zwischen einem Kind und

einem erwachsenen Mann ist immer nur eine unbestimmte und entfernte.

Mag nun das Bild den Meister selbst vorstellen oder eine andere

Persönlichkeit, jedenfalls ist sie ein hervorragendes Meisterwerk. Die

Ausführung ist eine ganz außerordentlich vollendete, völlig malerisch.

In die mit schwarzer Kreide gemachte Zeichnung sind die verschiedenen

Töne farbiger Stifte so dünn und sauber hineingewischt, daß der

Eindruck von Wasserfarbe dadurch erreicht wird. Nur im Gesicht sind

auch farbige Töne mit spitzigem Stift in Strichen gezeichnet. Dieses

sinnige Gesicht mit den klaren braunen Augen könnte wohl dasjenige

des die Außenwelt ruhig und sicher beobachtenden und im Innern regsam

schaffenden Malers sein. Auf dem kurzen dunkelbraunen Haar sitzt

ein breitrandiges rotes Barret. Die Farbe des mit schwarzem Sammet

besetzten Rockes ist ein helles bräunliches Grau. Auf dem am Hals zum

Vorschein kommenden Hemd sind die Lichter mit weißer Farbe aufgesetzt.

Für die Härte der Gesamtumrisse, welche die malerische Wirkung des

prächtigen Bildes einigermaßen beeinträchtigt, ist der Künstler nicht

verantwortlich; die Figur ist nachträglich am Kontur ausgeschnitten und

auf graues Papier geklebt worden.

[Illustration: Abb. 23. „+St. Anna selbdritt+“ (Mutter Anna mit

der Jungfrau Maria und dem Jesuskind). Getuschte Vorzeichnung für

Glasmalerei. Im Museum zu Basel.

(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach

i. E. und Paris.)]

Sieben Jahre lang von seiner Aufnahme in die Zunft an blieb Holbein

ohne längere Unterbrechung seines Aufenthaltes in Basel und entfaltete

die reichste Thätigkeit.

Den besten Überblick über sein vielseitiges Schaffen gewährt uns der

kostbare Schatz von Handzeichnungen, den das Baseler Museum besitzt

und der sein Vorhandensein zum allergrößten Teil der von Bonifacius

Amerbach angelegten und von dessen Sohn Basilius bedeutend vermehrten

Sammlung verdankt, welche die Stadt Basel im Jahre 1661 als „ein

sonderbares Kleinod“ angekauft hat.

Da finden wir neben den köstlichen Bildniszeichnungen, welche in

einer einzig dastehenden Weise mit den allereinfachsten Mitteln, mit

Umrißlinien und ein paar hineingewischten oder gestrichelten Tönen

eine sprechende Lebendigkeit und ganz malerische Wirkung erreichen,

und neben sonstigen Studien und in sich künstlerisch abgeschlossenen

Zeichnungen auch Entwürfe zu größeren Werken und Vorbilder für

verschiedene Zweige des Kunstgewerbes.

Unter den letzteren stehen der Zahl nach die sogenannten

„Scheibenrisse,“ d. h. Vorzeichnungen für Glasmalereien, an erster

Stelle.

[Illustration: Abb. 24. +Die heilige Barbara.+ Getuschte Vorzeichnung

für Glasmalerei.

Im Museum zu Basel.

(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach

i. E. und Paris.)]

[Illustration: Abb. 25. +Die heilige Katharina.+ Getuschte Vorzeichnung

für eine Fensterscheibe.

Im Museum zu Basel.

(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach

i. E. und Paris.)]

Die Glasmalerei hatte ihren Vorrang unter den verschiedenen Zweigen

der Malerkunst schon längst eingebüßt; in der Renaissancezeit trat

sie völlig in Abhängigkeit von der Tafelmalerei. Sie gab ihren

teppichartigen Charakter auf, und mit Hilfe neuerfundener Mittel wußte

sie es jener in plastischer Modellierung und perspektivischer Wirkung

gleich zu thun. Auch hörte sie auf, eine rein kirchliche Kunst zu

sein; sie schmückte in den sonst farblosen Fenstern der Bürgerhäuser

einzelne Scheiben mit Wappen und mit figürlichen Darstellungen. Hier

traten ihre Gebilde dem Beschauer in nächster Nähe vor Augen, und auf

engem Raum entfaltete sich ein reiches Bild von kleinem Maßstab in

einem auf das Unentbehrlichste eingeschränkten Gerüst von Verbleiungen;

die feinste, zierlichste Ausführung war daher unbedingt notwendig. Daß

bei so gänzlich veränderten Anforderungen die Glaser sich die Entwürfe

zu ihren Arbeiten gern von Malern anderen Faches machen ließen, war

natürlich.

[Illustration: Abb. 26. +Marienbild mit Stifter.+ Getuschte

Vorzeichnuug für eine Fensterscheibe. Im Museum zu Basel.

(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach

i. E. und Paris.)]

[Illustration: Abb. 27. +Der Erzengel Michael.+ Getuschte Vorzeichnung

zu einer Fensterscheibe. Im Museum zu Basel.

(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach

i. E. und Paris.)]

[Illustration: Abb. 28. +Christus vor Kaiphas.+ Aus der Folge von

Tuschzeichnungen aus der Leidensgeschichte Christi (Vorlagen für

Glasmalerei), im Museum zu Basel.]

Sowohl zu Glasfenstern mit religiösen Darstellungen als auch zu

solchen mit Wappenbildern hat Holbein Entwürfe angefertigt. Dieselben

sind sämtlich in der Ausführungsgröße mit dem Pinsel gezeichnet und

ausgetuscht, mit kräftiger Angabe der Licht- und Schattenwirkung.

So war dem Glaser die Zeichnung der Umrisse und alles, was er mit

Schwarzlot zu machen hatte, auf das genaueste gegeben, die Wahl der

Farben aber blieb seinem Geschmack überlassen; nur in einzelnen Fällen

hat Holbein es für angezeigt gehalten, seine Farbengedanken durch ein

paar leichte Tönungen anzudeuten. Das erste Erfordernis bei diesen

Arbeiten war die dekorative Wirkung, die wohlgeordnete Verteilung

der Formen über die Fläche, deren Ausschmückung ihr Zweck war. --

Die ältesten dieser Holbeinschen Vorzeichnungen für Glasmalerei sind

mehrere Heiligenbilder. In den Gestalten, welche wir auf diesen Bildern

sehen, fällt ein befremdlicher Schönheitsfehler, der sich in Holbeins

früheren Werken mehrfach bemerklich macht, in besonders unangenehmer

Weise auf. Die Figuren haben fast alle viel zu kurze Beine. Aber

man hat auch den Eindruck, als ob der Künstler beim Entwerfen

dieser Blätter den Figuren kaum so viel Interesse entgegengebracht

hätte, wie der Umgebung derselben, in der er mit unerschöpflicher

Einbildungskraft reiche, phantastische Renaissancearchitekturen

schuf. Bisweilen bilden diese Architekturen rahmenartige Einfassungen

um die freistehenden Figuren; bisweilen vertiefen sie sich in das

Bild hinein zu einem thorartigen Gehäuse; oder sie ziehen sich, wie

Teile eines großen Bauwerks gedacht, auch in den hinter den Figuren

befindlichen Raum, den sonst eine landschaftliche Fernsicht füllt,

hinein. Diese letzteren, reichsten Architekturen, die zum Entfalten

einer bunten Mannigfaltigkeit in der Anordnung spielend ersonnener

Bauformen Gelegenheit gaben, finden wir in einer Folge von acht

zusammengehörigen Scheibenbildern (daraus die Abbildungen 22 bis 25)

derartig angewendet, daß jedesmal zwei der Bilder als Gegenstücke --

also in den zwei Flügeln eines Fensters angebracht -- gedacht sind und

daß darum ihre Architekturen einander symmetrisch entsprechen, doch

ohne daß sie deswegen in ihren Einzelheiten genau übereinstimmten (Abb.

23 und 24). Wenn man aus dem stärkeren Hervortreten des erwähnten

Schönheitsfehlers der Figuren einen Schluß auf die Entstehungszeit

ziehen darf, so müssen diese acht Fensterbilder die ältesten von

allen sein. Bei einem einzelnen Marienbild gibt der Umstand, daß die

landschaftliche Fernsicht die Stadt Luzern zeigt, Grund zu der Annahme,

daß dasselbe während Holbeins Aufenthalt in jener Stadt entstanden sei.

Auf einem sehr schönen Scheibenbilde, das, den guten Verhältnissen der

Figuren nach zu urteilen, einer späteren Zeit angehört, steht Maria,

eine anmutige Gestalt, die mit lieblichstem Gesichtsausdruck das Kind

in ihren Armen betrachtet, vor einer von Pfeilern eingeschlossenen

Nische, deren schöne Architektur viel einfacher gehalten ist, als es

sonst dem Jugendgeschmack Holbeins entsprach; die Figur ist wie ein

plastisches Bildwerk gedacht: sie steht auf einem verzierten Sockel,

und die Strahlen, welche sie als ein der Kunst geläufiges Abzeichen der

unbefleckten Empfängnis vom Kopf bis zu den Füßen umgeben, erscheinen

wie aus Metall gebildet. Seitwärts kniet der Stifter des Bildes in

ritterlicher Tracht, mit dem Ausdruck heißen Flehens im Gesicht und den

geöffneten Händen (Abb. 26). Im Gegensatz zu dieser verhältnismäßig

ruhigen Architektur, die mit ihren wohl abgewogenen Massen die Figur

in der Mitte so schön hervorhebt, finden wir die ausschweifendste

architektonische Phantastik in einem Blatt, welches Christus am Kreuz

zwischen Maria und Johannes darstellt. Die Bauformen das umrahmenden

Gehäuses lösen sich hier ganz in Ornamente auf, und der üppige Schwung

der Holbeinschen Renaissanceornamentik wirkt auf die Linienzüge und

selbst den Gesichtsausdruck der Figuren zurück. In einer reichen

Komposition, welche die Krönung der Jungfrau Maria als Himmelskönigin

darstellt, hat Holbein die Rahmenarchitektur ganz weggelassen und seine

Lust am Schaffen baukünstlerischer Gebilde nur an dem in den Wolken

stehenden Prachtgestühl bestätigt, auf dem die Gestalten von Gott Vater

und Gott Sohn sitzen. Gleichfalls ohne Einrahmung ist ein vorzüglich

schönes Bild des Erzengels Michael, der, wie ein Schnitzbild gedacht,

auf einer Art von Konsole steht; der Engel hält die Wage des Gerichts

und wägt die Sündenlast, die durch eine Teufelsfigur angedeutet wird,

gegen die durch das Christuskind verbildlichte Kraft der Erlösung ab

(Abb. 27). -- Eine vereinzelte Stellung hinsichtlich des Gegenstandes

nimmt unter den Glasbilderentwürfen ein treffliches Blatt ein, das

innerhalb einer rahmenartigen Einfassung den verlorenen Sohn als

Schweinehirten zeigt. In einer von Bergen begrenzten Landschaft drängt

sich die Schweineherde um einen Eichbaum, und ihr Hüter schreitet, wie

von innerer Unruhe getrieben, schnell vorwärts, mit dem scheuen Blick

eines verkommenen Menschen, in dessen Zügen sich aber ein solches

Unglücklichkeitsgefühl eingegraben hat, daß sein Anblick mehr Mitleid

als Abscheu erweckt.

[Illustration: Abb. 29. +Die Geißelung.+ Aus der Folge von

Tuschzeichnungen aus der Leidensgeschichte Christi (Vorlagen für

Glasgemälde) im Museum zu Basel.

(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach

i. E. und Paris.)]

[Illustration: Abb. 30. +Die Verspottung Christi.+ Aus der Folge von

Tuschzeichnungen aus der Passion (Vorlagen für Glasbilder), im Museum

zu Basel.]

[Illustration: Abb. 31. +Die Händewaschung des Pilatus.+ Aus der Folge

von Tuschzeichnungen aus der Leidensgeschichte Christi (Vorlagen für

Glasmalerei), im Museum zu Basel.]

[Illustration: Abb. 32. +Die Kreuztragung.+ Aus der Folge von

Tuschzeichnungen aus der Leidensgeschichte Christi (Vorlagen für

Glasmalerei), im Museum zu Basel.

(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach

i. E. und Paris.)]

[Illustration: Abb. 33. +Die Kreuzigung.+ Aus der Folge von

Tuschzeichnungen aus der Leidensgeschichte Christi (Vorlagen für

Glasmalerei), im Museum zu Basel.

(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach

i. E. und Paris.)]

[Illustration: Abb. 34. +Das Wappen der Familie Holdermeier+, Vorlage

für eine Fensterscheibe. Tuschzeichnung aus dem Jahre 1518. Im Museum

zu Basel.

(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach

i. E. und Paris.)]

[Illustration: Abb. 35. +Entwurf zu einem Wappenfenster.+

Tuschzeichnung im Museum zu Basel.]

Das inhaltlich Bedeutendste von allem, was sich an Vorlagen Holbeins

für Glasmalerei erhalten hat, ist eine Folge von zehn Darstellungen

aus der Leidensgeschichte Christi. Auch hier hat der Künstler seiner

Freude am Ersinnen reicher, kräftig gestalteter Bau- und Ziergebilde

im „antikischen“ Geschmack freien Lauf gelassen. Aber das Hauptgewicht

hat er doch auf die figürlichen Darstellungen gelegt, die sich im

Einschluß dieser Rahmen als vollendete Meisterwerke der Raumausfüllung

ausbreiten. Finden wir in diesen Kompositionen auch nicht die

unerreichbare Tiefe der Empfindung und die ergreifende Poesie Dürers,

so kommen sie dafür durch die ungemein anschauliche und naturgemäße

Schilderung der mehr vom menschlichen als vom religiösen Standpunkt

aus aufgefaßten Vorgänge und durch die schlichte natürliche

Schönheit der Formen, die alle Härten vermeidet, dem Verständnis und

dem Gefühl des modernen Beschauers um so unmittelbarer entgegen. Auch

der nebensächliche Umstand spricht dabei mit, daß sich nirgendwo das

zeitgenössische Kostüm hervordrängt, daß namentlich die Kriegerfiguren

großenteils in die antik-römische Tracht nach Mantegnas Vorbild

gekleidet sind. Freilich läßt sich nicht leugnen, daß mit diesem

Streben nach geschichtlicher Treue auch in den Äußerlichkeiten, mit

diesem Entrücken der Vorgänge in eine entlegene zeitliche Ferne,

der großen Menge der zeitgenössischen Beschauer gegenüber eine

Einbuße in Bezug auf die innerliche Wirkung verbunden sein mußte im

Vergleich mit dem Eindruck, den die Werke der älteren Meister dadurch

machten, daß in ihnen die Begebenheiten aus dem Leben des Heilandes

als für alle Zeiten geschehene Gottesthaten in die eigene Gegenwart

verlegt erschienen. -- Die Folge beginnt mit der Vorführung Christi

vor Kaiphas. Man sieht den Thron des Hohenpriesters, der in einer

schmuckreichen Halle aufgebaut ist, von der Seite. Ihm gegenüber

steht der gefesselte Heiland und wendet den Kopf mit einem wunderbar

ausdrucksvollen Blick der Frage und der Unschuld zu dem Kriegsknecht,

der ihn mit der Faust geschlagen hat (Abb. 28). Auch die Geißelung

ist in einen prunkhaften Raum verlegt, und die Erfindungslust des

Künstlers hat selbst die Martersäule mit Schmuckformen versehen.

Christus lehnt, mit den Armen angebunden, kraftlos, mit niedersinkendem

Haupt an der Säule, den Schlägen von drei Schergen preisgegeben und

von einer obrigkeitlichen Person beobachtet. Bei den Figuren der

Schergen fällt es auf, daß sie nicht ganz jene Fülle von Lebendigkeit

besitzen, welche Holbein sonst bewegten Gestalten zu geben vermochte

(Abb. 29). Um so lebendiger und eindrucksvoller ist die Schilderung der

Verspottung Christi, deren Schauplatz eine ausnahmsweise in gotischen

Formen komponierte Halle ist (Abb. 30). Das folgende Bild stellt die

Dornenkrönung dar. Man sieht den auf einem Stuhl sitzenden Heiland von

der Seite. Einer der Soldaten kniet spöttisch vor ihm nieder, während

er ihm das Schilfrohr als Scepter reicht; zwei andere drücken ihm

mit einem Stab die Krone auf den Kopf, und ein dritter schlägt mit

dem Stock darauf. Hinter dem Sitz steht Pilatus mit dem Richterstab

in der Hand als Zuschauer. Bei diesem Blatt ist die Einfassung, die

aus einem oben durch Ornamente verbundenen Pfeilerpaar besteht, nicht

mit der Raumarchitektur des Bildes im Zusammenhang gedacht, sondern

umgibt das Ganze als ein besonderer Rahmen. Auch bei allen folgenden

Blättern sind die Einrahmungen nur ein äußerer, mit dem Bilde nicht in

inneren Zusammenhang gebrachter Abschluß. Durch den Umstand, daß die

Darstellungen sich im Freien bewegen, war hier eine solche Anordnung

geboten; diese Einschränkung der architektonischen Zuthaten aber hat

Holbein nicht gehindert, in denselben auch hier den Reichtum seiner

Erfindungskraft in bunter Mannigfaltigkeit spielen zu lassen. In dem

auf die Dornenkrönung folgenden Bilde öffnet sich uns ein Stadtbild.

Wir blicken auf den freien Platz vor dem Gerichtsgebäude. Lärmendes

Volk, das der Künstler mit großem Geschick so anzugeben gewußt hat,

daß er durch wenige Figuren den Eindruck einer großen Menge erzielt,

erfüllt den Platz. Sein Geschrei ist die Antwort auf die von lebhaftem

Mienen- und Gebärdenspiel begleiteten mitleidig geringschätzigen

Worte, mit denen Pilatus den mit gesenkten Blicken neben ihm stehenden

Dulder dem Volke vorstellt. Auf dem nächsten Bilde sehen wir in einem

geräumigen Innenhof den von einem Baldachin überdachten Thron des

Landpflegers errichtet. Mit einer sehr ausdrucksvollen Entschiedenheit

führt Pilatus die sinnbildliche Handlung der Handwaschung aus, während

er, noch ein lautes Wort sprechend, dem Zuge nachsieht, der den

preisgegebenen Christus hinausführt. Christus schreitet im Vordergrunde

zwischen einer Schar von Kriegsknechten und sein Blick trifft mit einer

stummen Frage einen Geharnischten, dessen Eisenfaust seinen Arm umfaßt

hat (Abb. 31). Es folgt die Kreuztragung. Eine gedrängte Menschenmenge

durchschreitet das Stadtthor, das einen kleinen Durchblick in die

Straße gewährt, während man von außen ein Stück der turmbewehrten

Stadtmauer sieht. Vorn im Zuge schreiten, mit Stricken gebunden, die

beiden Schächer. Dem ihnen folgenden Christus brechen eben unter

der Last des Kreuzes die Kniee. Ein neben ihm schreitender Führer

der Kriegsleute faßt ihn scheltend und drohend an der Schulter, die

Knechte stoßen und schlagen auf ihn ein. Über die Köpfe der Figuren

ragen Waffen und Geräte, und der Eindruck der Vielheit der Menge wird

hierdurch wirksam gesteigert (Abb. 32). Das nächste Bild schildert

in lebendiger und eindrucksvoller Komposition die Vorbereitungen zur

Kreuzigung. Christus kniet auf dem am Boden liegenden Kreuz. Zwei

Schergen entkleiden ihn, indem sie ihm mit wüster Gewalt die Tunika

über den Kopf ziehen. Vorn ist ein Mann damit beschäftigt, die Löcher

für die Nägel in die Kreuzbalken zu bohren. Ein anderer hackt die

Grube zum Einpflanzen des Kreuzes aus. Im Hintergrunde sieht man viel

Volk, darunter einen der Schächer, der bereits entkleidet ist. -- Der

Darstellung der Entkleidung folgt diejenige der Annagelung an das

Kreuz. Auch dieser Vorgang ist mit großer Lebendigkeit geschildert. Die

geschäftsmäßige Roheit der Henker wird derb, aber ohne Übertreibung

zur Anschauung gebracht. Kalt und gelassen schauen eine Gerichtsperson

in Pelz und Mütze und ein auf einem Maultier reitender höherer

Beamter in morgenländischer Kleidung zu. Im Mittelgrund sieht man

die um den Rock Christi würfelnden Soldaten und weiter zurück eine

große Menschenmenge. -- Auf dem letzten Bilde sehen wir die drei

Kreuze aufgerichtet. Christus wendet den Kopf seitwärts nach seiner

Mutter herab, die, von Johannes aufrecht gehalten, dicht an den Stamm

herangetreten ist und nicht aufzublicken vermag. Ein Mann, der den

Aufschriftzettel angeheftet hat, steigt im Rücken des Kreuzes die

Leiter hinab. Man sieht den an eine Stange gesteckten Essigschwamm.

Vor den Kriegsknechten steht, dem gekreuzigten Heiland gerade

gegenüber, der römische Hauptmann und hebt, zu ihm aufschauend, die

Hand zur Beteuerung seines Glaubens empor. Was dieses Blatt besonders

bewunderungswürdig macht, ist die schlichte Einfachheit der Stellungen

und Bewegungen; wo es galt, lebendige Thätigkeit zu veranschaulichen,

wußte der Künstler die höchste Lebendigkeit zu entfalten, hier, wo

keine Handlung mehr vor sich geht, hat er jede gesuchte Lebendigkeit zu

vermeiden gewußt (Abb. 33).

[Illustration: Abb. 36. +Entwurf zu einer gemalten Fensterscheibe.+

Tuschzeichnung mit Farbenangabe.

Holbein der jüngere · 第 22 / 39 题