Im Museum zu Basel.]

Wie eingehend Holbein die Natur auch in Kleinigkeiten studierte,

davon legen ein paar niedliche Blättchen unter den Handzeichnungen

des Baseler Museums Zeugnis ab. Auf dem einen sehen wir ein Lamm und

den Kopf eines Lammes, mit entzückender Feinheit gezeichnet und mit

ganz leichter Anwendung von Wasserfarben zu völlig malerischer Wirkung

gebracht (Abb. 17). Auf dem anderen ist mit der nämlichen Sorgfalt

eine ausgespannte Fledermaus gezeichnet; die durch die Flughäute

durchschimmernden Adern sind mit roter Wasserfarbe nachgezogen, und

hierdurch und durch leichtes Anlegen einiger anderen Stellen mit dem

rötlichen Ton ist in überraschender Weise ein farbiger und malerischer

Eindruck erzielt (Abb. 18).

Im Jahre 1517 begab sich Holbein nach Luzern. Hier harrte seiner eine

umfangreiche Aufgabe der Wandmalerei.

Während im übrigen Deutschland damals den Malern wenig Gelegenheit

geboten wurde, ihre Kunst auf diesem besonderen Gebiet zu erweisen,

dem die gleichzeitigen Italiener die Freiheit und Größe ihres Stils in

erster Linie verdankten, hatte in den deutschen Städten in der Nähe des

Alpenrandes -- zuerst vielleicht in Augsburg, das ja vornehmlich den

Verkehr mit Italien vermittelte, -- die oberitalienische Sitte Aufnahme

gefunden, die Außenseite der Häuser mit Gemälden zu schmücken, anstatt

in der Anbringung gotischer Zierformen das Mittel zur Belebung der

Flächen zu suchen; die Mauern blieben zur Aufnahme solchen Schmuckes

ganz schlicht, und die Fenster erhielten schon früh eine einfach

viereckige Gestalt. Die Ausmalung der Innenräume der Bürgerhäuser mit

figürlichen Darstellungen war in diesen Gegenden bereits vor mehr als

einem Jahrhundert beliebt.

[Illustration: Abb. 17. +Naturstudie.+ Aquarellierte

Silberstiftzeichnung.

Im Museum zu Basel.

(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach

i. E. und Paris.)]

So hatte auch Holbein in Luzern das Haus des Schultheißen Jakob von

Hertenstein von innen und von außen mit Malereien zu schmücken. Im

Innern kamen in einem Gemache religiöse, in anderen Räumen genrehafte

Gegenstände zur Darstellung, dazu das Märchen vom Jungbrunnen, dessen

Wasser Alten und Gebrechlichen Jugendkraft und Jugendschönheit

wiedergibt. Außen wurden Historienbilder angebracht; der Stoff zu

diesen wurde jetzt, in einer Zeit, wo alles sich dem Studium des

klassischen Altertums zuwandte, nicht mehr aus den mittelalterlichen

Dichtungen, sondern aus der -- freilich mit späteren Sagen

untermischten -- Geschichte der Römer und Griechen geschöpft.

[Illustration: Abb. 18. +Naturstudie.+ Zeichnung in Silberstift und

Wasserfarben. Im Museum zu Basel.

(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach

i. E. und Paris.)]

[Illustration: Abb. 19. +Das letzte Abendmahl.+ Ölgemälde im Museum zu

Basel.

(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach

i. E. und Paris.)]

Das Hertensteinische Haus stand mit großenteils wohlerhaltenem

Gemäldeschmuck bis zum Jahre 1824; dann mußte es abgetragen werden, und

nur sehr ungenügende Kopien bewahren uns -- abgesehen von einigen kaum

nennenswerten Resten und von einer kleinen getuschten Skizze zu einem

der Bilder -- das Andenken an Holbeins erste monumentale Schöpfung.

Immerhin können wir uns nach den Kopien eine Vorstellung von den

Außenmalereien des Hauses machen: wenn auch nicht von der Schönheit

des Einzelnen, so doch von dem Geschmack der Gesamtanordnung. Das

Erdgeschoß war ungeschmückt gelassen. Im Hauptgeschoß, wo zahlreiche

und dicht beisammen stehende Fenster wenig Raum ließen, beschränkte

sich die Malerei auf drei einzelne weibliche Gestalten, je eine an

den Ecken und eine auf dem breiten Fensterzwischenraum in der Mitte.

Darüber sah man links Figurenornamente, welche sich den unregelmäßigen

Fensterbekrönungen anpaßten, und rechts, wo die Fenster in gerader

Reihe standen, einen Fries von kämpfenden Kindern. Zwischen diesen

grau in grau gemalten Darstellungen befand sich in der Mitte ein

größeres farbiges Bild, das mit seinem oberen Teil in den zweiten

Stock hineinreichte. Dieses Bild löste die Mauerfläche derartig auf,

daß es aussah, als ob ein halbrunder Erker aus der Wand herausträte,

durch dessen weite Säulenstellung man in einen inneren Raum blickte; in

diesen inneren Raum war die Verbildlichung eines Vorganges verlegt, zu

dem die Sage von den drei Prinzen, die vor der Leiche des alten Königs

beweisen sollen, wer von ihnen dessen rechter Sohn sei, den Stoff gab.

Rechts und links waren zwischen den Fenstern des zweiten Stockwerks

Ehewappen, von bekränzten Bogen umrahmt, angebracht. In dem Raum

zwischen den Fenstern des zweiten und denen des dritten Stocks war ein

Triumphzug zu sehen, durch Pilaster in einzelne Gruppen abgeteilt und

auf eine Bodenlinie gestellt, welche die Ungleichheit der Fensterhöhen

unberücksichtigt ließ. Diese Gruppen hatte Holbein den Kupferstichen

des Andrea Mantegna „der Triumphzug Cäsars“ entnommen; seinem Vorbilde

getreu hatte er hier antike Trachten zur Anschauung gebracht, während

er auf den übrigen Geschichtsbildern der Fassade die Figuren noch

in das Kostüm seiner Zeit kleidete. Die Bilder zwischen den bis zum

Dachgesims reichenden Fenstern des dritten Stocks zeigten Beispiele

antiker Sinnesgröße: da sah man die Zurückweisung des verräterischen

Schulmeisters von Falerii, die Athenerin Leäna, die sich die Zunge

abgebissen hat, um vor Gericht nicht gegen ihren Geliebten aussagen zu

können, Mucius Scävola vor Porsenna, den Selbstmord der Lucretia und

den Opfertod des Marcus Curtius. In dem letztgenannten Bilde war der

römische Ritter so dargestellt, als ob er sein Roß antriebe, um auf

die Straße herabzuspringen. Die Standhaftigkeit der Leäna ist dasjenige

von den Bildern, von welchem sich eine Originalskizze erhalten hat; in

dieser im Baseler Museum befindlichen Zeichnung sehen wir den schwer

zu verbildlichenden Gegenstand mit wenigen Figuren so deutlich, wie es

eben möglich war, erzählt und die unregelmäßige Bildfläche durch die

Architektur des Gerichtssaales geschickt ausgefüllt.

[Illustration: Abb. 20. +Bonifacius Amerbach.+ Ölgemälde im Museum zu

Basel.

Aufschrift:

„Bin ich auch nur ein gemaltes Gesicht, nicht weich’ ich dem Leben,

Gleiche in jeglichem Strich meinem Besitzer genau.

Wie ihn, da er achtmal drei Lebensjahre vollendet,

Hat gebildet Natur, sag’ ich durch bildende Kunst.

Den Bonifacius Amorbacchius malte Johannes Holbein im Jahre 1519 am

Tag vor den Iden des Oktober.“

(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach

i. E. und Paris.)]

Möglicherweise machte Holbein von Luzern aus einen Ausflug über die

italienische Grenze. Zwar wird in einer alten Lebensbeschreibung

ausdrücklich von ihm gesagt, er sei niemals in Italien gewesen. Aber

das schließt nicht aus, daß er das der Schweiz so nahe gelegene Mailand

besucht habe. Was dafür spricht, ist der Umstand, daß Holbein eine

Darstellung des letzten Abendmahls gemalt hat, die ganz unverkennbare

große Ähnlichkeiten mit dem berühmten Freskogemälde des Leonardo da

Vinci in S. Maria delle Grazie zu Mailand zeigt. Das Bild, dem die

Seitenteile fehlen, befindet sich im Baseler Museum. Es war schon

zu Amerbachs Zeit beschädigt und schlecht ausgebessert, ist später

nochmals ausgebessert und dabei hart und bunt übermalt worden, so

daß man von der ursprünglichen Farbenstimmung keine Vorstellung mehr

bekommt. Was man noch würdigen kann, ist der stark betonte sprechende

Ausdruck der Köpfe. Die Anordnung, die Figur des Heilandes und die

ganze durch die Versammlung gehende Bewegung erinnern so stark an

Leonardos Meisterwerk, daß man unbedingt annehmen muß, daß Holbein

dieses gesehen habe (Abb. 19).

Nach Basel zurückgekehrt, wurde Holbein am 25. September 1519 in die

dortige Malerzunft aufgenommen.

Wenige Wochen später vollendete er ein Meisterwerk der Bildniskunst in

dem Brustbild des Bonifacius Amerbach. Der gelehrte und kunstsinnige,

dabei durch große persönliche Liebenswürdigkeit ausgezeichnete Herr,

der später alles sammelte, was er von Arbeiten Holbeins auftreiben

konnte, und dessen Bildnis mit dieser ganzen Sammlung in das Baseler

Museum gelangt ist, zeigt sich uns hier in einer so sprechenden

Lebensfülle der Erscheinung, daß wir die Berechtigung der von ihm

für das Bild gedichteten Verse, in denen er die Vollkommenheit

der Ähnlichkeit preist, ohne den leisesten Zweifel anerkennen.

Ausgezeichnet ist die Farbenstimmung des Gemäldes. Der schöne Kopf,

warm von Hautfarbe und mit rötlichbraunem Bart und Haar, hebt sich im

Rahmen einer mit schwarzem Pelz besetzten schwarzen Kleidung, die ein

Unterwams von hellblauem Damast und den weißleinenen Hemdkragen sehen

läßt, von einer tiefblauen Luft ab. Das Blau der Luft wird leicht

belebt durch einen Fernblick auf beschneites Hochgebirge und kräftig

begrenzt und durchschnitten durch die warmen braunen und grünen Töne

von Stamm und Zweigen eines Feigenbaumes. An dem Baumstamm hängt in

hölzernem Rahmen die pergamentene Tafel mit der Inschrift, die außer

jenen Versen den Namen des Malers und des Abgemalten und das Datum (14.

Oktober 1519) trägt (Abb. 20).

[Illustration: Abb. 21. +Mutmaßliches Selbstbildnis Holbeins.+

Holbein der jüngere · 第 21 / 39 题