Ich richte mich ein, so gut es geht, am Abhang des Berges, während oben
schon um den Gipfel gekämpft wird. An einer Hauptstraße, nahe der Front,
liegt eine preußische Sanitätskompagnie; die fängt fast alle Verwundeten
ein und leitet sie weiter. So hab ich ziemlich freie Zeit, bleibe viel
für mich, schreibe Briefe und lese zuweilen in Glavinas Blättern. Die
Schrift ist undeutlich, zum Teil durch Nässe verwischt; so viel hab ich
aber herausgebracht, daß es sich zwar nur um einzelne Sätze handelt, daß
aber sichtlich ein Ganzes, vielleicht ein Gedicht, geplant war. Wären es
bloß feine, kluge, wohlgesetzte Worte, so wollte ich mir nicht viel Mühe
geben; aber oft klingt es wie Rufe eines Wahnsinnigen und umschwebt wie
Bienen das Herz, man möchte sich davon entfernen und muß doch immer
wieder hinhorchen.
Durch die Fenster des Verbandplatzes überblickt man das ausgeweitete,
reif- und schneeglänzende Tal, über das die Siedelungen verstreut sind
wie Raupen über ein Kohlblatt. Auch das blaue Haus, in dem die
Leinwandschätze ruhen, ist sichtbar. Es hat sich gefügt, daß unsere
Telephonisten dort einquartiert wurden, gute, besinnliche Leute, die
noch den Hausgeist ehren. Abends gehe ich hinunter, frage nach der
eingelaufenen Post, überzeuge mich, daß alles unverändert ist, und kehre
zur Höhe zurück. Wie gut weiß ich, daß es im gemeinen Sinne gar nichts
bedeutet, ob unter tausend geschädigten Wohnungen eine einzelne
unversehrt bleibt! Aber solcher halberträumter Schutzstätten bedarf der
Geist; sie sind ihm Horst und Beute zugleich, darum bewacht er sie. Weiß
er denn selbst, für wen er wacht? Vielleicht für einen, der schon in der
Wiege liegt, einen, der alle schrecklichen Schreie der Wut und der
Schmerzen umstimmen wird in Lieder und Hymnen ... Es ist ein kalter Tag.
Die Sonne glänzt weiß und klein über uns, die Luft ist blinkend von
schwebenden Kristallen, an den Bäumen haftet Reif wie Stahlsplitter an
Magneten.