»Laßt uns den Hügel bauen am Berge Kishavas, ein Mal den Getöteten auf
der bereiften Felsen- und Wacholderflur!«
Gleich nach dem Aufstehen wollte ich Glavinas Aufzeichnungen entziffern;
aber da trafen unvermutet ganze Züge Verwundeter ein, deutsche und
russische. Die Russen sollten über den Mihályszállás geworfen werden;
aber die 6. Kompagnie verirrte sich im Nebel und kam um eine Stunde zu
spät, so daß der Angriff nur zur Hälfte gelang und der Gipfel dem Gegner
verblieb. Die Russen sind durchwegs junge, kräftige Gestalten, blond,
blauäugig, seltsam kindhaft in ihrem Gebaren. Zutraulich reden sie ohne
Pausen auf uns ein, als wären wir längst Bekannte; sie scheinen
vorauszusetzen, daß wir sie verstehen. Laut weinend zeigen sie einander
ihre Wunden, und während die Unsrigen ihre Schmerzen stumm verbeißen,
schreien sie die ihrigen geradehinaus. Übrigens sind wenig
Schwerverwundete darunter. Den Verkehr mit dem Feldlazarett vermitteln
heute große Leiterwagen; es geht rasch und sicher, schon leert sich der
Verbandraum. Der Angriff wird übermorgen wiederholt. Man baut immer mehr
Geschütze ein.
Es war nach drei Uhr, da brachte der Unteroffizier Dehm den
Infanteristen Kristl; er soll im Gefecht ungemeinen Mut bewiesen,
hernach aber plötzlich den Verstand verloren haben. Einige glaubten, er
verstelle sich nur, um endlich dem Kriegsdienst zu entkommen; aber man
braucht nicht Arzt zu sein, um hier die Echtheit der Verstörung zu
erkennen. Unendliche Angst verzerrt das eckige, bleiche Gesicht; bald
sucht er dem Unteroffizier zu entkommen, bald klammert er sich an seinen
Arm. Bei meinem Anruf nimmt er, schläfrig lächelnd, Haltung an, wird
aber gleich wieder äußerst erregt; plötzlich fällt er auf die Knie und
bittet mit gefalteten Händen, ich möge ihn doch nicht den Russen
ausliefern, er sei schon unglücklich genug. Dabei reißt er sich
Waffenrock und Hemd auf, zieht den Brustbeutel heraus und entnimmt ihm
drei Goldstücke, die will er mir schenken, wenn ich ihn nicht zum Feind
hinüberjage. Ja, traurig, traurig sei er zugerichtet, einer habe ihn in
die linke Seite gestochen, es blute noch immer. Er reißt das Hemd noch
weiter auf und deutet auf eine vermeintliche Wunde. Sein Vater besitze
übrigens noch viele Goldstücke, daheim unter dem Hollerbaum seien sie
vergraben, er selber habe dabei mitgeholfen, leider, das sei schlecht
von ihm gewesen, hätte er die Finger davongelassen und das Gold in die
Reichsbank getragen, so wäre alles anders gekommen, und wir hätten einen
noblen Frieden. Unverwandt hält er die drei Zwanzigmarkstücke auf
hingestreckter Hand in die Sonne, damit ich sehe, wie sie funkeln.
Plötzlich erheitert er sich, zieht seine Uhr, steckt sie, ohne sie
angesehen zu haben, samt den Goldstücken wieder ein, sagt, es sei
höchste Zeit, er müsse Posten stehen, will auf und davon und beginnt zu
toben, da man ihn zurückhalten will.
Der Zustand des Menschen bringt Verlegenheit. Weder ein Wagen ist mehr
verfügbar noch eine Begleitung; auch möchte man den Fall nicht gerade
der nächsten besten Hand überantworten. Meine Sachen durchkramend, fand
ich schließlich ein paar Ampullen mit gelöstem Scopolamin. Kristl wehrte
sich kaum gegen die Einspritzung. Die sonst so wenig haltbare
Zusammensetzung wirkte sofort; vor zwölf Stunden wird er nicht
aufwachen. Vielleicht ist es genug, um die Enden des zerrissenen Geistes
wieder aneinander zu heilen.
Vor dem Essen ging ich, da nur noch Leichtverwundete gekommen
sind, zum Ufer. Das Eis ist hier vielfach zu klaren Figuren
durcheinandergeschossen; weiße Nadeln, Blätter, Hellebarden, winzige
gotische Gestaltungen, oft nur begonnen, manchmal fein ausgeführt,
stecken überall zwischen den Steinen. Zuhöchst am reinen Himmel sprießen
Rispen, an denen blumenrötliches Gefieder wächst, und man merkt es
diesen Wölkchen an, daß auch sie aus Eiskristallen bestehen.