4. Dezember

»Laßt uns den Hügel bauen am Berge Kishavas, ein Mal den Getöteten auf

der bereiften Felsen- und Wacholderflur!«

Gleich nach dem Aufstehen wollte ich Glavinas Aufzeichnungen entziffern;

aber da trafen unvermutet ganze Züge Verwundeter ein, deutsche und

russische. Die Russen sollten über den Mihályszállás geworfen werden;

aber die 6. Kompagnie verirrte sich im Nebel und kam um eine Stunde zu

spät, so daß der Angriff nur zur Hälfte gelang und der Gipfel dem Gegner

verblieb. Die Russen sind durchwegs junge, kräftige Gestalten, blond,

blauäugig, seltsam kindhaft in ihrem Gebaren. Zutraulich reden sie ohne

Pausen auf uns ein, als wären wir längst Bekannte; sie scheinen

vorauszusetzen, daß wir sie verstehen. Laut weinend zeigen sie einander

ihre Wunden, und während die Unsrigen ihre Schmerzen stumm verbeißen,

schreien sie die ihrigen geradehinaus. Übrigens sind wenig

Schwerverwundete darunter. Den Verkehr mit dem Feldlazarett vermitteln

heute große Leiterwagen; es geht rasch und sicher, schon leert sich der

Verbandraum. Der Angriff wird übermorgen wiederholt. Man baut immer mehr

Geschütze ein.

Es war nach drei Uhr, da brachte der Unteroffizier Dehm den

Infanteristen Kristl; er soll im Gefecht ungemeinen Mut bewiesen,

hernach aber plötzlich den Verstand verloren haben. Einige glaubten, er

verstelle sich nur, um endlich dem Kriegsdienst zu entkommen; aber man

braucht nicht Arzt zu sein, um hier die Echtheit der Verstörung zu

erkennen. Unendliche Angst verzerrt das eckige, bleiche Gesicht; bald

sucht er dem Unteroffizier zu entkommen, bald klammert er sich an seinen

Arm. Bei meinem Anruf nimmt er, schläfrig lächelnd, Haltung an, wird

aber gleich wieder äußerst erregt; plötzlich fällt er auf die Knie und

bittet mit gefalteten Händen, ich möge ihn doch nicht den Russen

ausliefern, er sei schon unglücklich genug. Dabei reißt er sich

Waffenrock und Hemd auf, zieht den Brustbeutel heraus und entnimmt ihm

drei Goldstücke, die will er mir schenken, wenn ich ihn nicht zum Feind

hinüberjage. Ja, traurig, traurig sei er zugerichtet, einer habe ihn in

die linke Seite gestochen, es blute noch immer. Er reißt das Hemd noch

weiter auf und deutet auf eine vermeintliche Wunde. Sein Vater besitze

übrigens noch viele Goldstücke, daheim unter dem Hollerbaum seien sie

vergraben, er selber habe dabei mitgeholfen, leider, das sei schlecht

von ihm gewesen, hätte er die Finger davongelassen und das Gold in die

Reichsbank getragen, so wäre alles anders gekommen, und wir hätten einen

noblen Frieden. Unverwandt hält er die drei Zwanzigmarkstücke auf

hingestreckter Hand in die Sonne, damit ich sehe, wie sie funkeln.

Plötzlich erheitert er sich, zieht seine Uhr, steckt sie, ohne sie

angesehen zu haben, samt den Goldstücken wieder ein, sagt, es sei

höchste Zeit, er müsse Posten stehen, will auf und davon und beginnt zu

toben, da man ihn zurückhalten will.

Der Zustand des Menschen bringt Verlegenheit. Weder ein Wagen ist mehr

verfügbar noch eine Begleitung; auch möchte man den Fall nicht gerade

der nächsten besten Hand überantworten. Meine Sachen durchkramend, fand

ich schließlich ein paar Ampullen mit gelöstem Scopolamin. Kristl wehrte

sich kaum gegen die Einspritzung. Die sonst so wenig haltbare

Zusammensetzung wirkte sofort; vor zwölf Stunden wird er nicht

aufwachen. Vielleicht ist es genug, um die Enden des zerrissenen Geistes

wieder aneinander zu heilen.

Vor dem Essen ging ich, da nur noch Leichtverwundete gekommen

sind, zum Ufer. Das Eis ist hier vielfach zu klaren Figuren

durcheinandergeschossen; weiße Nadeln, Blätter, Hellebarden, winzige

gotische Gestaltungen, oft nur begonnen, manchmal fein ausgeführt,

stecken überall zwischen den Steinen. Zuhöchst am reinen Himmel sprießen

Rispen, an denen blumenrötliches Gefieder wächst, und man merkt es

diesen Wölkchen an, daß auch sie aus Eiskristallen bestehen.

Rumänisches Tagebuch · 第 44 / 64 题