Die Nacht zum letzten November blieb ruhig. Um zwölf Uhr mittags wurden
wir alarmiert, und sogleich folgte der Aufbruch. Es verlautete, Russen
und Rumänen hätten die ungarische Linie durchstoßen, den Berg
Mihályszállás erstürmt. Unserm Bataillon falle die Aufgabe zu, den Feind
aufzuhalten, den Berg zurückzunehmen. Man suchte auf der Karte den
Mihályszállás und war verwundert, sich in solcher Nähe des Gegners zu
befinden. Die Feldküchen, die bereits geheizt hatten, kochten während
des Marsches weiter. Auf dem Ufergeröll wurde das Essen eingenommen,
dann ging es eilig den Fluß entlang. Anfangs hatten uns Frauen und
Kinder von Középlak neugierig begleitet; bald blieben sie mit
zweifelnden Gebärden stehen. Ein verirrtes rabenschwarzes Schweinchen
lief arglos eine Weile zwischen unseren Leuten mit, schon stritten sich
zwei Gruppen der 8. Kompagnie um den sicheren Fang; aber ein kleiner
Junge kam nachgelaufen und jagte es mit hellen Jubelrufen ins Dorf
zurück.
Der Tag war kurz und düster. Nebel wuchs wie Schimmel um die niedrigen
Fichten, mit welchen die Hügel spärlich besetzt sind. Gruppen von
Flüchtlingen mit Haustieren und Fahrzeugen begegneten uns in der
Dämmerung, zuletzt ein kleiner Leiterwagen, von schön gehörnten
silbergrauen Stieren gezogen. Führerin des Gespanns war eine große Frau
mit schwarzem Kopftuch, langem braunem Mantel und einem Stab in der
Hand. Ein Kind, sein Püppchen an sich gepreßt, saß oben auf wirr
zusammengeraffter Habe; ein alter Mann und ein junges Mädchen schoben
nach und lasen auf, was etwa herabfiel. Ein Knabe, kaum zehn Jahre alt,
mit wunderbar entrücktem, unbegreiflich heiterem Gesichtchen, lief neben
dem Wagen her und summte wie aus tiefer Geborgenheit eine Weise. Unter
dem linken Arm trug er ein schwarz eingerahmtes Bild, mit der Rechten
langte er von Zeit zu Zeit Maiskörner aus der Tasche und gab sie einem
Stierkälbchen zu fressen, das, am Wagen angebunden, mithüpfte. Diese
Gestalten wurden mir im Geiste sogleich statuarisch, besonders die
mütterliche Führerin, und ich verstand, was Glavina meinte, als er
schrieb, es sei etwas Heiliges um den Fremdling, der nur einmal an uns
vorübergehe, nicht befleckt von gleichgültiger Erfahrung. Die Haltung
stolz, frei, das Antlitz reife, gebietende Jugend, die starken Brauen
schmerzlich zusammengezogen, blickte sie geradeaus, ohne uns zu
beachten, als wäre sie das wahre ganze Leben, wir aber abgefallen und
verirrt.
Es wurde Nacht; wie Asche fiel der Nebel, endlos entzog sich das Tal.
Streckenweise wateten wir im Wasser, das mit Gurgeln unsere löcherigen
Stiefel füllte. Einmal riß die 6. Kompagnie ab und verirrte sich in ein
Seitental: mit schreienden Boten und Lichtsignalen wurde nach einer
halben Stunde die Verbindung wiederhergestellt. Unendliche Müdigkeit
zermürbt die Seelen. Mancher brüllt Wut und Verzweiflung geradehinaus:
»Gebt uns wenigstens ganze Stiefel, wenn ihr Krieg führen wollt!« murrt
eine Stimme. »Ein Narr, wer noch mitläuft! Ich bleibe zurück!« kreischt
eine andere. Die Offiziere aber kümmern sich nicht um aufrührerische
Rufe. Sie haben selber zu dulden genug. Auch wissen sie, daß die
Schreier ja doch mitkommen werden. Wer ohne gültiges Zeugnis die Truppe
verläßt, vermindert wohl Mühe und Gefahr, aber neue und schimpfliche
Leiden beginnen für ihn. Im fernen Dunkel flammt es zweimal bläulich,
man hört Abschüsse, dann heult es an, und scharf nacheinander stoßen
Granaten in den Kies. Ein Mann bricht zusammen. Leutnant S. ist
verwundet. Wir verbinden ihn, so gut es im Dunkeln geht. Vermutlich
hatten unsere Signale die Geschosse hergelenkt. Ein strenges Verbot,
Licht anzuzünden, wird ausgegeben. Mit dem Aufbegehren ist es zu Ende.
Vom Feinde selber in die Zucht gescheucht, beginnen die Leute ruhig zu
plaudern; eine gefaßte, aufgeräumte Stimmung nimmt überhand.
Um zwölf Uhr gelangten wir auf trockenen, ebenen Boden. Der Adjutant,
der mit dem Major eine Strecke vorausgeritten war, kam uns entgegen. Von
einem Nachtgefecht, erklärte er, sei nicht mehr die Rede, die Gegner
hätten den Berg zur Hälfte wieder aufgegeben und sich in der Nähe
festgegraben, wir stünden in dem Dorfe Hosszuhavas und bekämen
Quartiere, freilich Alarmquartiere, niemand dürfe die Stiefel ausziehen.
Mit Offizieren und vielen Mannschaften fand ich Unterkunft in einem
Bauernhause, das von seinen Eigentümern verlassen war. Auf dem Tische
stand bei Brot und Äpfeln ein schräg abgeschabter Salzkegel, daneben,
mit Öl gefüllt, eine Lampe, die wir anzündeten. Ein Stapel Brennholz lag
hinter dem Ofen; unter einer Bank, in Käfigen, waren Hühner
untergebracht. Auf diese stürzten sich im Nu die halbverhungerten
Soldaten, um sie einem Kochkundigen zu überliefern. Die Stube war voll
Zeichen übereilter Flucht. In dem gewaltigen Webstuhl steckte noch ein
Stück Leinwand. Schrank und Lade standen halb offen. Einiges war
herausgerissen und wieder hineingeworfen worden; darunter aber, in
schimmernder Ordnung, lagen ganze Schichten fein und rauh gewebter
Tücher und gestickter Hemden. Bunte Decken verkleideten die Wände;
darüber hingen Heiligenbilder mit getrockneten Sträußen, daneben ein
Teller mit dem goldgemalten Namen Julesa.
Da ich die herrlich durchstickten Linnen so sehr bewunderte, vermuteten
mehrere Leute, ich wolle sie besitzen, und redeten mir zu, ich solle
doch unbedenklich etwas besonders Hübsches zum Andenken mitnehmen.
Vielleicht gelüstete manchen selbst nach solchem Schatz, und hätte ich,
als einer der Älteren, mir ein Stück angeeignet, wärs am Ende die Losung
zum allgemeinen Raub geworden. Eigentlich stachen mir die reizenden
Muster sehr in die Augen, auch stellte ich mir Vallys und Wilhelms
Entzücken vor, falls ich mit solchen Mitbringseln in die verarmende
Heimat käme, mußte überdies den Kameraden recht geben, die da sagten,
verloren sei doch einmal alles, in wenigen Stunden würden wir vor- oder
zurückgeben und das Verschonte andern deutschen Truppen oder dem Feind
überlassen. Auf einmal standen mir die Flüchtlinge vor dem Blick, die
uns begegnet waren; der Gedanke, daß gerade dieses Haus ihr verlassenes
Eigentum sein könnte, gewann eine seltsame Macht, und nun erst ermaß ich
die Größe ihres Unglücks. Gesichthaft nahe trat die königliche Führerin;
um Wirklichkeit unbekümmert sprach ich sie als Hausherrin an und schloß
mit ihr einen Bund. Sie aber schien einfach zu sagen: Was willst du? Die
Winternächte des Wachens und Webens, kennst du sie? Hemden liegen hier
für Großväter, Väter, Mütter und Kinder, -- auch unsere Leichenhemden,
bedenk es wohl! Möchtest du deine Frau oder dein Kind darein hüllen? Die
Deutschen, sagt man, sind ein hartes, verwegenes, den andern oft schwer
begreifliches, im Grund aber ein frommes Volk, -- seht doch, wie alles
offen vor euch daliegt! Nichts haben wir vor euch versteckt, nichts
verhehlt, eurer Großmut alles anvertraut. Nehmt, was not ist, um Durst
und Hunger zu stillen, aber an den Geweben der Mütter geht vorüber!
Plötzlich zuckten wir alle zusammen; das Heulen und Weinen kam wieder
durch die Luft, es war, als flöge feiner Flaum über die Wimpern, und in
größter Nähe fiel der Schlag. Das Haus schien sich in seinem Grunde zu
lockern, Geschirr und Fensterglas klirrten herab, die Lampe erlosch. Ein
schlimmes Versäumnis kam in diesem Augenblick jedem zum Bewußtsein.
Keinem war eingefallen, die Fenster zu verhängen, und so hatte die
weithin leuchtende Lampe den Feind gereizt. Im Finstern harrten wir auf
den zweiten Schuß, er blieb aus. Nun wurden sorgfältig alle Fenster von
außen mit Zelttüchern überspannt und erst nachher wieder Licht gemacht.
Der Koch war gelassen bei den Hühnern stehengeblieben, deren Bratenduft
allmählich die Luft würzte; ich aber hatte in aller Stille die lockenden
Laden hineingeschoben, fand es auch für gut, sie mit Unnahbarkeit zu
umgeben, indem ich die großen ledernen Verbandtaschen davor, aufbauen
ließ und meinen Mantel darüberlegte.