Auf 29 Automobilen wurde nachts das Regiment über den Gyimespaß nach dem
Hidegségtal herübergebracht. Es sind offene plumpe Lastwagen, die Räder
bereits wie drinnen im Land ohne Gummireifen; immer gefährlicher
schwankte der unsrige auf dem holprigen Boden, und plötzlich fuhren wir
schräg in einen Straßengraben, gerade noch, ohne zu stürzen. Umsonst war
jeder Versuch, das Gefährt wieder heraufzuziehen. Von den Wagen, die,
glücklicher gelenkt, in großen Abständen nachfuhren, überholten uns
fünf; jeden riefen wir um Beistand an, jeden vergeblich. In dumpfer Wut
harrte die Besatzung; nur da und dort lachte einer, als böte das
Ungemach des Augenblicks vor dem großen Schicksal einen Schlupf. War
Hilfe hier nicht erbittlich, so war sie vielleicht erzwingbar; ich riet
den Leuten, sich in ganzer Straßenbreite aufzustellen und dem nächsten
Wagen eine drohende Haltung zu zeigen. Das höchst verfängliche Mittel
wirkte: der Führer, als er die entschlossene Gruppe bemerkte, stoppte
sofort. Nun ward in Minuten unser Fahrzeug dem andern angekettet und auf
die Straße gezerrt.
So fuhren wir weiter, mit frierenden Augen, durch die sternenlose Nacht,
immer nur auf den grellen Lichtkegel blickend, den wir vor uns
herjagten. Ich saß vorne beim Lenker, einem sehr jungen Polen, dessen
ungeübte und ängstliche Hand uns noch öfters dicht an Abgründe brachte.
Mahnungen und Einreden konnten da wenig frommen; gewiß war es das beste,
ihn gewähren zu lassen und ihm heimlich alle guten Kräfte zuzubeten. Als
die Paßhöhe erreicht war, graute der Morgen. Ein vereisender Wind pfiff
aus Nordosten; die Wolken standen hoch. Öde Landschaft erschien, greises
Gebirge, stark abgetragen, die kahlen Hänge voll kleiner Buckel und
grauer Steinwürfel, dazwischen Hütten, die den Steinen glichen, in der
Tiefe ein halbverkiester Fluß mit angelagerten Häusern. Beim
Hellerwerden erkannte man auf Tal- und Bergstraßen unübersehbare, gegen
Osten marschierende Kolonnen. Düster, schicksalshaft anzuschauen ist
solch ein Dahinziehen Tausender, die wie auf Speichen des nämlichen
Rades einer unsichtbaren glühenden Achse zustreben. Gäbe es doch ein
groß vorleuchtendes Zeichen, das allen ihre Mühsal süß macht! Aber ihr
Bestes ist verwahrt in einem Traum der Menschheit, den sie vielleicht
nie erfahren, und nur manchmal mag es einen gemahnen, daß er einem
unbekannten Herrn der Zukunft dient.
Um acht Uhr morgens erreichten wir das Dorf Középlak, dessen Gebäude
sehr weit auseinander liegen. Ein großes gelbes Haus, nah bei der
Kirche, wurde mir als Stabsquartier bezeichnet. Es besteht aus zwei
kleinen Zimmern und einem geräumigen Saal, den ein brüchiger Ofen mit
Rauch erfüllt. Der Assistenzarzt lag schlafend in Mantel und Stiefeln am
Boden; das abgemagerte verstaubte Gesicht glich vor übermäßiger Ermüdung
dem eines Toten. In einer Ecke, gebeugt über Karten, saßen flüsternd
Major und Adjutant; gegenüber sprach ein rotbärtiger österreichischer
Hauptmann unter vielen Verbeugungen in ein Telephon hinein. Ich spürte
zwischen drüben und hüben eine Verstimmung ziehen, die mir später
erklärt wurde. Der Österreicher, zugleich Munitionsoffizier und
Ortskommandant, hatte unserem Major vorgestellt, es gebe kein
unbesetztes Haus mehr in ganz Középlak, und ihn höflich eingeladen, sein
eigenes bequemes Quartier mit ihm und seinen Offizieren zu teilen,
worauf unser Gebieter ihn gleichwohl bündig ersuchte, das Gebäude zu
räumen. Dies Ansinnen wurde zurückgewiesen, und der Major brach die
Unterhaltung mit einigen allgemeinen Ausfällen gegen die österreichische
Armee ab. Der Rotbart zog sich weltmännisch-gelassen zurück, nicht ohne
zu bemerken, er habe zwar bereits angeordnet, daß in seiner Küche für
die deutschen Herren mit gekocht werde, müsse dies aber, auf soviel
Unfreundlichkeit hin, leider zurücknehmen und sich auf den bloßen
Dienstverkehr beschränken.
Ich legte mich neben den Assistenzarzt und schlief bis elf Uhr. Dann
ging ich nach kurzem Dienst zum Hidegség hinab. Wird einem doch, als
habe man teil an allen Gütern und Geistern der Länder, sobald man ein
Ufer betritt. Einwohner kamen des Weges, zuerst alte Männer, dann junge
Frauen und Mädchen. Diese sind ein stattlicher Schlag mit leichtem,
freiem, brüstestolzem Gang, gesunde Rundgesichter, vom Geist der Rasse
schön beherrscht, so daß immer eins das andere bestätigt. Man denkt
zuerst an Italien; aber es ist noch etwas anderes darin, etwas tierhaft
Geschmeidiges, dazu etwas Verschlossenes, nach innen Horchendes, wilder
alter Adel, der nach Asien weist. Die unechten städtischen Kostüme, die
wir noch gestern sahen, sind verschwunden; die Weiber scheinen hier nur
am Leibe zu tragen, was sie selber hergestellt haben, statt des Rockes
ein dunkles buntgestreiftes Tuch, das einfach übereinandergeschlagen
wird, so daß man beim Gehen die Beine sieht, die in engen, weißwollenen
Hosen stecken, um die Brust Pelzwesten, das Fell einwärts, das weiße,
kunstreich bestickte Leder nach außen gewendet, schwarzes Kopftuch,
spitze Schnabelschuhe. Wenn Truppen vorbeimarschieren, bleibt keine
stehen, um zu gaffen, wie sonstwo Landleute tun; man spürt eine Gegend
beginnen, wo die Menschen hart und sich selber genug sind, und wo sich
Schicksale schnell und klar erfüllen.
Das Ufer sieht seltsam aus. Vor wenigen Tagen muß es noch überschwemmt
gewesen sein; dann kam plötzlich die Kälte, eine dünne Eisdecke bildete
sich, unter der aber das Wasser bald wieder sank. Nun haftet noch das
Eis als brüchiger Glasring an Stamm und Strunk, als Brücke, mit
Glöckchen behangen, überbaut es den Spiegel oder umschließt als
muschelhaft geschweifte reifbefranste Schale die großen schwarzen
Ufersteine.
Mittags, während wir Deutschen, feindselig abgesondert, bei bitterem
Kaffee sehr hartes Brot und überdrüssiges Büchsenfleisch aßen, erklang
im gleichen Saal an der Tafel der Verbündeten der Wein, und
österreichische Ordonnanzen, die Blicke mit vorgeschriebener Starrheit
auf uns gerichtet, schleppten schöne Braten und Pfannkuchen von der
Küche herein an uns vorüber. Wir jüngeren, Geringeren verschmerzten aber
die entgehenden Genüsse um so leichter, als unserm sonst so mäßigen
Befehlshaber gerade diesmal Entsagung unerträglich wurde. Allen Stolz
vergessend, suchte er unsern Koch zu bereden, daß er sich mit den
österreichischen Küchensoldaten anfreunde und wenigstens etliche Kuchen
für uns erschmeichle. Der aber schnitt jede Hoffnung ab: »Die
Österreicher verkehren nicht mit uns«, sagte er.
Am Nachmittag war von Osten her scharfes Geschützfeuer zu hören. Der
Adjutant blieb an das Telephon gebunden. Gegen fünf Uhr wurde
Marschbereitschaft befohlen, um sechs Uhr der Befehl wieder aufgehoben.