Das blaugraue Kätzchen ist heute verendet, und weil mir eine freie
Stunde gegönnt ist, will ich mir die kurze Geschichte seines Leidens
aufzeichnen; gehört sie doch auch zu meinem Tag. Früh weckte mich
gestern leises Wimmern und Murren. In der großen Stube, mit ganz
verschaudertem Gesicht, kauerte der junge Ungar am Boden und schob dem
Tier bald ein Wasser-, bald ein Milchnäpfchen zu. Es hatte nachts Blut,
morgens Galle gespien. Die Milch beachtete es gar nicht; auf das Wasser
blickte es unverwandt. Als ich mich näherte, hob es langsam den Kopf wie
ein müder, trauriger Mensch. Das Gesicht war viel kleiner geworden, das
goldumrandete Bernsteingelb der Augen getrübt, die Nase sehr heiß. Es
hatte gewiß Fieber und brennenden Durst. Bald weinend, bald brummend
näherte es nun seine Schnauze dem Wasser, zitterte aber bei jeder
Berührung mit einem zornigen Laut zurück; es war zu sehen, daß ihm der
Trinkversuch Schmerz bereitete. Aber immer wieder trieb es rasende
Begierde dem Wasser zu. Plötzlich tauchte es eine Vorderpfote ein, dann
die andere; schließlich wollte es ganz in den Topf hineinsteigen, der
aber viel zu klein war. Man füllte eine große Schüssel; da legte es sich
hinein mit seinem ganzen inneren Brand und blieb eine Weile ruhig.
Indessen war die Bäuerin eingetreten; Kinder und Nachbarinnen kamen, ein
Kreis von Neugier und Erbarmen zog sich um das arme Tier und seine Qual.
Noch vorgestern hatte man es achtlos fortgeworfen; jetzt aber dachte
niemand daran, es durch schnelle Tötung zu erlösen; jeder fand nur, daß
es ein reizendes Kätzchen sei, und wußte einen Rat, ein Mittelchen, um
es zu heilen. Als wäre es durch sein Leiden in göttliche Nähe gerückt,
hatte man fast Ehrfurcht vor ihm, besonders die Kinder. Und wirklich war
etwas Bewundernswertes in der Haltung der kleinen Katze, etwas kaum
Beschreibliches, das sie über ihren Zustand erhöhte, eine Art Stolz, ein
Bewußtsein ihrer eingebornen wilden Anmut, welche der Tod wohl nach und
nach abtragen oder zertreten, aber keineswegs beugen konnte. Wie es, vom
eigenen Elend wegblickend, sich bemühte, seinem Wesen treu zu bleiben,
wie es, schon von der Vernichtung geschüttelt, seine Würde behielt und
die feine Neigung des Köpfchens nicht aufgab, dies war es, was alle
sicherlich viel stärker ergriff, als das Leiden selbst. Etwas Geistiges
ist hier verbürgt, und die alten Ägypter haben wohl gewußt, warum sie
dieses Tier heilig hielten und seine Mörder bestraften.
Bald hatten übrigens die Leutchen von Kézdi-Almás all ihren guten Rat
erschöpft und sahen schließlich voll Erwartung auf mich. Dehm, der
gerade dazu kam, riet zu Morphium, ich gab Atropin dazu. Wir ließen das
Kätzchen aus dem Bade heben und spritzten ihm eine winzige Menge der
Lösung in den Schenkel, worüber ein kleines Mädchen laut aufschrie.
Matschka jedoch zuckte bei dem Einstich nicht einmal, so ganz war sie
von der Pein ihrer Eingeweide erfüllt. Nach drei Minuten ging sie auf
ein Fleckchen Sonnenschein zu, das auf der Diele leuchtete, streckte
sich behaglich aus, legte den Kopf auf die Vorderpfoten und schlief ein,
zuweilen im Traum leise knurrend. So fanden wir sie noch spät, als
längst keine Sonne mehr schien, da begann wieder das vergebliche Wandern
zum Wasser. Wir wiederholten die Einspritzung in dreifacher Stärke.
Daraufhin wurde sie zunächst sehr munter, fast ausgelassen und machte
sonderbar schelmische Gebärden, als verändere ein beginnender Wahnsinn
ihre Natur, doch blieb sie immer schön im Einklang ihrer Bewegungen.
Plötzlich sprang sie zu mir herauf und umschnupperte mein Gesicht. Ich
hob sie weg zu meinen Füßen hinunter; sie ließ es brummend geschehen und
schlief auf einmal ein. Um zwei Uhr erwacht, beleuchtete ich sie mit der
Taschenlampe; sie schlief unter leichten Zuckungen. Den Schweif hatte
sie bequem um sich herumgelegt, der Kopf ruhte auf meinem linken Fuß.
Die Lage war lästig, und ich wollte den Fuß wegziehen, da erhob sie aber
ein sehr ärgerliches Geknurr und tat gar, als wolle sie mich in die
Zehen beißen. So faßte ich mich denn in Höflichkeit, die wir einem
sterbenden Wesen wohl schuldig sind, und rührte mich nicht weiter. Durch
das kleine Tier zur Ruhe gezwungen, bemerkte ich übrigens bald eine
Veränderung an mir, eine seltsame innere Stille und Gesammeltheit, wie
sie, glaub ich, die Mönche als Einkehr bezeichnen. Der Körper empfand
sich leichter, das Denken geschah freier und sicherer als sonst.
Lebhafte Vorstellungen vom Wesen gewisser Krankheiten drängten sich als
erstes auf; ich wußte plötzlich, daß man sie weit einfacher behandeln
könnte als bisher. Dabei blieb mir immer bewußt, daß es Matschka war,
der ich den gesteigerten Zustand verdankte, und nie vielleicht bin ich
mehr davon überzeugt gewesen, daß wir nicht nur von Menschen, Geistern
und Sternen, sondern oft auch von Tieren, Pflanzen, ja sogar von
unbelebten Stoffen unmerklich zu uns selber geführt werden, worauf am
Ende doch alles hinausgeht, was wir Gnade nennen. Und nun flog mir
geschwind und klar alles durch den Kopf, was ich jemals über Katzen
Gutes gehört und gelesen, zuletzt auch die rührende Mythe von jener
sintflutartigen Überschwemmung, welche die Mutter so oft erzählt hatte.
Ein Knäblein schwamm in seiner Wiege mitten auf dem unendlichen
windbewegten Gewässer. Bei ihm befand sich eine Katze, und jedesmal,
wenn die Wiege umzukippen drohte, sprang das behende Tier auf die andere
Seite, um das Gleichgewicht herzustellen, bis endlich das kleine Boot in
der Krone einer hohen Eiche hängen blieb. Die Flut verlief sich, man
holte die Wiege herunter und fand Kind und Katze lebend und unversehrt.
Da man des Knäbleins Eltern nicht kannte, so nannte man es Dold, was
soviel heißt als Wipfel, und es wurde der Stammvater eines großen
berühmten Geschlechts.
Von solchen Erinnerungen aus lief das Denken weiter durch manches
Gebiet, um endlich in das nächste, nüchternste, für den Augenblick
erwünschteste heimzukehren. Mit einem Male wußte ich nämlich genau, daß
in einer der großen Ledertaschen, zwischen Verbandpäckchen und
Instrumenten, der Schlüssel zum Sanitätswagen liegen müsse; vermutlich
hab ich ihn selber dorthin verräumt. Dieser Sorge ledig, nickte ich fast
wider Willen ein und schlief, bis mich Rehm, Tee bringend, weckte.
Sogleich ließ ich den Schlüssel suchen; wirklich fand er sich an der
gedachten Stelle. Matschka aber erwachte nicht mehr. Während ich
aufstand, setzte ihr Atem aus, dann kam ein schnelles hartes Gestöhn,
endlich noch ein tiefer, fast behaglicher Atemzug.
Eben bringt eine Ordonnanz den Alarmbefehl. Die Truppenbesichtigung bei
Lemhény ist abgebrochen worden. Wir packen ein. Welch Glück, daß der
Schlüssel gefunden ist! Die schönen Uniformen werden abgestreift, die
Bilder verschwinden von den Tischen. Der junge Ungar kniet vor der toten
Katze und streichelt sie weinend. Schön ist es immer anzuschauen, wenn
den rohen Menschen das Ewige anfällt, -- ehren wir jede Erleuchtung,
jeden verwandelnden Schrecken! -- ich möchte dafür einstehen, daß der
Knabe nie wieder seine Hand gegen die Kreatur erheben wird, -- gebe Gott
jedem sein Tier und seine Sünde, die ihn erwecken! Es muß aber noch
andere Erleuchtungen geben, wo aus noch viel reinerem Schrecken eine Tat
aufsteigt wie ein Stern.
Der Himmel hängt voll Schneewolken. Frost ist eingetreten, Reif liegt
auf der alten Sonnenblume. Die Samenkerne sind nun festgefroren, der
Abendvogel wird Mühe haben, sie herauszupicken. Der Osten dröhnt von
Geschützen. Es ist vier Uhr. Wir marschieren gegen Kézdi-Vásárhely ab.