Der trübe Tag vergeht ohne größere Gefechte. Regen hat alle Toten aus
dem Schnee hervorgewaschen; einer nach dem andern wird nun begraben.
Viele Leute melden sich krank; eine trockene, schmerzhafte
Augenentzündung befällt uns fast alle. Manche fiebern, und wieder sind
einigen die Zehen erfroren. Dazu fallen immer wieder Unvorsichtige den
feindlichen Scharfschützen zum Opfer, die sich auf Bäumen versteckt
halten. Halbe Tage lauern sie voll Tiergeduld, ob keiner der Unsrigen
sich einmal vergißt und seine Deckung verläßt, ein katziges Kriegführen,
zu dem gewiß kein Soldat der Erde weniger taugt als der deutsche. Wer
noch leidlich gesund ist, sieht übrigens nicht ohne Genugtuung die
sogenannte Gefechtsstärke dem Minimum entgegensinken, das Ablösung
bedeutet, und nachsichtig schweigt sogar der Major, wenn ich mich beim
Überweisen in die Lazarette ziemlich liberal verhalte. Leutnant Leverenz
behauptet freilich, daß ich ärger als der Feind den Bestand an Gewehren
vermindere, gibt aber zu, daß auch dem Tüchtigsten hier nicht mehr als
drei Tage und Nächte zugemutet werden können. Es gibt keine Unterstände
auf dem Berg; hinter Steinen und Bäumen liegt der Soldat im nassen
Schnee, er darf kein Feuer anzünden und, solang es hell ist, den Kopf
nicht erheben. Die größte Pein aber ist für uns alle der Durst, der mit
ungeheurem Ekel vor dem Trinken verbunden ist. Im Schmelzwasser, das von
den blutüberstrudelten Hängen heruntersickert, ist beginnende Verwesung
so reichlich gelöst, daß wir es nicht einmal zum Teekochen, noch weniger
zum Trinken gebrauchen mögen.