Kézdi-Almás, 22. November 1916

Gestern am Abend von preußischer Landwehr abgelöst, stiegen wir durch

feuchtes Gestöber nach Ojtóz hinab, wobei uns mehrmals im Dunkel der Weg

abhanden kam. Ob es möglich sei, daß der Kopf sekundenlang schläft,

während sich die Beine regelrecht weiterbewegen, entscheide ich nicht,

weiß nur, daß mir einmal auf diesem Nachtmarsch eine blaue Schale mit

goldenen Zeichen dicht vor den Augen erschien, worauf ich wie aufwachend

emporfuhr und mich deutlich erquickt fühlte. Nach Mitternacht erreichten

wir die Baracken. Früh nach acht Uhr, bei aufgehelltem Wetter, zogen wir

weiter, nachdem die Leute ihre Tornister zurückerhalten hatten; die

Tornister der Toten wurden auf einem großen Wagen nachgefahren. Das

Bataillon ist klein geworden; auf der Landstraße fiel dies recht in die

Augen. Eine Strecke vor Kézdi-Almás sahen wir den Oberst mit

Regimentsstab und vollzähliger Musikkapelle stehen; sie warteten auf

uns. Als wir in gute Hörnähe gekommen waren, flog ein heller

Trommelwirbel auf, dem leichte Melodien folgten, dann schmetterte sich

ein Marsch aus >Carmen< gewaltig aus. Unsere schmutzgraue Schar, die so

gebeugt und müde dahinschwankte, als wäre sie besiegt, begann sich zu

straffen; allmählich begriff sie die Ehrung, die der alte Oberst ihr

erweisen ließ. Nach >Carmen< folgte das Lied vom guten Kameraden, und

nun endete die Musik nicht mehr, bis unsere Spitze das Dorf erreichte,

dessen Kinder, von den Klängen gelockt, uns mit entzückten Gesichtern

entgegenliefen.

Der Tag vergeht ruhig, doch meldeten sich mehrere Leute wegen

Brustbeklemmungen in das Revier. Beim Untersuchen zeigt sich ein

häufiges Ausbleiben der Herzschläge. In das Lazarett will keiner; jeder

hofft auf Ruhewochen und gibt sich mit Baldriantropfen zufrieden. Als

Raab den Sanitätswagen aufsperren wollte, fehlte der Schlüssel, und kein

Schlosser läßt sich im Dörfchen auftreiben. Für den Augenblick freilich

genügen die Vorräte, die wir noch in den Verbandtaschen haben. Dehm und

Raab sind sich fast böse geworden, weil einer dem andern den

Schlüsselverlust vorwirft.

Die Quartiere werden gelobt. Ich habe eine große Stube, deren Boden mit

feinem Sande bestreut ist; ein Drudenkreuz, mit Werkzeug behangen, ist

an der Wand befestigt, das breite Bett mit rotgefärbten Fellen

überbreitet. Das Schönste ist ein großer Apfelgarten hinter dem Hause.

Von hohen dichten Weidengeflechten umgeben, liegt er wie in einem Korb.

In einer Ecke blüht noch ein hoher Sonnenblumenspätling. Der

schwarzgelbe Teller hat sich weit vorgestülpt und am Rande nach unten

umgebogen, so gewaltig war im Sommer der Wille der Blume, dem

Sonnenstand überallhin zu folgen. Jetzt ist stellenweise der blühende

Samt leichenfarb gefleckt oder ausgefallen, die graue Samenmosaik

entblößt. Als ich eben vorbeiging, flog ein grauer Vogel ab, einen Kern

im Schnabel, und entschwirrte in die Dämmerung.

Rumänisches Tagebuch · 第 37 / 64 题