Kein Wunder, daß man viel schläft und viel träumt in dem
Winterwaldzwielicht. Wehrt man sich dagegen, so wird es nur schlimmer.
In Frankreich, vor dem Urlaub, als ich noch an ein sehr nahes Ende des
Krieges glaubte, war aller Traum nur Träumerei; locker und sinnlos fand
ich mich unter Frauen und Freunde verspielt, kein Traum wußte etwas vom
andern. Seit aber von Frieden und Heimkehr nicht mehr die Rede ist,
scheint nicht nur die Leuchtkraft aller Gesichte zu wachsen; es ist
auch, als versteckten sie vor mir ein geheimes Ziel, dem sie mich auf
Umwegen zuführen wollen. Zuweilen werden sie durch ein äußeres Ereignis
von ihrer breiten Entwicklung abgedrängt und grob skizzenhaft beendet.
Heute morgen schlug eine Granate vor dem Unterstand ein und weckte mich
aus einem Traum, der seltsam deutlich blieb, weil er, wie ein jäh
aufgedeckter Maulwurf, keine Zeit mehr fand, sich zu verschlüpfen. Ich
war nachts einmal aufgewacht und hatte bemerkt, daß der Unterstand von
Mäusen bewohnt ist. Sie huschten über das Tischchen, knabberten am Brot
und streiften einige Male so kunstreich an den geschliffenen Gläsern der
Ungarn hin, daß es eine gar liebliche Folge heller Klänge gab. Dadurch
war das Widerliche des Getiers auf einmal aufgehoben, etwas geisterlich
Koboldisches lag in der Luft, und vor einem ganzen Theater lustigster
Mäusemetamorphosen schlief ich ein. Immer mehr entfärbten sich dabei die
Tiere; schließlich waren sie alle glänzend weiß und liefen auf einer
grünen Fläche hin und her. Als ich sie aber näher betrachten wollte,
stand ich am Billardtisch eines dunstigen Kaffeehauses, wo ein
unsichtbares Orchester fernher dudelte, und statt der Mäuse sah ich
weiße Kugeln auf dem grünen Tuche laufen. Einziger Spieler am Billard
war jener Rumäne, dem wir auf dem Berge das Morphium eingespritzt haben.
Mit wiegendem Tänzerschritt umkreiste er den Tisch und hielt mit leisen
deutenden Bewegungen seines Stabes die weißen Bälle in Lauf, ohne sie zu
berühren. Diese wurden immer glänzender; wie Kreisel summend, mit
sphärischer Sicherheit rollten sie hin und her auf dem grünen Stoff;
keiner störte den andern, und wenn sie von einem Rande zurückschnellten,
verstärkten sie Geschwindigkeit und Licht. Eigentlich glichen sie
einander genau; doch dünkte mich bald einer besonders herrlich, ja, ich
fühlte mein ganzes Schicksal an ihn gebunden, -- wenn er stillstand oder
mit einem anderen zusammenstieß, mußte grenzenloses Unheil geschehen. In
einiger Entfernung ging Regina als Scheuermädchen von Tisch zu Tisch,
las Zigarrenstummel und zerbrochene Gläser auf und warf sie in einen
Kehrichteimer, den sie mühsam daherschleppte. Plötzlich stand sie bei
mir und flüsterte: »Weißt du's schon? Eben bin ich deinem Schatten
begegnet.« Dann trat sie an das Billard, ergriff gelassen meine
wunderbare Kugel, warf sie zu dem übrigen Kehricht und setzte den Deckel
auf den Eimer. Der Rumäne, der nun auf einmal Glavina glich, spielte
weiter; seine Augenhöhlen waren voll Schnee, er schien nichts zu
vermissen. Ich aber hob die Hand und schlug Regina auf die Stirne, da
schlief sie stehend mit unbeschreiblich seligem Lächeln ein. Der Ball
jedoch gab im Eimer keine Ruhe; man hörte ihn mit immer höherem Tone
weiter kreiseln und mitunter pfeifen, wie Mäuse pfeifen. Dabei wurde der
Boden unruhig; ich hatte Mühe, mich aufrechtzuhalten. Alles schwankte;
Regina, die schlaferstarrte, noch immer lächelnd, neigte sich wie eine
Bildsäule, übermenschlich groß, zu mir herüber, wie um mich zu
erschlagen. Und das war die Sekunde, wo draußen mit heulendem Knall das
Geschoß zersprang! Ich stand im Nu auf den Beinen. Ein langhallender
Schrei erscholl, der plötzlich abbrach, als hätte er die Stimmbänder des
Schreienden zerrissen. Raab, Rehm und einige Verwundete rannten zur Tür;
andere, schutzsuchend, drängten von außen herein. Neben dem Trichter lag
ein ungarischer Soldat, bereits tot. Sonst ist niemand verletzt. Die
Granate muß ein Irrgänger gewesen sein; keine weitere ist nachgefolgt.
* * * * *
Infanterist Pirkl, nachdem er nun zwei Tage lang ohne Bewußtsein
im Verbandraum gelegen, bekam heute, nach der zehnten
Digipuratum-Einspritzung, einen kräftigen Puls, begann auch wieder tief
zu atmen. Völlig zu sich gekommen trank er einen halben Feldkessel Tee
und aß Konservenfleisch. In seinem eignen Kote liegend, fühlte er sich
höchst unbehaglich, stand alsbald auf und ging ins Freie, sich zu
reinigen, wobei er plötzlich das Kreuz zu sehen bekam, das sein Bruder
für ihn geschnitzt hat. Aufmerksam las er darauf seinen Namen, sah dann
ins offene Grab hinein und rieb sich lange die Augen. Auf einmal fing er
so herzlich zu lachen an, daß der Verband, der locker geworden war, wie
eine Haube hinten hinabfiel. Dabei schnippte er mit den Fingern, wie
einer, der einem Mordsspaß auf die Spur gekommen ist, und setzte lachend
seinen Weg fort. Ohne Durchleuchtung mit Röntgenstrahlen ist seine
Verwundung kaum erklärbar. Die Kugel ist augenscheinlich gar nicht in
den Schädel selbst eingedrungen, sondern hat nur die Halswirbelsäule,
dicht unter dem kleinen Hirn, verletzt.