Ich erwachte mit dem Gefühl absterbender Zehen, verließ das Zelt und
umschritt stampfend das Lager. Später meldeten sich einige Soldaten mit
wirklich abgefrorenen Zehen und Ohren. Bei mir brachten Gespräch,
Bewegung und heißer Kaffee, dem nur gar zu viele Wacholdernadeln
beigemischt waren, das Blut bald wieder in seinen Lauf. Aus den
rumänischen Bergen aber hob sich die Sonne, und wunderbar zeigte sich
heute die strahlenbeugende Kraft irdischer Atmosphäre: nicht als
kreisrunde Scheibe, sondern als mächtiges karminrotes Ei lag das Gestirn
minutenlang über schwarzen Wäldern, bis es nun, langsam steigend, sich
entrötet und rundet. In den Tiefen aber ist unermeßliches Weiß
ausgegossen, ein glattes, dichtes, mit Gipfelinseln überstreutes Meer
von Flaum, das uferlos mit lilablauem Strich im Westen endet. An dem uns
nahen Rande, wo es noch seicht ist, läßt es Felsen und Bäume
durchscheinen; man könnte glauben, diese spiegelten sich darin.
Der Marsch, der um neun Uhr begann, war oft von Rastpausen unterbrochen;
vermutlich durften wir nicht zu früh ankommen. Die Mittagstunde
verbrachten wir nahe dem Gipfel des Berges Kishavas auf einer moosigen,
mit Steinblöcken und Wacholderbüschen besetzten Fläche voll neuer
Gräber. Einige Kreuze sind sorgfältig mit Grün umwunden, manchmal nur
ein kleiner Stecken einem größeren mit Waldreben zu flüchtigstem
Gedenken angeknüpft. Zwischen zwei Steinen steht ein Pfahl mit
aufgeschnitztem Halbmond und der Inschrift: Brica Hamid, 29. X. 16.
Durch kalten Wind wirken scharfe Höhestrahlen, Reifkörner verdampfen an
den Spitzen des Wacholders, von Stunde zu Stunde bräunen sich die
Gesichter. Es ist sehr still, die Lust zu sprechen gering, der Geist
unterhält sich noch immer mit jenem unendlichen Weiß.
Ein ungarischer Beobachter gesellte sich zu uns; er lud mich und H.
schließlich ein, auf seinem Standort mit ihm Tee zu trinken, und ließ
uns durch sein Scherenfernrohr schauen. Wie man das Blickfeld eines
Mikroskops nach den schädlichen rot oder blau gefärbten Pilzen absucht,
so wird hier nach den moosgrün gekleideten rumänischen Soldaten
gefahndet. Der Offizier hatte die Höhe Lespédii eingestellt; er verriet
uns, daß unser Bataillon sie werde erstürmen müssen, und zwar bald. Im
übrigen war er ärgerlich, weil keiner der Grünen sich zeigen wollte; gar
zu gern hätte er ihnen ein paar Granaten hinübergesandt. Ich sah im Glas
einen kleinen steinigen Hügel mit etwas Baumwuchs und viel Gestrüpp. An
einem Schräubchen drehend, entdeckte ich auf einmal hinter
Wacholderbüschen eine ganze Gruppe schanzender Rumänen, wollte schon den
Beobachter aufmerksam machen, fühlte mich aber gehemmt und schwieg. Zum
ersten Male stand ich gewissermaßen vor der Pflicht, den Tod auf
Menschen zu lenken; denn der verschonte Gegner kann im nächsten
Augenblick die eigenen Landsleute gefährden. Anderseits waren die
arbeitenden Leute von drüben hier in dem kleinen Glase gleichsam in
meine Hand gegeben; ich sah, wie der eine sich eben eine Pfeife stopfte,
ein anderer aus der Feldflasche trank, sie hielten sich für völlig
sicher, und solange ich sie nicht verriet, geschah ihnen auch nichts, --
ein seltsamer Fall für einen Menschen, der nicht Soldat ist und mit sich
selber in leidlichem Frieden lebt. Während mir das Herz wunderlich zu
klopfen begann, trat ein älterer bosnischer Hauptmann herzu, der nachts
aus dem Urlaub zurückgekehrt ist, und wandte durch lebhaftes Erzählen
alle Aufmerksamkeit auf sich, so daß der magische Spiegel ganz in
Vergessenheit geriet. Die Hofburg in Wien, berichtete jener, soll Tag
und Nacht von Massen hungernden Volks umlagert sein, die den alten
Kaiser beschwören, er möge einen Schritt für den Frieden tun.
Als wir zum Lager zurückkehrten, sahen wir eine Karawane von Tragtieren
dem großen Wolkenglanz entsteigen; die Führer sagen, es gebe drunten im
Lande einen trüben Tag. Um drei Uhr rückten wir, durch dichten Wald
absteigend, in die Stellungen, wo wir bosnische Infanterie ablösten.
Eine Moos- und Reisighütte wurde mir als Befehlsstelle bezeichnet; hier
ließ ich mein Gepäck zurück und ging weiter, um die Verteilung der
Kompagnien zu erfahren. Die Rumänen verhalten sich still; doch entgeht
ihnen schwerlich, daß eine neue Art Feind in den Wald eingezogen ist.
Hatten sich nämlich die tapferen, aber etwas bequemen Bosniaken lieber
der dauernden Todesgefahr ausgesetzt und Nächte durch gefroren, als daß
sie sich mit dem Ausbau der Stellung abgaben, so geht es jetzt unter
unbändigem Jauchzen und Gesang an ein deutsch-gründliches Graben,
Baumfällen, Sägen und Hämmern, als stünden wir auf heimatlichem Grund
und müßten für Kind und Kindeskind Häuser bauen.