Bakó tetö, 1. November 1916

Um die gleiche Stunde wie gestern verließen wir Esztelnek und erreichten

bei trüb grauendem Tage das große Dorf Bereczk. Viel Volk stand auf der

Straße, meist Frauen. Ein zierliches, vom Alter gekrümmtes Matrönchen

lief neben der Kolonne her und spähte aufgeregt von einem Kopf zum

andern: die Stahlhelme, die wir seit gestern tragen müssen, haben ihrs

angetan. Endlich, da wir gerade langsamer marschierten, faßte sie Mut,

huschte an den kleinsten Flügelmann heran und beklopfte mit scharfem

Finger seinen Helmrand. Vielleicht hatte sie gemeint, es sei Holz oder

Pappe; nun erkennt sie, daß es Metall ist, verschränkt zufrieden die

Arme und bleibt zurück.

Ein sehr alter Mann stand vor seinem Häuschen und schrie, den Hut

schwingend, in schauerlichem Gleichton unaufhörlich: Gott helfe den

Deutschen! Gott helfe den Deutschen!

Die Gefechtsbagage blieb im Dorf; Zahlmeister und Verpflegungsoffiziere

nahmen Abschied und wünschten uns Glück. Es ging bei leichtem Regen ins

Gebirge empor. Man sah ferne Felsen mit schwarzen Klüften, die wie

Schlünde Nebel ein- und ausatmeten. Um neun Uhr hielten wir auf dem

Punkt Madjaros, wo nun auch die Pferde und ihre Wärter uns verließen.

Auf sumpfiger Waldwiese kochten die Feldküchen ab, es gab eine lange

notwendige Rast; schon hatten wir fünf Wegstunden hinter uns, und vor

uns ragten steile Hänge. Nach dem Essen ging ich eine Strecke voraus und

setzte mich auf einen Stein, wo ich zu warten beschloß, bis die andern

mich einholten. Es wurde düster, Nebel fiel von oben, und während ich

ihm entgegensah, war ich von abgewehten Fransen schon überzüngelt und

umschlungen. Wie seltsam das ist, von der ferngewohnten geistigen Wolke

berührt und aufgenommen zu werden wie von einem blütigen Wesen! Alle

Heimatgestalten glänzen auf, und zugleich erschwingt ein grenzenloses

Vertrauen in die strömenden und untergrabenden Kräfte der Welt. Wie aus

großer Ferne hörte ich das Bataillon aufbrechen und regte mich nicht,

bis die ersten Gruppen zu mir stießen.

Es ging nun stetig aufwärts. Der Adjutant sagte, nur fünfzehn Kilometer

hätten wir bis zur Stellung zurückzulegen, aber man hörte keinen Schuß.

Der Nadelwald setzte streckenweise aus, Wacholder, strotzend von

lilagrünen Früchtchen, wuchert zwischen Felsblöcken. Viele Gräber

kommen; nach den Inschriften, die sie tragen, sind sie erst fünf Tage

alt. Carp, rumänischer Leutnant, stand auf einem Holzkreuz. Gegen zwei

Uhr durchstiegen wir eine kahle, nebelüberstrichene Senke; dort wurde

uns ein rätselhafter, erschütternder Anblick. Ein einsames,

niedergebranntes Haus stand in der Mitte; es rauchte noch leicht aus den

Kohlen. Die Wände waren stehen geblieben, und unter der Verschwärzung

erkannte man die blaue Tünche; vom Dach aber sah man bloß das verkohlte

Geripp. Hinter einer unversehrten Pfahlhütte befanden sich zwei Gräber

ohne Kreuze, nur mit Wacholder geschmückt. Eine große, sehr alte Frau,

nackt bis zum Gürtel herab, dem Gesichte nach Madjarin, das graue Haar

zerrauft und beschmutzt, schlich um die Hügel und redete zutraulich mit

etwas Unsichtbarem. Als wir uns näherten, reckte sie sich auf und drohte

mit der Hand, als wollte sie uns von dem Orte verscheuchen. Plötzlich

wandte sie sich ab und rang unter grausigem Geheul die Hände gegen

Osten. Leutnant F., im Vertrauen auf sein bißchen ungarische

Sprachkenntnis, versuchte mit ihr zu reden. Sie aber bückte sich,

scharrte Erde vom nächsten Grab und streute sie ihm entgegen; doch war

diese Bewegung mehr warnend und beschwörend als feindselig. F. sprang,

halb ärgerlich, halb erschrocken, zurück und marschierte mit seinem Zuge

weiter. Von den übrigen Offizieren und Mannschaften blieb niemand

stehen. Zwar wurden Vermutungen ausgewechselt, was der Frau widerfahren

sein könnte; die meisten aber mochten den Gang einer Tragödie spüren,

vor welcher kein zudringliches Mitleid gilt, und stiegen schweigsam

weiter im Gewölk empor, das die schauerlich große Erscheinung bald

verhüllte.

Als wir um halb vier Uhr den Bako tötö erklommen, tauchten wir aus der

Dunstwelt in blauen Tag. Eine moosige, mit Silberdisteln bewachsene

Fläche zwischen zwei bewaldeten Kuppen wurde als Rastplatz gewählt.

Riesige Haufen rostender Konservenbüchsen zeigten an, daß vor uns

bereits andere Truppen hier gelagert hatten. Ich tat wie die meisten,

wickelte mich in meine Decke und legte mich, schweißdampfend wie ich

war, auf den überfrorenen Boden, wo ich sofort einschlief und nach einer

halben Stunde, trotz einigem Frösteln sehr erquickt, erwachte.

Aus dem Wald über uns kam ein Mann in langem, grünem Mantel herab, den

turbandick verbundenen Kopf mit beiden Händen festhaltend. Es war ein

verwundeter Rumäne, der ohne Bewachung, sich selbst überlassen, seinen

Weg in die Gefangenschaft suchte. Beim Näherkommen sah man die

durchbluteten Kompressen und Mullbinden verschoben, am Hals eine

klaffende Wunde halb entblößt. Das rechte Auge war schwarz

zugeschwollen, das unbeschädigte linke hatte ein schönes Hellbraun. Die

ärztlichen Zeichen erkennend, blieb er vor mir und R. stehen, deutete

schweigend auf seine Wunde. Diese zu sondieren hüteten wir uns, nahmen

auch den ersten Verband nicht ab, sondern legten dicht und fest einen

frischen darüber, worauf der Unglückliche seinen Kreuzweg

weiterschwankte, gefolgt von dem grimmigen Lachen unserer Infanteristen,

die vielleicht, ohne es zu bedenken, in dem erniedrigten Bilde des

feindlichen Genossen sich selber verhöhnten: Heute du -- morgen wir! Wir

marschieren nicht weiter; Befehl ist gekommen, an Ort und Stelle zu

biwakieren. Jetzt werden die Gewehre zu Pyramiden gegeneinandergestellt,

die Helme darangehängt, Zelte aufgeschlagen. Verbündete Truppen ziehen

über den Berg; Fetzen unbekannter Sprachen flattern vorbei. Der Mond,

blaßgrün, schmal wie ein Grashalm, geht in kleinem Bogen über den

Himmel, das Flammen der Sterne beginnt. Die Kompagnien haben Feuer

angezündet, um die sich bald alles versammelt. Auch österreichische

Offiziere kommen für eine Weile, um sich zu wärmen. Einer von ihnen hat

ebenfalls die Frau bei den Gräbern getroffen und vergeblich zu beruhigen

versucht. Er hat sich auch in dem Pfahlhüttchen umgesehen. Kleider,

Felle, bunte Decken und Lebensmittel, sagt er, gebe es darin genug. Er

habe einen Mantel herausgeholt und der Wahnsinnigen über ihre Nacktheit

gelegt, sie habe ihn wieder herabgleiten lassen. Übrigens sei das Haus

ein Grenzhaus gewesen, die Rumänen, auf ihrem Vormarsch, hätten Vater

und Sohn, die beiden Grenzwächter, niedergemacht; jedoch ergibt sich aus

ferneren Reden, daß auch dies nur Vermutung ist. Fast war ich froh, als

das Gespräch zum Gewöhnlichen zurückflachte. Was liegt am Geschehen? Den

Schmerz, der den Menschen dahin verhärtet, wo es kein Hungern, kein

Frieren, keine Tränen mehr gibt, den Schmerz, der Trost und Wohltat mit

weihender Beschwörung zurückweisen muß, dies letzte große Heiligtum der

Menschen, jedem höchsten Genius verwandt, soll man es zerschwatzen? Eine

Angelegenheit für Greuelerzähler und Seelenspäher daraus machen?

Die Nacht wird kalt. Einer um den andern gesteht sich ein, daß er für

einen Gebirgswinterkrieg eigentlich nicht ausgerüstet ist. Keiner spürt

Lust, in das dünne Zelt zu kriechen. Ich will als Gast von Feuer zu

Feuer wandern, bis mich der Schlaf übermannt.

Rumänisches Tagebuch · 第 21 / 64 题