Um die gleiche Stunde wie gestern verließen wir Esztelnek und erreichten
bei trüb grauendem Tage das große Dorf Bereczk. Viel Volk stand auf der
Straße, meist Frauen. Ein zierliches, vom Alter gekrümmtes Matrönchen
lief neben der Kolonne her und spähte aufgeregt von einem Kopf zum
andern: die Stahlhelme, die wir seit gestern tragen müssen, haben ihrs
angetan. Endlich, da wir gerade langsamer marschierten, faßte sie Mut,
huschte an den kleinsten Flügelmann heran und beklopfte mit scharfem
Finger seinen Helmrand. Vielleicht hatte sie gemeint, es sei Holz oder
Pappe; nun erkennt sie, daß es Metall ist, verschränkt zufrieden die
Arme und bleibt zurück.
Ein sehr alter Mann stand vor seinem Häuschen und schrie, den Hut
schwingend, in schauerlichem Gleichton unaufhörlich: Gott helfe den
Deutschen! Gott helfe den Deutschen!
Die Gefechtsbagage blieb im Dorf; Zahlmeister und Verpflegungsoffiziere
nahmen Abschied und wünschten uns Glück. Es ging bei leichtem Regen ins
Gebirge empor. Man sah ferne Felsen mit schwarzen Klüften, die wie
Schlünde Nebel ein- und ausatmeten. Um neun Uhr hielten wir auf dem
Punkt Madjaros, wo nun auch die Pferde und ihre Wärter uns verließen.
Auf sumpfiger Waldwiese kochten die Feldküchen ab, es gab eine lange
notwendige Rast; schon hatten wir fünf Wegstunden hinter uns, und vor
uns ragten steile Hänge. Nach dem Essen ging ich eine Strecke voraus und
setzte mich auf einen Stein, wo ich zu warten beschloß, bis die andern
mich einholten. Es wurde düster, Nebel fiel von oben, und während ich
ihm entgegensah, war ich von abgewehten Fransen schon überzüngelt und
umschlungen. Wie seltsam das ist, von der ferngewohnten geistigen Wolke
berührt und aufgenommen zu werden wie von einem blütigen Wesen! Alle
Heimatgestalten glänzen auf, und zugleich erschwingt ein grenzenloses
Vertrauen in die strömenden und untergrabenden Kräfte der Welt. Wie aus
großer Ferne hörte ich das Bataillon aufbrechen und regte mich nicht,
bis die ersten Gruppen zu mir stießen.
Es ging nun stetig aufwärts. Der Adjutant sagte, nur fünfzehn Kilometer
hätten wir bis zur Stellung zurückzulegen, aber man hörte keinen Schuß.
Der Nadelwald setzte streckenweise aus, Wacholder, strotzend von
lilagrünen Früchtchen, wuchert zwischen Felsblöcken. Viele Gräber
kommen; nach den Inschriften, die sie tragen, sind sie erst fünf Tage
alt. Carp, rumänischer Leutnant, stand auf einem Holzkreuz. Gegen zwei
Uhr durchstiegen wir eine kahle, nebelüberstrichene Senke; dort wurde
uns ein rätselhafter, erschütternder Anblick. Ein einsames,
niedergebranntes Haus stand in der Mitte; es rauchte noch leicht aus den
Kohlen. Die Wände waren stehen geblieben, und unter der Verschwärzung
erkannte man die blaue Tünche; vom Dach aber sah man bloß das verkohlte
Geripp. Hinter einer unversehrten Pfahlhütte befanden sich zwei Gräber
ohne Kreuze, nur mit Wacholder geschmückt. Eine große, sehr alte Frau,
nackt bis zum Gürtel herab, dem Gesichte nach Madjarin, das graue Haar
zerrauft und beschmutzt, schlich um die Hügel und redete zutraulich mit
etwas Unsichtbarem. Als wir uns näherten, reckte sie sich auf und drohte
mit der Hand, als wollte sie uns von dem Orte verscheuchen. Plötzlich
wandte sie sich ab und rang unter grausigem Geheul die Hände gegen
Osten. Leutnant F., im Vertrauen auf sein bißchen ungarische
Sprachkenntnis, versuchte mit ihr zu reden. Sie aber bückte sich,
scharrte Erde vom nächsten Grab und streute sie ihm entgegen; doch war
diese Bewegung mehr warnend und beschwörend als feindselig. F. sprang,
halb ärgerlich, halb erschrocken, zurück und marschierte mit seinem Zuge
weiter. Von den übrigen Offizieren und Mannschaften blieb niemand
stehen. Zwar wurden Vermutungen ausgewechselt, was der Frau widerfahren
sein könnte; die meisten aber mochten den Gang einer Tragödie spüren,
vor welcher kein zudringliches Mitleid gilt, und stiegen schweigsam
weiter im Gewölk empor, das die schauerlich große Erscheinung bald
verhüllte.
Als wir um halb vier Uhr den Bako tötö erklommen, tauchten wir aus der
Dunstwelt in blauen Tag. Eine moosige, mit Silberdisteln bewachsene
Fläche zwischen zwei bewaldeten Kuppen wurde als Rastplatz gewählt.
Riesige Haufen rostender Konservenbüchsen zeigten an, daß vor uns
bereits andere Truppen hier gelagert hatten. Ich tat wie die meisten,
wickelte mich in meine Decke und legte mich, schweißdampfend wie ich
war, auf den überfrorenen Boden, wo ich sofort einschlief und nach einer
halben Stunde, trotz einigem Frösteln sehr erquickt, erwachte.
Aus dem Wald über uns kam ein Mann in langem, grünem Mantel herab, den
turbandick verbundenen Kopf mit beiden Händen festhaltend. Es war ein
verwundeter Rumäne, der ohne Bewachung, sich selbst überlassen, seinen
Weg in die Gefangenschaft suchte. Beim Näherkommen sah man die
durchbluteten Kompressen und Mullbinden verschoben, am Hals eine
klaffende Wunde halb entblößt. Das rechte Auge war schwarz
zugeschwollen, das unbeschädigte linke hatte ein schönes Hellbraun. Die
ärztlichen Zeichen erkennend, blieb er vor mir und R. stehen, deutete
schweigend auf seine Wunde. Diese zu sondieren hüteten wir uns, nahmen
auch den ersten Verband nicht ab, sondern legten dicht und fest einen
frischen darüber, worauf der Unglückliche seinen Kreuzweg
weiterschwankte, gefolgt von dem grimmigen Lachen unserer Infanteristen,
die vielleicht, ohne es zu bedenken, in dem erniedrigten Bilde des
feindlichen Genossen sich selber verhöhnten: Heute du -- morgen wir! Wir
marschieren nicht weiter; Befehl ist gekommen, an Ort und Stelle zu
biwakieren. Jetzt werden die Gewehre zu Pyramiden gegeneinandergestellt,
die Helme darangehängt, Zelte aufgeschlagen. Verbündete Truppen ziehen
über den Berg; Fetzen unbekannter Sprachen flattern vorbei. Der Mond,
blaßgrün, schmal wie ein Grashalm, geht in kleinem Bogen über den
Himmel, das Flammen der Sterne beginnt. Die Kompagnien haben Feuer
angezündet, um die sich bald alles versammelt. Auch österreichische
Offiziere kommen für eine Weile, um sich zu wärmen. Einer von ihnen hat
ebenfalls die Frau bei den Gräbern getroffen und vergeblich zu beruhigen
versucht. Er hat sich auch in dem Pfahlhüttchen umgesehen. Kleider,
Felle, bunte Decken und Lebensmittel, sagt er, gebe es darin genug. Er
habe einen Mantel herausgeholt und der Wahnsinnigen über ihre Nacktheit
gelegt, sie habe ihn wieder herabgleiten lassen. Übrigens sei das Haus
ein Grenzhaus gewesen, die Rumänen, auf ihrem Vormarsch, hätten Vater
und Sohn, die beiden Grenzwächter, niedergemacht; jedoch ergibt sich aus
ferneren Reden, daß auch dies nur Vermutung ist. Fast war ich froh, als
das Gespräch zum Gewöhnlichen zurückflachte. Was liegt am Geschehen? Den
Schmerz, der den Menschen dahin verhärtet, wo es kein Hungern, kein
Frieren, keine Tränen mehr gibt, den Schmerz, der Trost und Wohltat mit
weihender Beschwörung zurückweisen muß, dies letzte große Heiligtum der
Menschen, jedem höchsten Genius verwandt, soll man es zerschwatzen? Eine
Angelegenheit für Greuelerzähler und Seelenspäher daraus machen?
Die Nacht wird kalt. Einer um den andern gesteht sich ein, daß er für
einen Gebirgswinterkrieg eigentlich nicht ausgerüstet ist. Keiner spürt
Lust, in das dünne Zelt zu kriechen. Ich will als Gast von Feuer zu
Feuer wandern, bis mich der Schlaf übermannt.