Das Lager aus Fichtenzweigen, das Rehm aufgeschichtet und mit einer
Zeltbahn überdeckt hat, bewährte sich gut; wir schliefen alle weit in
den Morgen hinein. Die Rumänen bleiben ruhig. Die Unsrigen bauen
Unterstände. Es verlautet aber, daß wir nicht lange hierbleiben.
Beim Frühstück, als der Major Marmelade aus dem Topf nehmen wollte,
brachte er mit dem Löffel eine kleine tote Maus zum Vorschein. Wie sie
in das Gefäß geraten ist, wer weiß es? Mäuse gibt es ja hier genug, es
sind hübsche bräunliche, mit Augen wie schwarze Fischrogenkörnchen; beim
Aufwachen heute sah ich eine über mir im Gezweig, die mich beobachtete.
Klingensteiner wurde gerufen und zur Rechtfertigung aufgefordert, konnte
aber keine andere Erklärung abgeben, als daß der Topf über Nacht
vermutlich unbedeckt stehen geblieben sei. Er wurde hart angelassen, was
er schweigend hinnahm; schließlich erbot er sich schüchtern, eine neue
Büchse zu öffnen. Der Major schien zu schwanken, aber nur einen
Augenblick, dann wies er das Anerbieten zurück, ließ die Mäuschenleiche
entfernen und begann, während ihm vor Widerwillen die Augen aus dem
Kopfe traten, sein Brot zu bestreichen, schob auch uns das
Marmeladegefäß zu. Da er uns schaudern sah, bestrich er das Brot noch
etwas dicker und erklärte knapp und brüsk, die Maus könne erst heute
nacht hineingefallen, von Verwesung also noch keine Rede sein, in den
Städten Deutschlands herrsche der Hunger, tausend Mütter würden sich
dort glücklich schätzen, wenn sie ihren Kindern solche Marmelade auf ihr
elendes Kleienbrot schmieren dürften. Dabei kaute und schluckte er
gewaltsam, die Mienen von grenzenlosem Ekel verzerrt. Endlich stand er
auf, strich sich stehend ein zweites Brot und ging, ohne abzuwarten, ob
wir seinem Beispiel folgten, davon. Einige lachten jetzt, und einer
nannte ihn ein Schwein, doch war eine gewisse Angefochtenheit bei jedem
zu merken. Einer meinte schließlich, er hätte ja die Marmelade
stehenlassen und mit dem trockenen Brote vorliebnehmen können; aber dies
Wort ging daneben, jeder hatte gespürt, daß der Alte den Ekel mit
Bewußtsein erleiden und zeigen, ja, daß er uns damit peinigen und
beschämen wollte. Im stillen mochte sich auch jeder sagen, daß ein Volk,
worin alle dächten und handelten wie er, ewig unüberwindbar bliebe; doch
scheint es manchem befremdlich, daß aus dem bitteren kleinen Greise, der
uns allzuoft halb eine Belustigung, halb ein Ärgernis gewesen ist, auf
einmal etwas wie echter Schmerz und echte Größe hervorwachsen will. Sich
selber traut ja jeder Erneuerungen zu; den andern aber, besonders den
älteren, hält man gern für eine starre Gewordenheit und ist fast
ungehalten, wenn er einem plötzlich Beweise vom Gegenteil gibt.
Bald redete keiner mehr; nachdenklich saßen alle um den Marmeladetopf,
bereit, wenn es gegolten hätte, davon zu essen, aber einer durch des
andern Gegenwart gehemmt.
* * * * *
Nach Mittag durchging ich mit dem Ordonnanzoffizier unsern ganzen
Frontbereich. Die Gegend ist wie absterbend; manchmal knistert es im
Gezweig, eine Staude wird geschüttelt, aber man sieht kein Wild, keinen
Vogel. Der Wald ist Urwald; filzig-strähnige Flechtengewebe verbinden
die Baumkronen und verdünnen das Licht. Ungeheure Stämme, halb
aufgelöst, manche wie durchwärmte Kerzen verbogen, glühend in allen
Röten und Bräunen des Verwesungsrostes, liegen auf- und nebeneinander,
und überall ringt Alge, Moos und Pilz zur Welt. Ja, was höhere Natur in
veredelter und festerer Form lange bewahrt und entwickelt, bis es
endlich mit Augen blickt oder sich mit Flügeln auflüftet, hier, im
feilsten hinfälligsten Stoff, ist es vorgeträumt seit Äonen und
zerfällt, kaum geworden, in haltloser Brunst. Es gibt Schwämme, die wie
Rebhuhnfittiche den Boden überbreiten, andere gleichen schwarzen
Muschelschalen, aus denen ein amethystenes Geriesel kommt. Ein Flor
violetter Posaunen bedeckt ganze Flächen, aus lockigem Gekräusel stehen
weiße Glieder, und winzige verstümmelte Hände, lichtgrün, mit einem
siegellackroten Tröpfchen statt fehlender Fingerspitzen, greifen aus
morschen Rinden hervor.
Plötzlich standen wir vor einem Toten, und als hätte uns dieser den
Blick geöffnet, sahen wir nun den Wald voller Leichen. Um die Höhe
Lespédii herum liegen sie zu Reihen hingestürzt, lauter Rumänen; die
Österreicher hat man wohl bereits begraben. Sie tragen zwiefach
gespitzte Mützen, denen vorne bloß ein Goldknöpfchen fehlt, um an alte
deutsche Schalkskappen zu erinnern. Alle haben ganz neue Uniformen, dazu
Halbschuhe, die aus einem einzigen Stück Leder geschnitten und oben mit
starker grüner, durch Löcher laufender Schnur zusammengezogen sind. Der
Ausrüstung ist anzumerken, daß die Führer mit einem raschen Siegeslauf
gerechnet haben.
Wir besuchten unsere sämtlichen Kompagnien; später gesellte sich
Leutnant K. zu uns, der vor acht Tagen zum erstenmal an die Front
gekommen ist, und wir schritten zu dritt einen weiten Bogen aus, wobei
der Ordonnanzoffizier sehr anschaulich die Lage des Oitózpasses
beschrieb. Der Leutnant ist ein zarter Junge, wie ihn früher kein Heer
aufgenommen hätte, sein Gesicht so bleich, als wäre er erst vom
Krankenbett aufgestanden. Die Begegnung mit so vielen Toten schien ihn
anzugreifen; er fragte, wann sie denn begraben würden, worauf der
Ordonnanzoffizier meinte, das eile nicht so sehr, der Frost bewahre die
Leichen gut und lasse keine Verwesung herankommen, es gäbe für den
Augenblick Wichtigeres zu tun. In einer kleinen Lichtung blieben wir
stehen und betrachteten die Höhe Lespédii, die das Bataillon in den
nächsten Tagen erstürmen soll. Sie nahm sich jetzt noch unbedeutender
aus als gestern im Fernrohr; mit gelbem Gestein und braunem Gestrüpp
glich sie dem räudigen Fell eines scheckigen Tieres, und Leutnant K.
sprach nur mein eigenes Empfinden aus, als er fragte, ob es denn
irgendeinen taktischen Zweck habe, für den elenden Steinhaufen deutsches
Blut zu opfern, man möge ihn doch in Gottes Namen den Rumänen lassen.
Der Ordonnanzoffizier sah den jungen Kameraden verwundert an wie einen
Mitspielenden, der sich nicht an die Spielregeln hält, und erklärte
dann, es handle sich keineswegs darum, Berge zu erobern, sondern
feindliche Kräfte hier festzuhalten und wichtigere deutsche Fronten zu
entlasten, und übrigens sei es an der Zeit, daß wir ins Gefecht kämen,
eine lange Defensive zerstöre den Mut, ja der beste Soldat werde
schlecht ohne Kampf und Gefahr.
Der Leutnant schwieg lange. Erst als wir schon den Rückweg angetreten
hatten, fragte er unvermittelt, ob sich von den Friedensgerüchten, die
neulich umliefen, etwas bestätigt habe. Wir verneinten es. Nun geriet er
mehr und mehr in ein fieberisch-verworrenes Gerede hinein; schließlich,
lachend und doch sehr erregt, erzählte er von einer Tante in Augsburg,
die darauf schwöre, niemand anderer als Mars, der nahe rote Planet, habe
uns den Krieg gesandt, er herrsche auf sieben Jahre über die Erde und
sauge an ihren Geistern, bis sie einander aus der warmen Behausung des
Lebens jagen. Der Ordonnanzoffizier war immer einsilbiger geworden; auf
das letzte hin schwieg er ganz, und ich glaube, er hatte recht. Vor den
Antlitzen der Toten erstirbt jedes nicht ganz wahre, nicht ganz
nüchterne Wort wie in luftleerem Raum. Im Grunde fühlt wohl jeder einen
Sinn in sich, der mit und über allen Planeten weiß und wirkt. Bleiben
wir im engsten Kreise wachsam! Wenn einer vom eigenen Mittelpunkt aus
das Nächste, Notwendige erkennt und löst, wie kann ein wandelnder Stern
gegen ihn sein? Er hat sich dem Geist aller Sonnen verbunden, immer
dient er den Gängen des ewigen Spiels.
In das obere Waldgebiet zurückkehrend, sahen wir die schwarze
Fichtenfensterung rot und blaugolden wie mit Scheiben ausgelegt, unter
uns aber, schon von Halbnacht umgeben, die große weiße Dunstsee
hingebreitet, an deren östlichem Saum einzelne kleine Lichter
flimmerten. Während wir uns fragten, ob diese noch unserer eigenen oder
schon der gegnerischen Zone angehörten, bemerkten wir am Boden etwas
Seltsames, ein kleines dunkles Tier, das, einer aufziehbaren Blechmaus
ähnlich, in engen Kreisen unaufhörlich einen Baum umlief. Sein Gebaren
erinnerte an die japanischen Tanzmäuse, die Wilhelm in Hellabrunn immer
so viel Spaß gemacht haben; es war aber größer und nahezu schwarz. Wir
näherten uns vorsichtig, da huschte es den Stamm hinauf und war
verschwunden. -- Im Unterstand wurde mir eröffnet, daß ich laut
Brigadebefehl für die Kampftage zum Regimentsstab abkommandiert bin, wo
ich einen Verbandplatz errichten soll. Das bedeutet, aus Gefahr und
feuchter Niederung der Leichenwälder in Sicherheit und golden-trockene
Höhenluft versetzt werden. Alle wünschen mir Glück. Ich wäre aber lieber
beim Bataillon geblieben.
_6. November_ stieg ich mit Rehm, Dehm und Raab auf den Gipfel des
Kishavas, meldete mich beim Oberst und nahm sogleich einen Verwundeten
in Empfang. Er ist bei einer Erkundung in die linke Seite geschossen
worden; die Kugel steckt in der Lunge. Uneingedenk des Todes, der ihm
wie ein feiner sichelförmiger Glanz aus den schon umnebelten Augen
blickt, verlangt er hartnäckig Schnaps und hofft, mit ihm seine Schwäche
zu überwinden, um unzählige Rumänen erschießen zu können. Nie sah ich so
brennende Rachsucht in so leidender Natur.
Beim Abendessen besprach ich mit dem Oberst Ort und Art des zu bauenden
Unterstandes. Wir einigten uns auf einen geschützten Platz am Waldrand.
Ich bat ihn auch, mir Leute zur Arbeit zuzuweisen; aber bevor er nur
antworten konnte, erklangen von allen Seiten die schönsten
Versprechungen: Adjutant, Feldgeistlicher und Ordonnanzoffizier
überbieten sich in Hilfsbereitschaft, jeder wird mir morgen in aller
Frühe seinen Diener senden.