Um fünf Uhr marschierten wir ab. Es wehte scharf aus Nordost. Bald fror
ich im Reiten und ging lieber zu Fuß. Dunkelgrüne Wintersaaten breiten
sich bis zu den Bergen hinan, denen wir uns rasch näherten. Über den
Gipfeln lagen erdgraue Wolkenschichten, die sich nach und nach rötlich
fleckten und auf einmal Feuer fingen. Schließlich aber ging die Sonne
nicht an dem Punkt auf, wo es am heftigsten flammte, sondern etwas links
davon in gleichmäßig hellem Gewölk. Wir erblickten bereits das Türmchen
von Bereczk, da kam ein Befehlträger nachgesprengt und übergab dem Major
ein Blatt, gleich scholl ein Halt, und nach Minuten folgte Befehl:
Zurück in die alten Quartiere! Mit lauten Rufen bezeugten die Kompagnien
ihre Freude. Vielleicht war ich der einzige, der im Augenblick den
Marsch lieber fortgesetzt hätte. Ist Aufschub einer Entscheidung dem
vorwärtsgerichteten Geiste doch immer gespenstisch, als verböge sie den
geraden Gang des Geschicks. Um zehn Uhr gelangten wir nach Esztelnek
zurück, wo uns die gestern noch so freundlichen Dörfler mit bestürzter
Zurückhaltung betrachteten. Unsere Wiederkehr kommt ihnen überaus
verdächtig vor; sie vermuten dahinter den Beginn eines deutschen
Rückzugs und sehen uns im Geiste bereits über die Maros gejagt. Meine
gute Wirtin dagegen begrüßte mich mit unverhohlener Freude; sie schien
mich erwartet zu haben. Jemand hatte ihr nachträglich die ärztlichen
Zeichen an meinem Kragen gedeutet, nun wollte sie Versäumtes nachholen.
Über Stufen führte sie mich in eine Kammer, wo Heiligenbilder in
russischem Stil an den Wänden hängen und leere zierlich bemalte
Ostereier den Deckenbalken entlang an Nägelchen aufgespießt sind. In
einem zum Fenster gerückten Bett mit grellroter Decke lag eine kaum
Sechzehnjährige, von der Schwindsucht gezeichnet. Die Mutter geriet ganz
aus ihrer Gehaltenheit und redete viel und schnell. Wenn ich zu erklären
versuchte, daß ich nicht eines ihrer Worte verstünde, nickte sie mir zu
mit solchem Beifall, als wärs gerade das, was sie zu hören wünschte.
Wozu auch Worte! Sie suchte Hilfe, das war leicht zu begreifen. Das Kind
ist schön; schwarzes feuchtes Haar über dem Schwächeglanz der Stirne
hoch emporgekämmt, in den Augen brennt das ganze in die Enge getriebene
Leben, wie eine Flamme in reinem Sauerstoff brennt. Der Leib ist
schrecklich eingeschmolzen; die Brüste nur, steil und straff, trotzen
noch selig dem Tod.
Während des Untersuchens wurde wieder einmal offenbar, wie sehr doch das
lange Kriegsleben die innere Gestalt verändert. Was durch Jahre
tägliches Geschäft gewesen war, das Durchspüren der Organe nach den
Herden des Zerfalls, es will nicht mehr so recht von der Hand gehen. Ja,
mir kam vor, als wärs ein gröbliches verfängliches Beginnen, blasse
Magie, die weder guten Tod noch gutes Leben bringt. Ich glaube, mancher
Arzt wird künftig seinen Kranken anders gegenüberstehen als bisher.
Vielleicht müßte man sich selber gewissen Übungen und Enthaltungen
unterwerfen, wenn man tiefe Verschattungen einer anderen Natur
durchdringen und auflösen will, vielleicht auch viele Kranke abweisen,
um wenige desto sicherer zu heilen. Für diesmal war es nur ein
Scheindienst, was ich leistete; und als ich nach der Untersuchung
andeutete, daß ich Arzneien aus dem Sanitätswagen holen wolle, waren
Mutter und Tochter für den Augenblick zufrieden und getröstet. Die Frau
ging und brachte einen Teller mit Pflaumen, bot erst mir, dann der
Kranken und aß auch selber davon. Schweigend saßen wir nun beisammen,
sie meiner, ich ihrer Sprache unkundig. Heiße Nachmittagssonne schien
herein, sie durchleuchtete rötlich die braunen Paprikaschoten, die wie
kleine Hörner in Büscheln am Fenster hängen. Wespen summten, und leiser
Geschützdonner kam von den Bergen herüber. Auch die Mutter sprach nicht
mehr; zuweilen, wenn sie mich zum Essen ermahnen wollte, rührte sie mit
der Hand leicht an mein Kinn und deutete dann auf die Früchte. Bald
stand ich auf und ging. Wie ein ewiger Abschied von allem dumpf
Leidenden, Schwindenden war mir die Szene. Und seltsam, nicht mehr als
niedrig-widriges Zehrergezücht erschien mir auf einmal das dunkle Reich
der Mikroben, vielmehr als eine heilig-schreckliche Macht, verbunden und
pflichtig den stärksten Energien der Natur. Solche zu bekämpfen kann
jetzt kaum unser Dienst sein. Schon deuten sich andere Gewalten an,
denen wir uns entgegenstellen oder denen wir uns verbünden müssen.
»Es gibt abwartende Gifte, die das Blut nicht beschädigen, solange sich
das vergiftete Wesen im Finstern hält, wogegen sie bei hellem Tage
sogleich zu gären und zu töten beginnen.« Wie klärt sich mir langsam
dies dunkle Wort!
Vor dem Abendessen verschlief ich eine halbe Stunde. Mir träumte von
meinem Pferd. In dem Augenblick, da ich es besteigen wollte, verwandelte
es sich in ein junges nacktes Weib.
Der Adjutant kündigt an, daß es morgen in aller Frühe weitergeht. Er
versichert uns, daß wir diesmal nicht zurückgerufen werden.