Nach etlichen Ruhetagen scheint es nun gewaltig zu schlaunen:
Eilmärsche, mit Gefechtsübungen verbunden, brachten uns heute bis
Esztelnek, dessen weißer Turm, ein Campanile, sich einige Schritte vom
Kirchlein fernhält. Als mich meine Quartierwirtin im Hof willkommen
hieß, erschrak ich vor der fast unnatürlichen Ähnlichkeit, womit mich
Gesicht und Gebaren dieser Bäuerin an Frau Nikola, die verstorbene
Oberin, erinnerte. So gibt es auch da kein Ende, und immer schaut
gleiche Seele mit gleichen Augen durch die Schichten der Zeit. Jene zwar
verließ ihr Leben lang das Kloster nicht; diese ist Mutter, dabei aber
herb und ernst, wie vom Gesetz eines Ordens begrenzt, und all ihr Tun
spielt sich im Rhythmus geistlicher Übungen ab. Sie entschuldigte sich
sehr, daß sie fast kein Deutsch verstehe, und führte mich in eine Stube,
deren helle Nüchternheit mein Gefühl bestätigte. Die Frau brachte
Weißbrot und Äpfel, entfernte sich, kam aber bald wieder und stellte
Photographien ihres Mannes und ihrer zwei Söhne auf den Tisch. Dann
faltete sie in Schulterhöhe die Hände nach der Seite zusammen, neigte
den Kopf darauf, indem sie eine Schlafende nachahmte, deutete hierauf
zur Erde, sagte »In Galizia« und ging wieder. Die Bilder ließ sie bei
Brot und Früchten stehen, als wünschte sie, daß ich, die Gaben des
Hauses genießend, auch der Toten des Hauses gedächte.
Der Nachmittag verging im Dienst. Unser Wohin ist noch immer unbekannt.
Die verheißene Stiefelsendung ist nicht eingetroffen. Das Bataillon wird
mit löchrigen Sohlen in den Gebirgskrieg marschieren. Aus der Heimat
kommt keine Nachricht. Am Abend, vielleicht vom Turmtraum gewiesen,
bestieg ich den Campanile. Wenn das Dunkel die Grenzen der einzelnen
Besitztümer aufhebt und schließlich nur noch die staubweißen
allhinführenden Straßen erkennbar bleiben, die jedem und keinem gehören,
so schickt man gern seine besonderen Wünsche schlafen.