26. Oktober. Auf dem Marsch

Bei klarem Wetter vergißt man die nächtlichen Träume schnell; im trüben

haften sie lang. Vor einem Turmeingang hatte ich den kleinen Wilhelm

zurückgelassen und ihm zu warten befohlen. Ich stieg die Wendeltreppe

hinauf. Die rohe Ziegelwand hatte Nischen; die schienen tief in

Katakombenfinsternis hineinzuführen. Ich sah hohe schmale silberne

Wiegen; in jeder lag, puppenklein, ein toter deutscher oder

französischer Soldat, die gläsernen Augen weit offen; einzelne

Lorbeerblätter, wie kleine Flügel, standen auf Blutgerinnseln an Stirn

und Haar. Ich stieg weiter und befand mich auf einmal vor dem schönen

jungen Wolf, den wir im Tierpark zu Hellabrunn öfters gefüttert haben;

seine rechte Vorderpfote war zwischen zwei Stufen eingeklemmt,

erwartungsvoll sah er mich an. Eine Berührung genügte, um ihn zu

befreien; vorsichtig hinkend ging er mir nach oben voraus. Dabei merkte

ich, daß von den Schultern an sein Fell eigentlich ein Gefieder war,

breite graue, silbern geaugte Federn, in einem Pfauenschweif endend. Ich

sah empor, da flog hinter Wolken der Mond, Wind pfiff um die Ohren, ich

stand auf weiter Heide. Drei weibliche Gestalten, in weiße Decken

gehüllt, schliefen unter eisklirrenden Bäumen. Die vordere war Vally;

dahinter größer, wesenloser, lagen Mutter und Schwester. Ich beugte mich

nieder, da sah ich, daß die weißen Decken aus lauter Schneeflocken

bestanden, die wie ein Federkleid aneinanderhingen. Der Wolf ging im

Kreise herum und beschnupperte die drei Frauen. Jetzt erwachten sie, mit

verstörten Gesichtern; keine kannte mich. »Der Wolf wird euch fressen,

wenn ihr schlaft auf der Heide!« rief ich ihnen zu. Sie lächelten

einander verlegen an. »Geht in den Turm! Dort sind silberne Wiegen«,

setzte ich hinzu. Ich wollte es freundlich und ermutigend sagen, aber es

kam hart und drohend heraus. Sie erkannten mich nicht und fürchteten

sich vor mir. Vally, frostgeschüttelt, zog die Schneedecke über sich und

rief dabei leise dem Wolf etwas zu. Der legte sich den Schläferinnen zu

Füßen, schlug ein Pfauenrad und bedeckte alle drei mit seinem ungeheuren

grauen, silbern spiegelnden Gefieder. Da hörte ich ganz laut und klar

das Söhnchen aus der Tiefe rufen: »Vater, bist du schon oben?« und war

wach.

Am Abend stieg der Nebel auf und formte sich zu hellen, tiefgekerbten

Wolken auseinander. Die Berge sind wieder weiter zurückgetreten. Das

Fernglas zeigt eine kleine, schimmernd weiße Stadt; es muß

Kézdi-Vásárhely sein.

Rumänisches Tagebuch · 第 18 / 64 题