Bei klarem Wetter vergißt man die nächtlichen Träume schnell; im trüben
haften sie lang. Vor einem Turmeingang hatte ich den kleinen Wilhelm
zurückgelassen und ihm zu warten befohlen. Ich stieg die Wendeltreppe
hinauf. Die rohe Ziegelwand hatte Nischen; die schienen tief in
Katakombenfinsternis hineinzuführen. Ich sah hohe schmale silberne
Wiegen; in jeder lag, puppenklein, ein toter deutscher oder
französischer Soldat, die gläsernen Augen weit offen; einzelne
Lorbeerblätter, wie kleine Flügel, standen auf Blutgerinnseln an Stirn
und Haar. Ich stieg weiter und befand mich auf einmal vor dem schönen
jungen Wolf, den wir im Tierpark zu Hellabrunn öfters gefüttert haben;
seine rechte Vorderpfote war zwischen zwei Stufen eingeklemmt,
erwartungsvoll sah er mich an. Eine Berührung genügte, um ihn zu
befreien; vorsichtig hinkend ging er mir nach oben voraus. Dabei merkte
ich, daß von den Schultern an sein Fell eigentlich ein Gefieder war,
breite graue, silbern geaugte Federn, in einem Pfauenschweif endend. Ich
sah empor, da flog hinter Wolken der Mond, Wind pfiff um die Ohren, ich
stand auf weiter Heide. Drei weibliche Gestalten, in weiße Decken
gehüllt, schliefen unter eisklirrenden Bäumen. Die vordere war Vally;
dahinter größer, wesenloser, lagen Mutter und Schwester. Ich beugte mich
nieder, da sah ich, daß die weißen Decken aus lauter Schneeflocken
bestanden, die wie ein Federkleid aneinanderhingen. Der Wolf ging im
Kreise herum und beschnupperte die drei Frauen. Jetzt erwachten sie, mit
verstörten Gesichtern; keine kannte mich. »Der Wolf wird euch fressen,
wenn ihr schlaft auf der Heide!« rief ich ihnen zu. Sie lächelten
einander verlegen an. »Geht in den Turm! Dort sind silberne Wiegen«,
setzte ich hinzu. Ich wollte es freundlich und ermutigend sagen, aber es
kam hart und drohend heraus. Sie erkannten mich nicht und fürchteten
sich vor mir. Vally, frostgeschüttelt, zog die Schneedecke über sich und
rief dabei leise dem Wolf etwas zu. Der legte sich den Schläferinnen zu
Füßen, schlug ein Pfauenrad und bedeckte alle drei mit seinem ungeheuren
grauen, silbern spiegelnden Gefieder. Da hörte ich ganz laut und klar
das Söhnchen aus der Tiefe rufen: »Vater, bist du schon oben?« und war
wach.
Am Abend stieg der Nebel auf und formte sich zu hellen, tiefgekerbten
Wolken auseinander. Die Berge sind wieder weiter zurückgetreten. Das
Fernglas zeigt eine kleine, schimmernd weiße Stadt; es muß
Kézdi-Vásárhely sein.