Bis Mittag stiegen wir durch windgetriebene Nebelwolken über bewaldete
Hügel. Nach ein Uhr klärte sich unter uns das Tal von Csik Szereda, in
das wir hinabstiegen. Hier war die Luft still und warm.
Um die Stadt rankt sich ein Kranz neuer Gräber. Innen sind viele Gebäude
zerstört und ausgeraubt, die eisernen Schutzläden vielfach mittels
Handgranaten zerrissen. Fliehende Rumänen hatten die Alutabrücke
gesprengt; nun ist von preußischen Pionieren eine hölzerne Notbrücke,
ein kühnes, fast zierliches Bauwerk, in wenigen Stunden errichtet
worden.
Vor Ottelve gab es ziemlich lange keine Marschpause. Eben kamen die
siebenbürgisch-rumänischen Grenzberge zum erstenmal in Sicht, da
erscholl aus einem der vorderen Züge ein lautes Halt!, das nach hinten
weitergegeben wurde. Die Gruppen gerieten in Unsicherheit; einige
wollten stehenbleiben, andere weitergehen. Bald stellte sich heraus, daß
weder der Major noch Leutnant Leverenz, die beide eine Strecke
vorausgeritten waren, einen Haltbefehl erteilt hatte. Irgendein Mann
mußte gerufen, ein anderer den Ruf weitergegeben haben. Der Marsch wurde
fortgesetzt. Als wir bald nachher auf einer Wiese lagerten, verbot
Leverenz seiner Kompagnie das Abnehmen der Tornister, ließ sie in voller
Ausrüstung antreten und erklärte, daß er sie so lange stehen lassen
werde, bis ihm der freche Störer gemeldet sei. Unterdrückte
Verwünschungen wurden hörbar; den Gehorsam zu verweigern wagte aber
keiner, ja mehrere, die den Tornister bereits abgelegt hatten, nahmen
ihn zwar murrend, aber hurtig wieder auf. An etwas erhöhter Stelle trat
Leverenz mitten vor die Mannschaft und, wiederholte seinen Beschluß. Er
setze voraus, sagte er, daß nahezu alle den meuterischen Rufer
verurteilten; sei der zu feig, um sich zu nennen, so müsse es ein
anderer tun. Geschehe dies noch während der Ruhestunde, so werde der
Schuldige bestraft, und damit habe es sein Bewenden, wo nicht, so werde
die ganze Kompagnie, die Herren Zugführer nicht ausgenommen, zu büßen
haben. Keiner murrte jetzt mehr; es wurde sehr still, Soldaten anderer
Züge kamen auf einige Entfernung heran, neugierig, wie das ausgehen
werde. Der Anblick war beklemmend. Hier stand einer der besten Offiziere
der Division, mit seinen meisten Untergebenen stamm- und artverwandt,
vielgerühmt als furchtlos und besonnen, verehrt als einer, der niemals
aus bloßem Ehrgeiz die Seinigen in gefährliche Lagen brachte, im Kriege
früh alternd, mit Narben geschmückt, jetzt bleich vor Erbitterung über
die ihm vermeintlich angetane Schmach, die scharfen runden Augen ein
wenig auf Uhuart einander zugedreht, einen Mann um den andern fixierend,
sichtlich entschlossen, die Sache zum Äußersten zu treiben, dennoch
weise genug, sie vorderhand gewissermaßen unter vier Augen austragen zu
wollen, -- ihm gegenüber die abgemattete Mannschaft, über sich selbst
erschrocken, eben sich noch dumpf in einem Rechte fühlend, das aber,
sobald es ausgesprochen werden sollte, zu Nichts zerfiel, im stillen die
Haltung des Führers vielleicht schon bewundernd, -- wo las ich doch
einmal, daß eulenhafte Menschen allen andern überlegen seien?
Suchte man sich den Vorgang ins klare zu denken, so sah man eigentlich
nur ein Übel akut aufbrechen, das nun schon lange unter uns umschleicht.
Ins dritte Jahr zieht sich der Krieg; der Soldat, vielfach unberufen,
spärlich ernährt, mangelhaft gekleidet und beschuht, selten beurlaubt,
im Urlaub von Mutlosen entmutigt, verliert Nervenkraft und Zucht. Die
Offiziere wissen es und lassen, besonders die jüngeren, aus Verlegenheit
manches hingehen, überhören sträfliche Zurufe, reden sich auch wohl ein,
diese seien nicht böse gemeint und werden in der Nähe des Feindes von
selber verstummen. Solch lax-zweideutiges Verhalten muß einer klaren
Kriegernatur wie Leverenz' durchaus bedenklich und unwürdig vorkommen,
und wenn er nun sein ganzes Ansehen einsetzt, um wenigstens seinen
kleinen Bereich gewaltsam in die Ordnung zurückzubiegen, so fühlt man
mit ihm wie mit einem Arzt, welcher einen Eingriff auf Tod und Leben
wagt.
Der Major indessen saß abseits, in einem Notizbuch blätternd wie
unbeteiligt, und gewiß war es sein bester Geist, der ihm eingab, sich
zunächst nicht in den Handel zu mischen.
Schon dehnte sich die Szene schier unerträglich, da fand sie höchst
unverhofft eine Entspannung. Hervor mit kleinen schnellen Schritten trat
Infanterist Kristl und bekannte sich klar und bündig als den Mann, der
»Halt« gerufen habe. Eine Weile standen alle wie erstarrt, dann ging
eine leichte behagliche Regung durch die büßende Kompagnie. Mir war ja
diese Selbstbezichtigung nicht unverdächtig, denn Kristl war keineswegs
vorne, sondern eher in der Mitte marschiert; aber wie er nun dastand,
bleich und zusammengenommen, in seinem ganz verfärbten Waffenrock, die
schwachen silbrigen Augenbrauen hoch hinaufgezogen, Leverenz
anblinzelnd, als ob dessen Anblick ihn blende, da konnte einen sein
Geständnis wirklich überzeugen. Durch des Leutnants ernstes Gesicht
flimmerte jetzt ein überaus flüchtiges Lächeln, seltsam zu sehen, als ob
ein steinerner Gott einen Atemzug lang Mensch würde. Vielleicht ging es
ihm wie mir, und er hielt es für möglich, daß Kristl sich falsch
beschuldigte, um die ersehnte Entfernung von der Front zu bewirken, und
er bedauerte ihn ein wenig wie einen, der eine Sache immer wieder
verkehrt anfängt, war ihm wohl auch heimlich einigermaßen dafür dankbar,
daß der Bogen nicht mehr stärker gespannt zu werden brauchte, --
jedenfalls griff er zu: ohne Verhör, kühl, streng erkannte er den Täter
an und verkündete, daß er Entziehung des Urlaubs auf ein Jahr als Strafe
beantragen werde, stellte jedoch Nachlaß in Aussicht, falls Kristl sich
vor dem Feind auszeichnen werde. Jemand lachte bei diesem Wort, aber
niemand lachte mit. Unverzüglich wurde die Kompagnie freigelassen,
während Kristl verwirrt und, wie es schien, enttäuscht, noch eine Weile
stehen blieb.
Unter Gewitterhimmel, den ein zartes nervenbeschwichtigendes Lilalicht
weithin durchatmete, zogen wir eine Stunde später nach Ottelve weiter;
Zuversicht und Gefühl des Zueinandergehörens waren plötzlich mächtiger
als seit langer Zeit. Das gemeinsam Erlebte so vieler Monate, Aufbrüche,
Nachtmärsche, Kampf, Wut, Todesangst, -- man merkt mit einer Art
Schrecken, daß es Eigentum und innerster Bestand geworden ist, daß man
es, ohne von sich selber abzufallen, nicht mehr wegwerfen kann. Kristl,
heute der einzige Handelnde unter lauter Leidenden, ist zu einem
wundersamen Ansehen gelangt. Ob er wirklich der Haltrufer gewesen,
danach fragt niemand. Aber jeder bietet ihm irgend etwas an, Zigaretten,
Schokolade, Nüsse. Auch Leute von den anderen Kompagnien grüßen
freundlich den sonderbaren Menschen und bekräftigen sein Lob.