Um fünf Uhr waren wir marschbereit. Die Frau, beim Abschied, brach
Zweige von einem getrockneten Pflanzenbüschel, der am Stubengebälk
befestigt ist, und reichte sie mir mit bedeutsamem Blick. Vermutlich ist
es als Talisman gemeint; der Geruch erinnert halb an Thymian, halb an
Rosmarin. Sie redete noch viel und eindringlich, als ich das Pferd
bestieg; verstand ich recht, so wollte sie mich einladen, dereinst nach
dem Kriege wieder als Gast in ihrem neugebauten Hause einzukehren. --
Der Major, noch vor neun Stunden im Fieber ächzend, sitzt fest auf
seinem Rappen und berserkert wider Offizier und Mann. »Was haben Sie dem
Kerl für Zeug gegeben?« schrie mir Leutnant F. zu. Ich sagte, mir könne
es recht sein, daß er meinen Mittelchen so viel Wirkung zutraue, aber
der Alte wisse genau, daß ihn viele weit weg wünschten, das sei auch
keine schlechte Arznei.
In langen Märschen entschleppte sich der Tag. Es ging über kahle und
bewaldete Hügel, und immer durch gleiches Regenperlengrau der Luft sah
man das gleiche stumpfe Blau der Häuser. Die Soldaten, geblendet noch
vom Glanz des Gestern, empfanden mürrisch Obdachlosigkeit, karges Essen,
zerrissene Stiefel und ungewisses Ziel, und an allem gaben sie dem Major
die Schuld, dem sie überdies seine Genesung nicht verzeihen können.
Laute Flüche schrieen sie ihm zu, wenn er vorüberritt; er stellte sich
taub und nahm Rache, indem er übermäßig lang auf eine Marschpause warten
ließ, die schließlich der Adjutant auf meinen Wunsch von ihm erbat.
In Székely-Udvarhely waren mehrere Gebäude gründlich zerstört, die Luft
noch voll Brandgeruch. Auf den Hügeln aber, in geringen Abständen,
staken blanke Nähmaschinen, treffliche deutsche Ware, bald im
Straßenschlamm, bald in der Ackererde. Ungern mag sich der fliehende
Gegner dieser wertvollen Beutestücke entledigt haben.
Abends klagten viele über äußerste Ermüdung. Vielleicht wirkt noch die
Typhusimpfung im Blut. Ich selbst spüre wenig, obgleich ich, um das
kranke Pferd zu schonen, den Weg, mit Gepäck beladen, zu Fuß
zurückgelegt habe. Die Mäßigkeit, die ich mir seit Beuvraignes verordne,
scheint zu nützen; auch lebe ich, vielleicht unter Glavinas Eingebungen,
wachsamer als früher und mache mir aus unserm Zug nicht viel mehr und
nicht viel weniger als ein großes Abenteuer. Damit gewinne ich viel: der
unfreie Dienst wird mir leichter und läßt einen freieren ahnen, der
vielleicht aus ihm hervorgehen wird. Von den Mitteln, die man gegen
Erschöpfung anpreist, laß ich Tee und Kaffee gelten; grobtäuschende, wie
Tabak und Branntwein, hab ich vorderhand ausgeschieden. Den leichtesten
und geistigsten möchte ich am liebsten trauen. Wie wenige kennen die
unbemeßbaren, immer wirkungsbereiten Energien des lebendigen Wortes! Daß
es bei Dichtern Strophen gibt, herzgeborene, geladen mit der Kraft
ganzer Geschlechter, vergleichbar den radioaktiven Elementen, aber weit
wunderbarer, da sie, schon irdisch vernichtet, noch die Kräfte der Welt
anziehen und Fluten von Erneuerung verströmen, wer weiß etwas davon?
Mächtig genug wären manche, um das Schwungrad auch der ermüdetsten Seele
neu anzutreiben, und vielleicht sind schon sie allein es wert, daß man
sich eine Weile auf den Bergen des Todes aufhalte, weil sie dort gewiß
am reinsten und stärksten klingen. Schwingt aber die Seele frei, was
brauchen die Sinne viel Aufreizung? Brot, Früchte, eine Handvoll
felsgeschöpften Wassers, ein Geruch wilder Minze sind Erquickung genug.
Es war schon tiefe Nacht, als wir ankamen. Den Namen des Dorfes hab ich
vergessen. Alle Häuser sind mit Infanterie bereits überfüllt; wir sind
gerade noch in einem verlassenen, ausgeplünderten Hüttchen
untergekommen, wo sich auch etwas Heu gefunden hat. Die anderen haben
sich schon unter ihre Decken und nassen Mäntel gestreckt, mein
Kerzenstümpfchen flackert zu Ende, ich muß eilen, mir noch ein Lager zu
sichern.
»Die Welt, die rauhe, rohe, ungeheure, ich lebe jetzt in ihr wie in dem
Innern einer feinen, heftig schillernden Seifenblase und halte den Atem
an, um sie nicht zu zersprengen«, las ich bei Glavina.