Ehe wir Parájd, beim ersten Zwielicht, verließen, konsultierte mich der
Major. Sein Hüftnerv ist entzündet; er hat Fieber und kann sich vor
Schmerz kaum auf dem Pferde halten, will aber seinen Posten nicht
aufgeben und daher das Lazarett vermeiden. Schließlich gab er mir in
Scherz und Ernst den dienstlichen Befehl, ihn abends zu besuchen und bis
zum andern Morgen zu heilen. Mir fiel ein, daß noch die starken
Maretin-Laudanon-Pulver in der Brieftasche stecken mußten, doch erwähnte
ich nichts davon.
Das Ding will bedacht sein. Der kleine alte Herr ist unbequem,
quälerisch, aufsässig; aber er ist es nicht nur nach unten, sondern mehr
noch nach oben, ein seltener Fall in der Armee. Niemals läßt ers um sich
herum gemütlich werden -- aber sind wir denn hier, um es gemütlich zu
haben? Er weiß Nüchternheit und Mäßigkeit zu erzwingen, -- soll ich
leugnen, daß ich mich gesund und frei dabei fühle? Und einer, der uns
öfters reizt und beizt, entwickelt er uns nicht am Ende kräftiger als
einer, der uns freundlich gehen läßt? Nein, der kleine graue Dämon
gehört schon einmal zu uns und unserm Schicksal, -- vielleicht helfen
die Pülverchen, er soll sie haben!
Langsam stiegen wir die Straße nach Szentlélek hinan, die ein heißer
Wind schnell auftrocknete. Der Himmel sah seltsam aus; mein früher
Traum, als ob jede Stadt, jede Landschaft an der Formung ihrer Gewölke
mitwirke, meldete sich wieder. Ich sah lichtweiße schwarzgekernte Bälle,
dazwischen Meeresbrandungen mit abgesprühtem Schaum, dahinter eine graue
Bank, besetzt mit spitzen silbernen Bäumchen. Bald wurden wir inne, daß
wir uns durch eine der salzreichsten Gegenden Europas bewegen; rein und
weiß tritt hier und da der Salzstein aus dem grauen Mergel. Mancher
bricht in der Marschpause ein Stückchen ab, wägt es betrachtend und
steckt es wie einen Edelstein in den Tornister.
In den Dörfern sind alle Häuser mit gleichem stumpfem Blau getüncht; um
jedes läuft eine Galerie mit schlanken hölzernen Säulen, die das
vierflächige steile Walmdach tragen helfen. Die Grate, mit vielen
schrägen Zacken besetzt, sehen wie gestreckte Wirbelsäulen aus. Alte
Leute, traurig und freundlich, standen vor den Türen; einmal drängten
sich schwarzäugige Madjarinnen heran und berichteten schreiend
schauerliche Untaten der Rumänen, worauf blonde deutsche Frauen, die
seit ihrer Kindheit im Dorfe wohnen, besonnen-still, sichtlich auf
Gerechtigkeit bedacht, jene überschweren Anklagen auf ihr Maß
zurückführten.
Gegen zwölf Uhr gelangten wir vor das große Dorf Szentlélek, rückten
aber nicht ein, sondern lagerten samt großer und kleiner Bagage auf
einem heckenumflochtenen Anger, wo sogleich die Feldküchen geheizt
wurden. Kirchengänger, von der Sonntagsmesse heimkehrend, ungeheure
Gebetbücher im Arm, näherten sich auf allen Wegen, die Männer zögernd,
die Frauen mit lüftigem, zuversichtlichem Schritt. Unter vielen Worten
machten diese verheißende Zeichen und liefen auf einmal alle in die
Häuser, von wo sie bald mit Körben voll Obst und Eimern voll Milch
zurückkehrten. Das Dorf hat noch vor drei Tagen unter dem rumänischen
Einbruch zu leiden gehabt; nun freut es sich über den Vormarsch der
Deutschen und erschöpft sich in Gebelust. Milch schäumt in alle
Feldbecher, und mit goldensten Parmänen füllen sich die Taschen. Langsam
kommen auch Männer herbei, voran der uralte Pfarrer. Ihm haben die
Eindringlinge, da sie deutsche Bücher in seiner Stube fanden, zur Strafe
den ganzen Meßwein und obendrein die goldene Brille weggenommen. Während
er dies in leidlichem Deutsch mit gelassenem Humor erzählt, packt
Leutnant N. seine lange gesparte Flasche Burgunder aus; der Greis nimmt
das Geschenk als ein der Kirche dargebrachtes ohne Zögern an und
verspricht seine nächste Messe für den Spender zu lesen. Die übrigen
Männer treibt eine Hoffnung, Tabak zu erhalten, immer näher. Seltsame
Tauschgeschäfte kommen zustande. Für drei Zigaretten erhält ein Soldat
ein Dutzend Eier, ein anderer für zwei Päckchen Knaster eine fette Gans.
Mich aber suchten die Kranken des Dorfes; der Sanitätswagen wird
erschlossen, Verbandstoff und Arzneien freigebig verspendet, bis Raab
erschrocken gemahnt, daß uns im Gebirge niemand ersetzen wird, was wir
hier unbedacht hingeben. Indessen hat uns die Regimentsmusik eingeholt;
sie stellt sich in der Angermitte auf, spielt madjarische Lieder. Die
Kranken vergessen ihre Übel, Soldaten und Mädchen tanzen, die Stunde
wird zum Fest.
Um drei Uhr war es Zeit, das Dorf zu besetzen, damit uns nicht
nachrückende Bataillone die Quartiere wegnähmen. Mir ist eine
balkengedeckte Stube in einem alten Bauernhause zugewiesen. Es ist sehr
dumpf und düster innen, die Fenster klein, das Lager hart, schmal. Von
Bewohnern hab ich bisher nur den Bauer gesehen, einen kränklich und
grämlich aussehenden Mann, der uns aus dem Wege geht. Um die besonnte
Galerie draußen ist ein singendes Geschwebe winziger Holzwespen; die
haben Säulen und Geländer tausendfach durchlöchert und schlüpfen
unermüdlich ein und aus. Morsch, einsinkend ist alles, um so wundersamer
das ganz neue, reichgeschmückte Hoftor. Es hat hohe, breite Flügel mit
zierlichen Gittern und schön geschnitzten und bemalten Flächen. Gewinde
von Tieren und Pflanzen umkränzen beiderseits einen blauen Leuchter mit
gelbrot brennender Kerze, zu der sich eine grüne Schlange hinaufringelt.
Oben auf den Torpfosten ruht ein langes niedriges Gehäuse, eine Art
Arche, bemalt mit roten Täubchen, zwischen denen durch runde Luken
wirkliche Tauben verkehren. Sah denn das Tor dem ersten Blick so fremd
und gestohlen aus, als wärs von einem großen Gutshofe herverschleppt
worden, so merkt man bei längerem Vergleichen doch, daß es aus dem alten
Hauswesen hervorgewachsen ist. Ein sonderbarer Einfall war es freilich,
statt beim Hause beim Tor zu beginnen; immerhin errät man, wie das Ganze
werden soll. Der Krieg hat auch dieses Wachstum unterbrochen, und
vielleicht ist nur darum der Bauer so gedrückt und scheu, weil er seinen
Hof nicht erneuern kann und sich dabei verkümmern fühlt. »Wer baut,
erbaut sich selber«, -- es gilt das alte heilige Wort.
* * * * *
Nach dem Revierdienst zum Kommandeur befohlen. Er lag in einem breiten
Bett, mit Schafpelzen bedeckt, vom Fieber geschüttelt. Sehr ungehalten
zeigte er sich, als ich ihm Arznei geben wollte.
»Was soll mir das Gift?« rief er. »Gibt es etwas Frevelhafteres, als daß
man chemische Substanzen in das Blut bringt?«
Ich entgegnete, daß wir doch selbst aus lauter chemischen
Zusammensetzungen bestünden, die nur zuweilen unrichtig
ineinandergriffen, und dann müßte eine neue eingeführt werden, welche
die falschen Verbindungen löste. Als er noch zögerte, erinnerte ich ihn
daran, daß erkrankte Tiere sich öfters Kräuter und Blätter suchten, die
sie sonst niemals fräßen, und rasch davon gesund würden. Dies ließ er
gelten und nahm nun das Pulver fast gierig.
Den Abend verbrachte ich mit Offizieren in meinem Quartier. Eine der
Patientinnen vom Vormittag hat zwei Enten geschickt, die ließen wir
braten und tranken Apfelmost dazu. Die frohe Stunde auf dem Anger klingt
noch in allen; viele glauben, es werde sehr bald Friede geschlossen
werden. Einer erwartet vom deutschen, ein anderer vom russischen Kaiser,
ein dritter von Wilson das weltbefreiende Wort. Mancher dieser lieben
Menschen spürt im innersten Herzen vielleicht schon den nahen Tod und
sieht nun in wunderbarer Verwechslung das Ende des Krieges gekommen.
Immer um uns herum ging indessen die Hausfrau, ein nicht mehr junges
Weib, derbe Gestalt, welche sich aber im schönsten Maße bewegt,
hellgraue Augen, darunter breite braune, leicht geschwollene Schatten,
die von feinen blauen Venen umlaufen sind, schwarzes Kopftuch, unter dem
rauhes rotes Haar hervorsieht. Sie kostet von Most und Speisen, bringt
Äpfel und Pflaumen dafür und lehrt uns madjarische und rumänische Worte.
Mich hatte sie zuerst für den Feldgeistlichen gehalten und mit großer
Scheu behandelt; nun sie weiß, daß ich ein ungesalbter Mann bin wie die
andern, wird sie sehr zutraulich und sucht mich als ihren Wohngast und
Ältesten der Tafelrunde zu ehren, indem sie oft nach meinen Wünschen
fragt und mich dabei jedesmal auf zeremoniöse Weise halb umarmt, ein
Benehmen, das am Tische viel Gelächter hervorruft; aber darum kümmert
sie sich nicht. Zuweilen spricht sie mit sich selber, in anmutigem
Wahnsinn scheint ihr Wesen zu kreisen. Von Zeit zu Zeit ging sie in die
Wohnstube hinüber, wo ihr Mann finster, unteilnehmend am Herde saß, gab
ihm Zigaretten, die wir ihr geschenkt hatten, und redete ihm, wie mir
vorkam, begütigend zu. Zuletzt, wie ein Kind, brachte sie Schachteln mit
Karten, Briefen und Heiligenbildchen zum Betrachten. Wie sehr erstaunte
ich, darunter ein Blättchen mit der Skizze jener am Hoftor ausgeführten
Zeichnung zu finden! Hier, wo sich das Ornament als ein erst
entstehendes zeigte, regte es die Einbildung stärker an: ich konnte es
nicht lassen, mußte ein Meldeblatt nehmen und nachzuzeichnen versuchen.
Dabei wurde, wie stets in solchen Fällen, etwas anderes daraus. Ein
stattliches siebenbürgisches Haus im Hintergrund anzugeben, gelang
einigermaßen; vorn am Tor aber hat die Schlange den Flammenkern von der
Kerze gebissen und trägt ihn zwischen den Zähnen fort. Darunter schrieb
ich den Satz, den ich einst bei Glavina gelesen: Raube das Licht aus dem
Rachen der Schlange! Die Kameraden lachten, sie meinten, der Most sei
mir beträchtlich in den Kopf gestiegen; die Frau sah lächelnd dem
Gekritzel zu, schließlich fragte sie mit Gebärden an, ob sie's nehmen
dürfe, worauf sie ging, um es ihrem Manne zu zeigen.