Heut ist Ruhetag, und endlich führten wir die Typhusimpfung durch, die
schon seit August fällig ist. Zwei große Schulzimmer waren
uns überlassen. Um Raum zu gewinnen, hatte man die Bänke
übereinandergestellt. Auf dem Katheder lagen noch spanisches Röhrchen
und Kreide; an der Wand hingen Tafeln mit Abbildungen von Pflanzen,
Tieren und allen Menschenrassen der Erde. Mir war ein wenig bang vor
dieser Impfung, und gern hätte ich sie noch einmal verschoben. Denn
wieder sind die neuen Kanülen, die vielmals angeforderten, nicht
eingetroffen; die alten aber haben bereits arge Widerhäkchen an den
Spitzen, wodurch der Einstich und das Herausziehen sehr schmerzhaft
werden. Aber es gab kein Verzögern, und so half ich mir denn, wie ich
konnte, und verfiel schließlich darauf, ein bißchen Theater zu machen,
um die Aufmerksamkeit der Mißhandelten abzulenken. Zuerst entkleidete
ich mich selbst und versetzte mir vor der harrenden Mannschaft den bösen
Stich, wobei meine Mienen, glaube ich, in guter Ordnung blieben. Dann
kamen Dehm und Raab daran; sie waren wohl belehrt und hüteten sich, zu
zucken. Später nahm ich die Bildertafel mit den vielen wilden Völkern
zum Anlaß und gab, indessen ich die Haut der armen Burschen zerschund,
manches zum besten, was ich dereinst über Indianer und Malaien gelesen.
Sonderbarer Sitten der wilden Timmes wurde gedacht, die den Genossen,
den sie zum König wählen wollen, am Tage vor der Krönung fast zu Tode
prügeln, so daß er zuweilen seine Thronbesteigung nur kurze Zeit
überlebt, auch die Fidschi-Inseln nicht vergessen, wo liebreiche Kinder
unter vielen Tränen ihren Vater lebendig begraben, festen Glaubens, daß
er dann jenseits in aller Kraft und Herrlichkeit des Todestages ewig
weiterleben werde. Die guten Soldaten lauschten aufmerksam und schienen
über jenen ungeheuerlichen Grausamkeiten die kleinen wespigen
Einspritzungen wirklich leicht zu verschmerzen. Als alle Kompagnien
schon abgerückt waren, kam auch noch der Herr Oberst, um sich impfen zu
lassen, fuhr aber dabei so heftig zusammen, daß die Nadel schier
zerbrach und äußerte sich gar ungnädig. Den Mannschaften gegenüber war
er freilich sehr im Nachteil, da ich ihn leider ehrerbietig-schweigsam
verletzen mußte, ihm schicklicherweise weder Gebräuche der Wilden noch
sonst etwas erzählen konnte.
Die Stunde vor dem Abendessen verschlief ich. Das Impfgift wirkte wie
immer, ich träumte viel. Mir war, als lägen Jahre des Wachens, Denkens,
nach innen Gerichtetseins hinter mir. Nun aber saßen wir im Kreis um
einen französischen Kamin, Vally, Stefanie, klein Wilhelm, die Freunde,
etwas abseits Regina. Wir froren und streckten die Hände zum Feuer.
Regina trug ihr schwarzes Zöglingskleid mit rotem Gürtelband. Ihre Hand
war verbunden, aber auch alle anderen trugen Verbände. Wilhelm hatte
eine schwarze Binde über einem Auge. Doch waren wir guter Dinge und
plauderten viel von unserm früheren Leben. Auf einmal sagte Regina: Die
Männer sind schlecht. Sie fürchten sich vor mir und laufen nach
Frankreich zum bösen Feind. Da lachten die anderen hellauf; aber indem
sie lachten, wurden sie sehr unruhig und ganz durchsichtig; schließlich
verzog sich eines nach dem andern in den Kamin hinein und entschwand mit
den Flammen.
Als ich erwachte, war eben die Feldpost gekommen, und vor dem klaren
Klang des Lebens zerstob aller Trug der Träume. Auch Wilhelm hat ein
paar Zeilen angefügt; es mag ihm sauer geworden sein. »Ein Urlauber«,
schreibt er, »hat uns verraten, daß du nach Siebenbürgen kommst. Das
freut mich. Dort gibt es Gold in den Bergen und Flüssen. Der Oskar Appel
hat es in der Erdkunde gelernt. Nimm so viel du tragen kannst und bring
es mir mit! Ich kann es gut brauchen.« Der Brief war einem schönen
silbergrauen Umhang mit breitem, dunkelblauem Kragen angeheftet, den
mehrere unserer Offiziere, die ihn später sahen, mit Entrüstung als
vorschriftswidrig bezeichneten. Höchstens Generale der Artillerie
dürften einen so breiten Kragen haben, auf der Stelle müsse ich ihn von
einem Kompagnieschneider abändern lassen. Der Major aber sagte lachend,
für die Ärzte des Landsturms gebe es keine eindeutigen Vorschriften, ich
solle mir das Zeug ruhig umhängen, es könne mir nur zum Vorteil
gedeihen.