16. Oktober

Es regnet, und man bringt das Frösteln nicht los. Als ich eben zu mir

kam, lachten die Kameraden und sagten, ich habe zwölf Stunden geschlafen

und schon zweimal das Essen versäumt. Einmal aber muß ich doch wach

gewesen sein, vielleicht gestern abend. Wir fuhren gerade an Leipzig

vorbei, und ich erstaunte, daß die Stadt so unversehrt unter dem

Gewitterhimmel ruhte, daß nicht jedes Haus, jeder Turm zertrümmert war,

eine sonderbare Täuschung des Fiebers.

Die Stunden werden lang; die andern spielen Karten und rauchen; ich habe

einen Aufsatz über Atome und Elektronen nahezu auswendig gelernt, sodann

im Notizbuch abgerissene Sätze gefunden, die ich in Briefen Glavinas

gelesen und nie ganz vergessen hatte, so daß ich sie später leidlich

getreu nachschreiben konnte. Nun suche ich den einen oder andern in

meiner Sprache zu entwickeln, fürchte nur, daß dann etwas anderes daraus

wird, daß der ursprüngliche Jugendklang verloren geht.

* * * * *

»Es gab wilde Zeiten, da riß der Sieger dem erlegten Feinde das Herz aus

der Brust und aß es auf, weil er dadurch die Tugenden und Kräfte des

Toten zu erben hoffte. Zugegeben, daß dies ein kindisch-grausames

Verfahren war; aber so völlig sinn- und ehrfurchtslos, wie es dem ersten

Blick erscheinen mag, ist es doch nicht. Haß, ist er mit Liebe nicht aus

einer Wurzel? Der Meister der Menschen, ernährt er nicht seit

zweitausend Jahren mit seinem Herzen unzählige Seelen? Mir ist, als sei

keiner von uns zu langem Leben berufen, -- erkennen wir es doch! Opfern

wir uns bewußt und freudig dem unbekannten Geiste der Zukunft, bevor uns

ein armseliger Zufall ereilt und sinnlos zerfleischt!«

* * * * *

»Durchsichtig-dichte Jahre der Kindheit! Wo man sich wunderte, weil in

der Welt nur immer gerade so viel Wichtiges und Gefährliches geschah,

daß die Zeitung davon genau voll wurde, nie mehr und nie weniger!

Meistens, wenn die Blätter ins Haus kamen, teilten sich Vater und Mutter

darein; gespannt und sorgenvoll blickten sie auf die bedruckten Seiten,

es mußte ruhig im Zimmer sein, und ich durfte meine Angelegenheiten

nicht zur Sprache bringen. Aber wie Sonnenfinsternis ging der ängstliche

Zustand vorüber; verächtlich wurden die Papiere weggelegt, und alles

Fremde war damit unschädlich gemacht und abgetan. Heute nacht nun hatte

ich einen seltsamen Traum. Ich war wieder Kind und ging während eines

Gewitters über steinige Berge. Ein weißes Blatt hielt ich in Händen und

wandte keinen Blick davon. Frage ich mich jetzt, was auf der weißen

Fläche stand, so muß ich bekennen, daß sie ganz leer war, ohne Schrift,

ohne Zeichen; dennoch las ich mit Entzücken darin. Tiefziehende Wolken

besprühten das Blatt, Blitze loderten darüber hin, Himmel und Felsen

ertönten, und schaurig aus der Ferne riefen die Geister der Toten. Ich

aber las auf dem leeren Weiß unsagbar selige Begebenheiten und kümmerte

mich nicht um Gewitter und Rufe der Toten.«

* * * * *

»O Freund, ich selber würbe gern ein Heer zu wunderbarem, nie gewagtem

Feldzug; aber es ist noch zu früh, der Feind, den wir überall spüren,

hütet sich zu erscheinen, in keiner Sprache noch läßt sich die Parole

ausgeben, und die ich wecken soll, die schlafen noch zu tief. Ists da

unklug, wenn ich so, wie früher Königssöhne taten, einstweilen in einer

anderen Armee diene, damit ich mich schon jetzt an kriegerisches Treiben

gewöhne? Ja, suchen wir Gefahr und Mühsal, wie sie sich gerade bieten,

so bereiten wir uns für höhere Mühsal, wahrere Gefahr. Mir ist wie einem

Täter, der seine Tat noch nicht kennt. >Raube das Licht aus dem Rachen

der Schlange!< Was ist es für eine Stimme, die mir dies Wort manchmal

zuruft aus tiefem Schlaf?«

_17. Oktober_ erwachte ich zum ersten Male wieder mit gesundem Blick,

doch gab es zunächst nichts zu sehen als unendlichen Nebel, der sogar

die Namen der Bahnhöfe verdeckte. Der Kompaß zeigte Zugrichtung Südost.

Als es nach zwölf Uhr sich lichtete, glaubten wir uns großen

Schilfgebieten zu nähern, die sich später als abgeerntete Maisfelder

erklärten. Der Dunst stieg auf und wurde Gewölk, das gegen Abend in

unzählige spitze Hütchen auseinanderfiel, als wäre fern im Raum ein

Lager weißer Zelte aufgeschlagen. In großflächiger Landschaft mit

Gebirgshintergründen kam die Donau näher, geschmückt mit herbstlichen

Inseln, deren eine von Pappelsilberlaub wie blühend schimmerte. Auf

rundem Hügel steht ein griechisches Tempelchen, in dessen Kuppelmessing

sich der letzte Abendglanz verfängt. Von Kisgöd aus, das unter den roten

Gefiedern alter Akazien halb verborgen liegt, fuhren wir immer schneller

der ungarischen Hauptstadt zu. Küchenordonnanz Klingensteiner, Kerzen

bringend, verrät uns, stotternd vor Entzücken, daß wir in Budapest

Stadtquartiere beziehen werden. Einige umarmen einander vor Freude,

Koffer werden aufgesperrt, leichte Stiefel und Urlaubsmützen

hervorgeholt. Leutnant H. und ich beschlossen, ein Kaffeehaus in der

Andrássystraße zu besuchen, einer wünschte vor allem das

Parlamentsgebäude zu sehen, ein anderer die Burg; alle drängten wir zum

Fenster. Nahe den ersten Vororten bog aber der Zug nach Süden ab und

trug uns mit gewaltiger Eile von der türmeschimmernden Stadt hinweg in

die Nacht hinein. Mützen und Stiefel wurden wieder eingepackt, wie immer

die Kerzen angezündet und in leere Konservenbüchsen gestellt, ein

Kartenspiel auf ausgespannter Zeltbahn begonnen. Klingensteiner, Tee,

Brot und Wurst auf dem Brettchen tragend, wagt sich kaum herein, böser

Worte gewärtig; nahezu weinend entschuldigt er sich, er müsse eine

Äußerung des Adjutanten falsch verstanden haben. Spät kam noch der Major

herüber, verdrießlichen Gesichts; es war, als ob er einem das bißchen

Licht wegnähme. Seine Natur ist mehr agil als aktiv; ruhende Menschen zu

sehen, macht ihm Pein. Er sah von einem zum andern; endlich erkundigte

er sich bei mir nach der Gesundheit der Mannschaft. Ich war unbedacht

genug, ohne viel Erörterung das Günstigste zu berichten. Er meinte,

darüber ließe sich doch nicht so leichthin urteilen, das beste wäre,

wenn ich von morgen an täglich bei größerem Aufenthalt mit meinem

Unteroffizier den Zug entlangginge und von Wagen zu Wagen ausdrücklich

fragte, ob niemand erkrankt sei. Die suggestive Wirkung solcher Fragen

bedenkend, ließ ich mir ein unziemliches Lächeln zu schulden kommen, was

der alte Herr schlimm vermerkte; er spitzte seinen Rat zum Befehl und

verließ uns ohne Gruß. Wir sprachen vor dem Einschlafen noch eine Weile

von ihm. Leutnant H., der Götter- und Sagenkundige, erinnerte, daß nach

altem nordischen Glauben die bösesten Mächte sich in gute verwandeln,

wenn es ein einziges Mal gelingt, sie zum Lachen oder auch nur zum

Lächeln zu bringen; es wäre an der Zeit, meinte er, dieses Mittel bei

unserem finstern Gebieter zu versuchen.

Rumänisches Tagebuch · 第 10 / 64 题