Es regnet, und man bringt das Frösteln nicht los. Als ich eben zu mir
kam, lachten die Kameraden und sagten, ich habe zwölf Stunden geschlafen
und schon zweimal das Essen versäumt. Einmal aber muß ich doch wach
gewesen sein, vielleicht gestern abend. Wir fuhren gerade an Leipzig
vorbei, und ich erstaunte, daß die Stadt so unversehrt unter dem
Gewitterhimmel ruhte, daß nicht jedes Haus, jeder Turm zertrümmert war,
eine sonderbare Täuschung des Fiebers.
Die Stunden werden lang; die andern spielen Karten und rauchen; ich habe
einen Aufsatz über Atome und Elektronen nahezu auswendig gelernt, sodann
im Notizbuch abgerissene Sätze gefunden, die ich in Briefen Glavinas
gelesen und nie ganz vergessen hatte, so daß ich sie später leidlich
getreu nachschreiben konnte. Nun suche ich den einen oder andern in
meiner Sprache zu entwickeln, fürchte nur, daß dann etwas anderes daraus
wird, daß der ursprüngliche Jugendklang verloren geht.
* * * * *
»Es gab wilde Zeiten, da riß der Sieger dem erlegten Feinde das Herz aus
der Brust und aß es auf, weil er dadurch die Tugenden und Kräfte des
Toten zu erben hoffte. Zugegeben, daß dies ein kindisch-grausames
Verfahren war; aber so völlig sinn- und ehrfurchtslos, wie es dem ersten
Blick erscheinen mag, ist es doch nicht. Haß, ist er mit Liebe nicht aus
einer Wurzel? Der Meister der Menschen, ernährt er nicht seit
zweitausend Jahren mit seinem Herzen unzählige Seelen? Mir ist, als sei
keiner von uns zu langem Leben berufen, -- erkennen wir es doch! Opfern
wir uns bewußt und freudig dem unbekannten Geiste der Zukunft, bevor uns
ein armseliger Zufall ereilt und sinnlos zerfleischt!«
* * * * *
»Durchsichtig-dichte Jahre der Kindheit! Wo man sich wunderte, weil in
der Welt nur immer gerade so viel Wichtiges und Gefährliches geschah,
daß die Zeitung davon genau voll wurde, nie mehr und nie weniger!
Meistens, wenn die Blätter ins Haus kamen, teilten sich Vater und Mutter
darein; gespannt und sorgenvoll blickten sie auf die bedruckten Seiten,
es mußte ruhig im Zimmer sein, und ich durfte meine Angelegenheiten
nicht zur Sprache bringen. Aber wie Sonnenfinsternis ging der ängstliche
Zustand vorüber; verächtlich wurden die Papiere weggelegt, und alles
Fremde war damit unschädlich gemacht und abgetan. Heute nacht nun hatte
ich einen seltsamen Traum. Ich war wieder Kind und ging während eines
Gewitters über steinige Berge. Ein weißes Blatt hielt ich in Händen und
wandte keinen Blick davon. Frage ich mich jetzt, was auf der weißen
Fläche stand, so muß ich bekennen, daß sie ganz leer war, ohne Schrift,
ohne Zeichen; dennoch las ich mit Entzücken darin. Tiefziehende Wolken
besprühten das Blatt, Blitze loderten darüber hin, Himmel und Felsen
ertönten, und schaurig aus der Ferne riefen die Geister der Toten. Ich
aber las auf dem leeren Weiß unsagbar selige Begebenheiten und kümmerte
mich nicht um Gewitter und Rufe der Toten.«
* * * * *
»O Freund, ich selber würbe gern ein Heer zu wunderbarem, nie gewagtem
Feldzug; aber es ist noch zu früh, der Feind, den wir überall spüren,
hütet sich zu erscheinen, in keiner Sprache noch läßt sich die Parole
ausgeben, und die ich wecken soll, die schlafen noch zu tief. Ists da
unklug, wenn ich so, wie früher Königssöhne taten, einstweilen in einer
anderen Armee diene, damit ich mich schon jetzt an kriegerisches Treiben
gewöhne? Ja, suchen wir Gefahr und Mühsal, wie sie sich gerade bieten,
so bereiten wir uns für höhere Mühsal, wahrere Gefahr. Mir ist wie einem
Täter, der seine Tat noch nicht kennt. >Raube das Licht aus dem Rachen
der Schlange!< Was ist es für eine Stimme, die mir dies Wort manchmal
zuruft aus tiefem Schlaf?«
_17. Oktober_ erwachte ich zum ersten Male wieder mit gesundem Blick,
doch gab es zunächst nichts zu sehen als unendlichen Nebel, der sogar
die Namen der Bahnhöfe verdeckte. Der Kompaß zeigte Zugrichtung Südost.
Als es nach zwölf Uhr sich lichtete, glaubten wir uns großen
Schilfgebieten zu nähern, die sich später als abgeerntete Maisfelder
erklärten. Der Dunst stieg auf und wurde Gewölk, das gegen Abend in
unzählige spitze Hütchen auseinanderfiel, als wäre fern im Raum ein
Lager weißer Zelte aufgeschlagen. In großflächiger Landschaft mit
Gebirgshintergründen kam die Donau näher, geschmückt mit herbstlichen
Inseln, deren eine von Pappelsilberlaub wie blühend schimmerte. Auf
rundem Hügel steht ein griechisches Tempelchen, in dessen Kuppelmessing
sich der letzte Abendglanz verfängt. Von Kisgöd aus, das unter den roten
Gefiedern alter Akazien halb verborgen liegt, fuhren wir immer schneller
der ungarischen Hauptstadt zu. Küchenordonnanz Klingensteiner, Kerzen
bringend, verrät uns, stotternd vor Entzücken, daß wir in Budapest
Stadtquartiere beziehen werden. Einige umarmen einander vor Freude,
Koffer werden aufgesperrt, leichte Stiefel und Urlaubsmützen
hervorgeholt. Leutnant H. und ich beschlossen, ein Kaffeehaus in der
Andrássystraße zu besuchen, einer wünschte vor allem das
Parlamentsgebäude zu sehen, ein anderer die Burg; alle drängten wir zum
Fenster. Nahe den ersten Vororten bog aber der Zug nach Süden ab und
trug uns mit gewaltiger Eile von der türmeschimmernden Stadt hinweg in
die Nacht hinein. Mützen und Stiefel wurden wieder eingepackt, wie immer
die Kerzen angezündet und in leere Konservenbüchsen gestellt, ein
Kartenspiel auf ausgespannter Zeltbahn begonnen. Klingensteiner, Tee,
Brot und Wurst auf dem Brettchen tragend, wagt sich kaum herein, böser
Worte gewärtig; nahezu weinend entschuldigt er sich, er müsse eine
Äußerung des Adjutanten falsch verstanden haben. Spät kam noch der Major
herüber, verdrießlichen Gesichts; es war, als ob er einem das bißchen
Licht wegnähme. Seine Natur ist mehr agil als aktiv; ruhende Menschen zu
sehen, macht ihm Pein. Er sah von einem zum andern; endlich erkundigte
er sich bei mir nach der Gesundheit der Mannschaft. Ich war unbedacht
genug, ohne viel Erörterung das Günstigste zu berichten. Er meinte,
darüber ließe sich doch nicht so leichthin urteilen, das beste wäre,
wenn ich von morgen an täglich bei größerem Aufenthalt mit meinem
Unteroffizier den Zug entlangginge und von Wagen zu Wagen ausdrücklich
fragte, ob niemand erkrankt sei. Die suggestive Wirkung solcher Fragen
bedenkend, ließ ich mir ein unziemliches Lächeln zu schulden kommen, was
der alte Herr schlimm vermerkte; er spitzte seinen Rat zum Befehl und
verließ uns ohne Gruß. Wir sprachen vor dem Einschlafen noch eine Weile
von ihm. Leutnant H., der Götter- und Sagenkundige, erinnerte, daß nach
altem nordischen Glauben die bösesten Mächte sich in gute verwandeln,
wenn es ein einziges Mal gelingt, sie zum Lachen oder auch nur zum
Lächeln zu bringen; es wäre an der Zeit, meinte er, dieses Mittel bei
unserem finstern Gebieter zu versuchen.