15. Oktober

Noch schlafen alle; mich allein haben Licht und Kälte geweckt. Der Zug

fährt auf hohem Viadukt über einem Tale voll Nebelrauch; spitztürmig

steht ein Schattendörfchen vor dunkelblau durchscheinendem Hügel,

darüber die Sonne als überströmender Glanz in zerhöhltem Gewölk. Essen

veratmen graugelben Dampf, der am Rand ins Purpurne spielt. Ich sah in

die rote Glut eines Hochofens hinein, schwarze Männer gingen hin und

her, so hab ich mir als Kind Salamander im Feuer geträumt. Nach diesem

Anblick schlief ich noch einmal ein.

* * * * *

Immer schneller gegen Osten. Diesen Tag will ich keine Bezeichnungen der

Bahnhöfe, keine Plakate, keine Dorfnamen lesen, auch nicht hinhören,

wenn sich die andern darüber unterhalten. Auf die namenlose Landschaft

will ich achten, wie sie sich leise ändert und die Tönung des Himmels

über ihr.

½3 Uhr nachmittag

Überall braunrotes Ackerland, mit Wintersaat lichtgrün bestäubt, die

Bäume schon viel mehr vergilbt als in Pronville und Libermont. Eine

rötliche Straße führt zu kleinen Ortschaften und darüber hinaus zu Höhen

mit Gehölz und Gestrüpp. Langsam fahren wir durch einen kleinen Bahnhof;

eine alte Bäuerin steht allein an der Sperre. Ihr schwarzes Kopftuch

bildet über der Stirne ein spitzbogiges Vordächlein, und auch die vielen

tiefen Furchen des Gesichtes streben gotisch zueinander auf.

Die Bahnhofuhr zeigt eine falsche Stunde; darunter liegen,

aneinandergefesselt, Kirchenglocken, die Klöppel ausgerissen, die

Sprüche und verzierenden Figuren mit nassen Blättern beklebt. Sie müssen

zum Einschmelzen für neue Geschütze bestimmt sein. So bin ich diesmal

schlafend über den Rhein gefahren. Wir sind in Deutschland.

Rumänisches Tagebuch · 第 9 / 64 题