Noch schlafen alle; mich allein haben Licht und Kälte geweckt. Der Zug
fährt auf hohem Viadukt über einem Tale voll Nebelrauch; spitztürmig
steht ein Schattendörfchen vor dunkelblau durchscheinendem Hügel,
darüber die Sonne als überströmender Glanz in zerhöhltem Gewölk. Essen
veratmen graugelben Dampf, der am Rand ins Purpurne spielt. Ich sah in
die rote Glut eines Hochofens hinein, schwarze Männer gingen hin und
her, so hab ich mir als Kind Salamander im Feuer geträumt. Nach diesem
Anblick schlief ich noch einmal ein.
* * * * *
Immer schneller gegen Osten. Diesen Tag will ich keine Bezeichnungen der
Bahnhöfe, keine Plakate, keine Dorfnamen lesen, auch nicht hinhören,
wenn sich die andern darüber unterhalten. Auf die namenlose Landschaft
will ich achten, wie sie sich leise ändert und die Tönung des Himmels
über ihr.
½3 Uhr nachmittag
Überall braunrotes Ackerland, mit Wintersaat lichtgrün bestäubt, die
Bäume schon viel mehr vergilbt als in Pronville und Libermont. Eine
rötliche Straße führt zu kleinen Ortschaften und darüber hinaus zu Höhen
mit Gehölz und Gestrüpp. Langsam fahren wir durch einen kleinen Bahnhof;
eine alte Bäuerin steht allein an der Sperre. Ihr schwarzes Kopftuch
bildet über der Stirne ein spitzbogiges Vordächlein, und auch die vielen
tiefen Furchen des Gesichtes streben gotisch zueinander auf.
Die Bahnhofuhr zeigt eine falsche Stunde; darunter liegen,
aneinandergefesselt, Kirchenglocken, die Klöppel ausgerissen, die
Sprüche und verzierenden Figuren mit nassen Blättern beklebt. Sie müssen
zum Einschmelzen für neue Geschütze bestimmt sein. So bin ich diesmal
schlafend über den Rhein gefahren. Wir sind in Deutschland.