Im Uferwald verborgen
lag die Morgensonne.
Wir stießen vom Strand.
Sie sprang ins Wasser,
gab über den Strom uns
ein funkelnd Geleite.
Diese alten Verse fielen mir heute beim Erwachen ein, als wir eben über
einen Fluß fuhren, wo die Sonne tiefgespiegelt neben uns mitreiste.
Nachts war ich mehrmals munter geworden, während irgendwo der Zug
stillstand; so glaubte ich, wir seien kaum weitergekommen und sprach den
Fluß noch als die Donau an, es war aber die Theiß. Bald sahen wir in
weiter Ebene Gehöfte mit haushohen Ziehbrunnen, Herden schwarzwollig
behaarter Schweine, junge Feldarbeiterinnen mit weißen, blaugestreiften
Kopftüchern, die am Rand eines Kukuruzackers Kürbisse sammelten. Als die
Soldaten ihnen zuwinkten, kreuzte eine die Arme heftig über der Brust,
um sie dann, mit fremdartigem Ungestüm, dem enteilenden Zuge
nachzustrecken.
* * * * *
In Békéscsaba stieg ein himmelblaues Urlaubsoffizierchen zu uns herein,
ungarischer Kavallerist, dessen knabenhafter Überschwang ein Weilchen
wie Kolibrigeschwirr die ernsten deutschen Käuze unterhielt. Er duzte
uns alle, wie es im verbündeten Heere üblich ist, verteilte seinen
halben Zigarettenvorrat, ließ uns die Photographie seiner Braut
bewundern und versicherte uns auf ewig seiner unbedingten Freundschaft,
vergaß auch nicht, uns zu erinnern, es gäbe nur den Sieg oder den Tod
für uns, kein drittes. Als wir uns Arad näherten, überreichte er jedem
eine Postkarte mit seinem Bild und erbat sich Gegengaben. Vergeblich
suchten wir lange in allen Taschen; doch fand sich endlich bei mir ein
wunderschönes Lichtbildchen der Tänzerin Clotilde von Derp, von Meister
Holdt wie ein Gemälde aufgenommen und nach Libermont gesandt; dies gab
ich schließlich mit bösem Gewissen hin. »Deine Braut?« schrie der Ungar
und äußerte maßlos Dank und Entzücken. Ich überlegte, während er die
Reize der zarten Gestalt wie ein Kenner hervorhob, ob ich eingestehen
sollte, daß ich leider nie die herrliche Künstlerin von Angesicht zu
Angesicht gesehen, sagte mir aber, daß dies albern wäre, und ließ mich
getrost als den glücklichsten der Männer feiern und beneiden.
In Arad kaufte ich zwei Flaschen Tokaier und verwahrte die eine im
Sanitätswagen; die andere teilte ich mit Raab, so daß wir bald in die
Laune gerieten, den Befehl von gestern auszuführen. Eindringlich fragten
wir vor jedem Wagen die guten Leute nach ihrem Befinden. Einige
lächelten verlegen, andere erschraken sehr, da sie glaubten, wir hätten
irgend etwas Niederträchtiges mit ihnen vor. Als ihnen aber klar wurde,
daß die Frage ernst gemeint sei, da spürte der eine oder andere bald ein
Ziehen, Drücken oder Schneiden; ja mancher brave Junge, der noch vor
fünf Minuten seiner Gesundheit allerhand Proben zugetraut hätte, begann
sich ein wenig lazarettreif zu fühlen. Ich begnügte mich für heute mit
zwölf Krankmeldungen; es wären aber leicht vierzig oder fünfzig zu
erreichen gewesen. Die Meldung, die ich nach dem Mittagessen im Bahnhof
zu Arad erstattete, rief den erwarteten Schrecken hervor, und als ich
nun ehrerbietig meine Gründe gegen das neue Verfahren vorbrachte, fand
ich keinen Widerspruch. Besänftigend fügte ich übrigens hinzu, daß ich
bisher noch keinen der Erkrankten in ein Lazarett überwiesen habe,
sondern versuchen wolle, sie bei der Truppe zu behandeln. Gegen Abend
fuhren wir zwischen Waldbergen einem neuen Fluß entlang, der uns seither
nicht mehr verläßt; es ist die Maros.