Ein Lager von Edamer Käsen ist im Keller unsers Quartiers entdeckt
worden; der Jubel war ungeheuer. Der Major, der gerade dazukam,
behandelte die Sache sehr dienstlich; vor aller Augen sollte der Schatz
im Hof auf Zeltbahnen geschüttet, von Schutt und Schimmel gesäubert und
unter die Kompagnien verteilt werden. Der Feldwebel, der die Käse
zählte, bemerkte, daß sie beim Fallen recht hart aufklangen, und zog
sein Messer, um einen anzuschneiden, was sich aber als unmöglich
herausstellte; die Masse war wie verbeint. Schweigsam standen die
Soldaten umher; hinter den etwas vergrauten radieschenroten Schalen
mochte sich jeder ein fettes, weiches Gelb erträumt haben, und noch gab
keiner seine Hoffnung auf. Manche hielten sich nicht mehr, zogen auch
ihre Messer und stachen in die nächsten Rotköpfe, fanden aber den
gleichen Widerstand. Viele entfernten sich jetzt, einige mit Hohnrufen,
andere mit verzichtenden Mienen, als wüßten sie schon, daß ihnen nichts
Gutes gegönnt sei. Dem häuslichen Sinn des Majors aber widerstrebte es,
den froh begrüßten Fund preiszugeben; er befahl, die Käse
auseinanderzusägen, indem er hoffte, sie würden sich wenigstens auf
Parmesanart zerpulvern lassen. Aber das Innere zeigte sich nicht nur
durchaus fest, sondern auch überall mit einem rötlichgrünen
Zersetzungsnetz durchzogen, das freilich gleichfalls der Verhärtung
anheimgefallen ist. Die Leute, die noch gewartet hatten, gingen jetzt
ärgerlich lachend auseinander, ohne sich jedoch zu äußern; nur
Infanterist Kristl mußte wieder einmal seinen immer arbeitenden Grimm
entladen, indem er vorschlug, die Käse doch an des Kaisers Hoftafel nach
Spa zu schicken. Er sprach so laut, daß der Major es hören mußte; der
aber weiß ja längst, wie gerne Kristl in ein Strafverfahren verwickelt
würde, um auf Gefängnisumwegen in die Heimat zu gelangen, und so nahm er
von dem frechen Wort keine Kenntnis.
Zehn Minuten später ist ein Fußballspiel mit den roten Kugeln im Gang.
Auch Kristl beruhigt sich. An einem Baum lehnend schnitzt er aus einem
abgesägten Stück eine Tierfigur, durch kluge Verwertung der
Schimmelstreifen schön getigert. Endlich aber ist die Masse doch zu
brüchig, die halbfertige Form zerbröselt; heftig wirft er sie auf den
Kies.
Der Abend wird kalt. Aus hochgestuften braungesäumten Wolken stehen
schräge breite Strahlen wie Flügel einer Windmühle. Bei Bapaume entsteht
eine neue Schlacht; viele glauben, daß man uns dort einsetzen wird. Eben
hüpft aber ein Gerücht umher, als wären wir für die rumänische Front
bestimmt. Feldpost kommt. Das Söhnchen ist wieder gesund und will immer
zeichnen und bauen.
_Am 13. Oktober_ gegen abend wurden wir in Aubigny-au-Bac mit
unbekanntem Ziele verladen. Es vollzog sich langsam und umständlich. Der
kleine Kommandeur hält noch immer nicht viel von schwäbisch-bayrischer
Gewandtheit und Findigkeit und will wieder alles allein tun, jede
Feldküche, jedes Maschinengewehr selbst verstauen. Alles lacht und
schimpft über ihn wie über das Urböse, während er mit kummervoll
verbissenem Gesicht und heftigen spastischen Gebärden Befehle bellt,
welche niemand versteht, bis endlich der Bahnhofkommandant ungeduldig
wird und ihm hochmütig droht, er werde den Zug in fünf Minuten unter
allen Umständen abfahren lassen. Dies gerät nun unserem aufgeregten
Gebieter zum Heile; mit einem Schlag regen sich alle Hände für ihn. Denn
wenn er uns auch oft gar zu sehr in Atem hält und mancher ihm eine
kleine Unannehmlichkeit wohl gönnte, er ist doch unser Kamerad, und sein
dürftiges, fahlgraugrünes Umhängchen, stearinsteif von den
Kerzenlichtern vieler Unterstände und verdreckt von allen Erden
Frankreichs und Flanderns, ist uns wahrlich ehrwürdiger als der
nagelneue Prunkmantel des Herrn Oberstleutnants vom Bahnhof. Ungeheißen
greift jetzt jeder zu, ein Viertelstündchen, und der Zug steht bereit.
Es begann aus tiefen Wolken zu regnen; ich fand Platz bei zwei
Kompagnieführern, aß noch einen Apfel und wickelte mich in die Decke.
Etwas Fieber scheint mir im Blute zu spuken, -- wie froh bin ich, daß
Ruhetage kommen und hinter ihnen eine große Reise! Ich schlief bald ein
und träumte mancherlei. Einmal sah ich Vally mit Wilhelm an einem
Tischchen sitzen. Sie hatten Spielkarten zu Reihen gelegt und sahen, die
Stirnen in die Hände gestützt, Schachspielern ähnlich, darauf nieder.
Später kam auch die kleine Regina, setzte sich zu ihnen und tat wie sie.
Plötzlich zog sie einen versiegelten Brief hervor, hielt ihn mir hin,
ohne von den Karten aufzublicken und sagte: »Es ist nichts Eiliges. Nur
eine Botschaft vom Heiligen Geist.« Beim Erwachen war mein Rücken
feucht; ich merkte, daß das Fieber geschwunden war.