Um drei Uhr früh weckte mich Rehm. Ich trank den Tee im Bett, blieb noch
eine Viertelstunde liegen, bedachte manches. Das Einpacken ging schnell.
Einige Bildchen ließ ich, den Dämonen zum Opfer, an der Wand hängen.
Wilhelms Zeichnung, ein Ding halb wie ein Schiff, halb wie ein Vogel,
nahm ich am Ende doch mit. Beinah wäre die rote Wachshand der kleinen
Regina in der Schublade liegen geblieben. Ich hatte das Kästchen gestern
beim Umräumen übersehen. Nun sind es zwei Jahre. Was Kindern für
Einfälle kommen! Aber eigentlich hatte die Mutter schuld daran. Warum
zwang sie das Mädchen, eine wächserne Hand auf den Mariahilfberg zu
tragen? Da wars kein Wunder, daß Regina dachte: der Doktor hat mehr Mühe
gehabt als die Mutter Gottes, warum soll er leer ausgehn? Daß ich die
Reliquie immer bei mir haben soll, war freilich ein Verlangen. Aber
schließlich schleppe ich nicht schwer daran. Ists nicht Liebe, so ists
Aberglaube; auch der hat viel Gewalt.
Die alten Varniers waren bereits aufgestanden und angekleidet, als ich
in die Küche kam, um Abschied zu nehmen und Dank zu sagen. Sie wehrten
ab, -- »on remplit son devoir«, sagte die Dame höflich. Doch drückten
wir uns kräftig die Hände. Um halbfünf Uhr, bei Finsternis, rückten wir
ab und erreichten Ham um halbneun Uhr. In sehr langsamer Fahrt, über
Cambrai hinaus, verging der kurze Tag; es dunkelte schon wieder, als der
Marsch nach Pronville begann. Der Mond stand hinter Wolken; doch ferne
Felder schimmerten von ihm. Im Winde war ein Gurren wie von Lachtauben;
dürres Laub lief über den Boden wie Mäuse. Von der Somme her tost es wie
Weltuntergang; von tausend Mündungsblitzen und Leuchtraketen fiebert der
Himmel.
Um Mitternacht, auf der Landstraße, aßen wir bei den Feldküchen Bohnen
und Büchsenfleisch; das war Mittag- und Abendessen zugleich und
schmeckte köstlich. Gern hätte man sich den Teller noch einmal füllen
lassen; aber die Vorräte sind bedenklich knapp geworden, und der
Mannschaft ein Beispiel tüchtigen Hungers zu geben, kaum rätlich.
Während wir noch aßen, zersetzte sich das Gewölk zu Flocken; der Himmel
»häutete sich«, wie wir in Bayern sagen, der Mond wurde frei.
Die Straße ist voll ziehender Kolonnen; erst kommt preußische
Infanterie, bringt böse Kunde, Maurebas verloren, Péronne gefährdet,
klagt über viel zu geringe Wirksamkeit unserer Artillerie, ja ohne die
ungeheure Leistung der Infanterie, meint ein Offizier, wäre die Front
gewiß bereits durchbrochen. Bald hierauf kommen preußische
Artilleristen, bestätigen die schlimmen Nachrichten, schmälen über das
arge Nachlassen der Infanterie und begreifen nicht, warum wir alle
herzlich lachen, als sie beteuern, die Artillerie ganz allein halte noch
die Front.
Franzosen in langen dunklen Mänteln, die Schultern fröstelnd
hochgezogen, marschieren in Gefangenschaft. Einige von unseren jungen
Tapsen nähern sich ihnen, scharren ihre paar Vokabeln zusammen, möchten
gerne wissen, wieviel sie drüben Löhnung, was für Essen sie haben, wann
Friede werde und dergleichen. Die Fremden scheinen nicht recht zu
verstehen; ihre bleichen Gesichter starren undurchdringlich im
Mondlicht, und in ihrer Lage, mitten in ihrem zerstörten Lande, ist es
ihnen kaum zu verdenken, wenn sie der naturhaften süddeutschen
Zutraulichkeit wenig entgegenkommen.
Endlich kam bayrische Artillerie auf dem Weg in Ruhequartiere.
Infanterist Wimmer von der 6. Kompagnie tritt mich kräftig auf den Fuß,
rennt mit flüchtigster Entschuldigung weiter, leuchtet jedem
Artilleristen mit der Taschenlampe ins Gesicht. »Licht aus!« ruft man
ihm zornig zu. »Es sind ja die Achter!« schreit er verzweifelt; »bei
denen ist mein Vater Kanonier«, dreht aber das Lämpchen doch ab. Zum
Glück wird bei den Batterien Halt befohlen, und bald gelingt es durch
eifriges Fragen wirklich, den Kanonier Wimmer zu finden. Er ist ein
hagerer, schon ergrauender Mann mit hartem, rasiertem Gesicht voll
kleiner Falten, die Mundwinkel eingekniffen; der Mondschein fiel gerade
auf ihn, so daß ich sah, wie seine Augen vor Staunen und Freude groß
wurden. Die beiden schauten sich an, hielten sich bei den Händen, kamen
lange in kein Gespräch. Die Kunde von dem ungewöhnlichen Zusammentreffen
läuft schnell herum, und man zieht sich zurück, um die zwei nicht zu
stören. Schließlich nimmt der Vater ein Päckchen aus der Tasche und gibt
es dem Sohn. Die Kompagnieführer verzögern den Abmarsch; endlich aber
ertönt der Ruf: An die Gewehre! Der lange, schon eingereiht, gibt im
Augenblick des Abmarsches seiner Ergriffenheit unwillkürlich den
einzigen Ausdruck, der ihm innerhalb der soldatischen Form zur Verfügung
sieht: er macht vor dem zurückbleibenden Vater eine regelrechte
Ehrenbezeigung, obgleich dieser keinerlei Charge bekleidet, eine
rührende Gebärde, die unter den anderen ein leises gutmütiges Lachen
hervorruft.
Nach Mitternacht erreichten wir Pronville. Ich wurde in ein
schloßartiges, parkumgebenes Gebäude verwiesen. Auf dem Flur erschien
ein Offiziersdiener, der mir vertraulich riet, lieber in die
Nachbarschaft zu ziehen, dort wären saubere Räume frei, hier dagegen
wimmele es von Läusen. Ich vermutete gleich, was bald herauskam, daß der
Bursche auf einen Zweck hinredete. Sein Herr hatte bis jetzt in zwei
Zimmern recht bequem gewohnt; nun sollte er eins davon mir einräumen,
und diese Pein suchte der treue Diener von ihm abzuwenden. Auch Rehm
durchschaute den Schlauen und überhob mich der Antwort, indem er
freundlich erklärte, wir fürchteten uns nicht vor Läusen, es könnte
sogar sein, daß wir etliche mitbrächten, worauf jener wie ein mit
Weihwasser besprengtes Gespenst verschwand.